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, es passte in ihre phantastische Welt und schmeichelte dem ihr eignen Wohlgefallen an jeder ungewöhnlichen Erscheinung. Sie hörte daher aufmerksam zu, als Julius fortfuhr. Ich lernte Beide in Rom kennen, wo wir in einem haus wohnten, ohne einander zu Anfang eine grosse Aufmerksamkeit zu schenken. Der junge Mann schloss sich indess aus angebornem Widerspruch des Gemütes an mich an und sagte oft lachend, er liebe mich der natur zum Trotz, die uns in allen Richtungen unsres inneren von einander geschieden habe. Wirklich war nichts Unähnlicheres zu finden und dennoch widerstand ich seiner Liebenswürdigkeit nicht, die im steten Wechsel immer einen originellen Charakter behielt. Ich habe es oft versucht, ein festes Bild in der Erinnerung von ihm aufzufassen; allein das ist durchaus unmöglich, da in diesem Augenblick die sittigste Gewandheit, schmeichelnde Worte und Mienen, ja inniges Gefühl, von den allerwildesten Ausbrüchen toller Laune verdrängt werden und, mitten aus diesem Tumult, der Verstand wieder klar und besonnen hervortritt und über die wechselnden Eindrücke lächelt, die solch täuschendes Spiel erzeugt. Ich weiss nicht, ob ihn diese Besonnenheit immer leitet, ob er stets absichtlich handelt, oder ob seine brennende Phantasie ihn fortreisst, die er aus eigner Kraft dann selbst wieder zügelt und vielleicht sich wie die Welt glauben lässt, ruhige überlegung leite seine Schritte. Ich mag bei dem letzteren gern stehen bleiben, weil ich einmal ein bestechliches Wohlwollen für ihn empfinde, und auch nicht denken kann, dass der Mensch, bei so grossen Anlagen, ein bloss mechanisches Kunststück aus sich machen werde. Allein, er hat mir öfter gesagt: es sei die Schuld aller nicht Blindgebornen, wenn sie schwarz für weiss ansehen. Die Phantasie der Meisten sei so arm, ihr Gefühl so nüchtern, dass sie es immer dankbar annehmen, wenn man ihnen von aussen etwas aufdringe, was sie beschäftigen könne. Es sei eine Lust, wie sie sich hin und her werfen liessen, ohne nur einmal den Wunsch in sich aufkommen zu lassen, durch innre Haltung solchem Spiel zu widerstehen. Dieser Zustand halben Denkens, diese augenblickliche Anregung des Verstandes, der sich sogleich voll Eitelkeit über sich selbst erhebe und der Sache auf den Grund zu schauen meine, dies vornehme Verachten jeder ungewöhnlichen Handlung, alles dies tue den Menschen so wohl, dass sie zu Dutzenden in sein Netz liefen und, selbst nach erkannter Täuschung, willig bei ihm aushielten.

Luise fasste einen lebhaften Widerwillen gegen solch Gemüt und erklärte es geradezu für boshaft. Julius bestritt das und versicherte, dass es ihm mit der Verachtung der Menschen sicher nicht Ernst sei, da er ihn nicht selten mit gänzlicher Selbstverläugnung für Andre tätig gesehen und, ohnerachtet eigner Zügellosigkeit, dennoch eine richtige Würdigung des Guten in ihm gefunden habe. Die Frauen, setzte er lächelnd hinzu, haben freilich Fernando nicht zu loben, denn ob er gleich ihren Reizen huldigt, so sieht er dennoch in ihnen nur ein liebliches Spielwerk, das man ohne sonderliche Reue zerbrechen und nach Gefallen wegwerfen kann. Die kleine Francesca musste das erfahren; – ob sie ihn gleich mit einer Ergebenheit liebte, die sie oft zur Vertrauten, ja Helferin, neuer Abenteuer machte, so verliess er sie dennoch, um mich nach Paris zu begleiten, wo er einen teil seines Lebens zubrachte und alte Verbindungen wieder anknüpfen wollte. Sie geriet ganz ausser sich, als er sie am Abend vor unsrer Abreise auf die ruhigsie Weise mit seinen Plänen bekannt machte. Sie überhäufte ihn mit Schmähungen und zerschlug sich mit den kleinen Händen die Brust, um sein trügerisches Bild darin zu vernichten. Er begegnete allen ihren Ausfällen sehr sanft, lachte aber überlaut, als sie ihm auch Vorstellungen über seinen Wankelmut machte. Du Neuling in der Welt! rief er, solche Tränen sind morgen getrocknet. Du bist unwiederbringlich verloren, wenn Du Dich von Ihnen berücken lässst. Sage mir, was sollte aus uns werden, wenn dies verführerische Geschlecht alle Macht über uns ausübte, die es gern über den ganzen Erdkreis verbreiten möchte! Sei kein Kind, Francesca, sagte er, die Kleine küssend, Du weisst wohl, wie kalt mich Auftritte dieser Art lassen und wie sie immer ihren Zweck verfehlen. Verweine Deine schönen Augen nicht, Du kannst sie besser gebrauchen. Ich war ganz empört über diesen Nachsatz; allein Francesca lachte mitten unter ihren Tränen, und sagte: geh nur! Du kommst doch wieder zu mir zurück, denn Dich versteht Niemand so gut als ich, und Du bist nirgend so recht eigentlich zu haus, als in dem Umgang mit mir. Fernando gab ihr gern Recht, und wir brachten den Abend sehr vergnügt zu.

Sie waren während dieser Unterredung, die Luisen einigermassen von sich selbst abzog, nach Quedlinburg gekommen, wo sie die Mittagstunden zubringen wollten. Die kleine schmutzige Stadt, das ungleiche Steinpflaster, das den Wagen hin und her warf und sie zwang, langsam an den niedren Fenstern der Einwohner vorüber zu fahren, wobei sie unwillkürlich einen blick in das Innre bedürftiger Haushaltungen warfen, alle diese unerfreulichen Eindrücke wurden bei dem Anblick des kleinen, grünen Jokeis, den Luise aus der Ferne vor der Tür des Gastofes wahrnahm, vergessen. Allein bei näherer Betrachtung zeigte sich's, dass das türkische Pferdchen und das zierliche Kasket, welches jetzt auf einem Pfeiler der Treppe hing, dem armen Knaben allen Zauber und jede Aehnlichkeit mit Francesca nahmen. Ein frisches, halberstädtisches Gesicht sah ihnen aus dünn verschnittnem Haar entgegen, und verwischte alle Erinnerungen aus der italienischen Welt. Julius