lächelte im Vorbeigehn über sich und die Bestechlichkeit der Sinne, als ihnen der Wirt entgegentrat und sie höflichst befragte, ob sie nichts dawider hätten, mit einem anständigen Herrn hier im nächsten Zimmer zu speisen. Sie nahmen es an und traten hinein. In's Fenster gelehnt stand ihr blonder Reisegefährte, der sie, aus einem flüchtigen blick im Vorbeireiten, erkannte und höflichst begrüsste. Das Gespräch ward bald, wie gewöhnlich im Leben, an unbedeutende Gemeinplätze angeknüpft, die es denn endlich ganz natürlich herbeiführten, dass der junge Mann, Jagdjunker eines benachbarten Fürsten, auf dem Wege zu dessen Residenz begriffen sei. Er hatte eine etwas raube stimme; sonst viel gutmütige Herzlichkeit, die leicht Eingang fand; vorzüglich war er aufmerksam um Luisen bemüht und liebkoste tändelnd Matildens Hund, der sie nach dem Falkenstein begleitete. Julius sagte ihm: dass ihnen dies kleine Tier als ein liebes Andenken einer kürzlich verstorbnen Mutter sehr wert sei, wobei Luise ihre feuchten Augen senkte und die Rührung des Fremden nicht wahrnahm, der fast kindlich ausrief: ach Gott! ich habe meine Mutter niemals gesehen und habe auch kein Andenken von ihr! Sein Gesicht drückte dabei so wahr die sehnsucht nach dem ungekannten Glücke aus, dass Julius voll Teilnahme seine Hand fasste und alle drei recht von Herzen zu reden begonnen. Es zeigte sich nun bald, im Laufe der Unterhaltung, dass der junge Mann ein Neffe des Baron Velteim und Julius, aus seiner Kindheit, unter dem Nahmen Carl bekannt war. Sie hatten nicht sobald diesen gemeinschaftlichen Berührungspunkt gefunden, als die Familie des baron Luisen aus manchen treffenden Zügen bekannt gemacht, und der Wunsch, sie kennen zu lernen, in ihr erregt wurde, wobei Carl lustig hinzusetzte, er käme sich dort wie ein Ostrogote vor, da ihn die Tante jeden Augenblick versichre: er habe nicht die geringste Leichtigkeit im Umgang mit Frauen, keine Gewandheit in der Unterhaltung; eine Reise nach Paris könne ihm beides allein geben, und, statt einen so untergeordneten Posten an einem kleinen hof anzunehmen, hätte er suchen sollen, in Verbindung mit einem weltklugen Freunde, die Reise zu unternehmen. Der Onkel hingegen lebe in der alten und neuen Literatur, rufe einen Kreis von Gelehrten um sich her, in welchem er ihn gänzlich übersehe. Selbst in der gefälligkeit der kleinen Cousine liege eine Art von Spott, denn sie rede von nichts als Hunden, Jagd und Pferden mit ihm, und zeige wohl, dass sie sich gütig bemühe, zu ihm herunter zu steigen. Julius entschuldigte das mit der Unkunde der meisten Menschen, eine allgemeine Unterhaltung herbei führen zu können, wodurch allein die gesellige Mitteilung frei bleibe und jeder in den Stand gesetzt werde, das Seinige dazu beizutragen, ohne ihn auf eine angreifende Weise in den abgeschlossenen Kreis seines täglichen Tuns und Treibens zurückzudrängen. Ja, sagte Carl, und das Zurückdrängen hat denn noch den Fehler, dass man es dem Andren gleich ansieht, er ritte lieber seinen eignen Gaul, da er auf dem fremden mein Leben nicht recht im Sattel ist. Die Leichtigkeit, fuhr Julius fort, in die abgeschlossnen Verhältnisse jedes Menschen einzugehen, wird grösstenteils als der Gipfel der feinern Bildung angesehen, aber es muss wie von selbst aus dem Vorhergehenden entspringen und sich leicht und gefällig der allgemeinen Unterhaltung anschliessen, sonst hat es etwas Demütigendes für den, der einmal aus dem alten Geleise heraustreten wollte und dem man dadurch freundschaftlichst winkt, stehen zu bleiben. Das ist wahr! rief Carl ganz entzückt, das ist wahrhaftig wahr. Das werde ich Emilien nächstens sagen, wenn sie mich wieder in meine Wälder schickt, aus denen ich eben komme, um mit ihr ganz andre Dinge zu reden.
Der Wagen war indess vorgefahren. Julius wünschte Luisen bald in ihr neues Reich einzuführen und eilte daher, den Rest der kleinen Reise bald zurückzulegen. Carl trennte sich wie ein alter Freund von ihnen, der sich in ihrer Nähe leicht und wohl fühlend, ehestens zu ihnen zurückzukehren versprach. –
Ich erinnere mich, sagte Julius, als sie allein waren, dass mein Vater fast auf ähnliche Weise wie die Baronin über Carl urteilte, und es hat sich dennoch ein recht frischer, gesunder Sinn und zuverlässig ein treues Herz in ihm entwickelt. Luise hatte in der Einsamkeit eine sehr gebildete Erziehung genossen; sie besass viel Kenntnisse und war durch Matilden an eine unterrichtende, fast gewählte, Unterhaltung gewöhnt. Sie hegte daher eine Art von Verachtung gegen alle Unwissenheit und übersah Menschen ohne hervorstechende Gaben fast gänzlich. Carls Gutmütigkeit hatte sie bewegt, indess glaubte sie, mitleidiges Wohlwollen sei nicht das Rechte, was Einer für den Andern empfinden solle. Julius versicherte sie, oft bei dem reichsten Schatz von Kenntnissen, mehr Einseitigkeit und ermüdendes Einerlei, als bei diesem offnen, freien Gemüte gefunden zu haben. Frei? – wiederholte Luise, das bestreite ich, er fühlt sich alle Augenblicke einmal beschränkt und hat weder die Mittel, noch sucht er die Wege, sich los zu machen. Liebe Luise, erwiderte Julius, verdamme die Unbeholfnen nicht so gradehin, ein jeder hat seinen Kreis, in welchem er sich frei bewegt; führe ihn da heraus, so steht er wie Carl da, der wenigstens gescheut einlenkt und seine Freiheit dadurch behauptet, dass er nicht mehr will als er kann. Ich weiss wohl, fuhr er fort, dass der Kreis des Einen grösser ist als des Andern; allein ein jeder zieht ihn sich am Ende selbst und kann nicht über seine Kräfte hinaus.