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dass sie ein schönes Tuch, bald auch ein besseres Kleid trüge; bald sass sie am Fenster und beschäftigte sich nur mit Putzmachen und Stickerei; ich dachte, die Leute hätten eine Erbschaft getan. Endlich sass sie aber ganz müssig an ihrem Fenster, das halb mit Blumentöpfen verbaut war; ihre Backen sahen mir so unnatürlich rot aus; sie winkte mir; aber das Mädchen, mit dem ich eine kleine Liebesgeschichte ganz in mir nach meiner Art gespielt hatte, dass sie in hundert Jahren nichts davon erraten hätte, war mir im augenblicke so verhasst, dass ich ihr den rücken zukehrte. Bei einer gelegenheit warf ich ihr ein Gedicht ins Fenster, womit ich sie zu bekehren meinte." – DER MARCHESE: "Sagen Sie es doch her, wenn Sie es noch wissen, die geschichte hat etwas so Unschuldiges, das mich ungemein reizt." – DER GRAF: "Aus der Zeit vergisst man nichts."

Die arme Schönheit

Mir gegenüber das schöne Kind,

Strickte sonst fleissig ums liebe Brot,

Barfuss doch lief sie bei Regen und Wind,

Schwarz war ihr Kopftuch, ihr Röckchen war rot;

Wenn ich sie grüsste, dankte sie schön,

Und ich mocht gern ins Auge ihr sehen.

Mir gegenüber sitzt nun das Kind

Müssig am Fenster, dass jeder sie schaut,

Hat sich gelocket die Haare geschwind,

Putzt sich in Seide wie eine Braut;

Wenn ich sie sehe, winket sie mir,

Wenn du sie grüssest, winket sie dir.

Hör, gegenüber du armes Kind,

Schande macht reich und die Schönheit ist arm,

Schande, die tauscht mit der Schönheit geschwind,

Dass sich doch Gott nur der Schönheit erbarm.

Siehst du zum Himmel, Gott siehet dich nicht,

Sieht kein geschminketes Angesicht.

DER MARCHESE: "Schön, und was für Erfolg hatte das Lied?" – DER GRAF: "Sie erriet mich, sie kam zu mir; sie klagte mir ihre Not so rührend, dass blosser Geldmangel sie erst bezwungen, dass ihr erster Liebhaber sie verlassen; ich griff in meinen Geldbeutel und gab ihr gerührt alles, was ich hatte; darüber wurde sie wieder so gerührt, ich konnte ihrem Danke einige Liebkosungen nicht versagen und ich gestehe Ihnen, dass ich sehr nahe war, meine erste Erfahrung zu machen, als ein Freund anpochte und ich erst jetzt merkte, dass sie gleich eintretend mein Zimmer verschlossen hatte. Diese Absicht brachte mich auf, ich verwies es ihr hart. Sie aber trieb ihr Wesen fort und immer weiter bis ins Elend."

DER MARCHESE: "Da sind Sie wohlfeil weggekommen; in der geschichte ist so viel Gutmütigkeit, dass Sie ein paar Dutzend Weiber damit verführen könnten. Es fiel mir dabei eine geschichte ein, die ich beinahe wörtlich auswendig weiss. Haben Sie nie die geschichte von Manon Lescaut gelesen? Dem armen Chevalier Grieux ging es schlimmer mit einer ähnlichen Bekanntschaft. Es ist vortrefflich dort erzählt, wie der Verfasser nach Passy kommt und alle Einwohner in unruhiger Neugierde um ein paar bedeckte Wagen versammelt sieht; keiner hat Zeit, ihm Bescheid zu sagen. Ein Häscher, den er an dem Bandelier und an der Muskete dafür erkennt, sagt ihm kalt: Es sei gar nichts, er transportiere ein Dutzend Freudenmädchen nach Havre, von wo sie nach Amerika deportiert werden sollten. Eine ist sehr hübsch und das macht die Leute neugierig. In dem Augenblicke kommt ein altes Weib aus dem haus und weint und schreit mit aufgehobenen gerungenen Armen: Das sei nicht auszuhalten, das arme Kind zu sehen! – Neugierig steigt der Verfasser vom Pferde, geht in das Haus und erblickt ein Dutzend Mädchen, von denen sechs und sechs an eine Kette geschlossen, wie sie ein Frühstück einnehmen. Eine aber ass nicht und hatte sich halb abgewendet; doch leuchtete ihre Schönheit durch das schmutzige Zeug, das sie bedeckte. Er frägt einen Häscher nach dem Mädchen. 'Ich hab sie aus dem Zuchtause abgeholt', antwortete der, 'wo sie wohl schwerlich um eine edle Tat eingesperrt worden; sie ist aber eigensinnig stumm; ich habe einige Schonung gegen sie, da sie doch von besserer Art scheint, als die andern. Der junge Mensch dort wird Ihnen mehr von ihr sagen können; er hat seit unsrer Abfahrt von Paris fast nicht aufgehört zu weinen, es muss ihr Bruder, oder ihr Liebhaber sein.' Der Reisende sah nach dem Winkel, wo der junge Mensch sass: ein Bild der Trauer; einfach gekleidet, aber voll Anstand in Haltung und Bewegung. 'Entschuldigen Sie meine Neugierde', sagte der Reisende, 'ich höre, dass Sie jenes schöne Mädchen kennen, das so wenig ihr Schicksal verdient zu haben scheint.' – Er sagte ehrlich, dass er darüber keine Auskunft geben könne, ohne sich selbst zu erkennen zu geben; dies aber erlaube ihm die Ehre seiner Familie nicht. Nur das eine könne er nicht leugnen, was auch die boshaften Häscher recht gut wüssten, dass er sie liebe, alles versucht habe, sie zu retten: Bitten, List und Gewalt, alles vergebens; und so sei er entschlossen, ihr in die neue Welt zu folgen. 'Das Abscheulichste aber ist', fuhr er fort, 'dass diese schändlichen Buben mich nicht mehr zu ihr lassen, seit ich all mein Geld ihnen gegeben, um nur einige Augenblicke in der Nähe der Geliebten zu sitzen; nähere ich mich jetzt, so stossen sie mich mit den Kolben zurück