, das ihm zum Andenken jenes Balles geblieben. Kaum konnte sie ihren Unwillen unterdrücken; sie ging auf ihr Zimmer und warf sich unmutig auf ihr Sopha. Es kamen ein paar ältere Frauen zum Besuche; die Unterredung schlich gähnend durch die Neuigkeiten; endlich fing die eine an: "Ich merke doch immer mehr, dass uns etwas fehlt." – "Aber was ist es?" fragte die andere. – "Verstellen Sie sich nicht", antwortete jene, "Liebhaber fehlen uns; es war doch eine schöne Zeit, wo stete Aufmerksamkeiten uns jede Stunde begleiteten, und ich finde in nichts dafür einen Ersatz." – Dolores wurde glühend rot bei diesen Worten; zum Glücke war es Zwielicht und keine der beiden Frauen konnte es bemerken.
Den Grafen unterhielt der Marchese sehr angenehm mit Abenteuern, die er ihm von Frauen aller Art erzählte; selbst die geschichte seiner eigenen Frau trug er ihm mit geringen Veränderungen so ruhig vor, als hätte er sie unfern den Säulen des Herkules erzählen hören. Der Graf schwor darauf, dass ein so ehrvergessenes Weib nie einen ehrlichen Mann betrügen könne. – "Es ist eine wunderliche Sache um die Abirrungen ehelicher Liebe", meinte der Marchese; "ich weiss wirklich nicht, wenn ich der Mann gewesen wäre und den Handel entdeckt hätte – wer kann einen schwachen Augenblick hart bestrafen." – "Beim Himmel", rief der Graf, "hart nennen Sie das, das nennen Sie einen schwachen Augenblick, der die starken Bande langer Gewohnheit, geschworner Treue, alter Liebe vernichtet; das ist eine fürchterliche Stärke im Menschen, die das nur vermag, die muss vernichtet werden, oder die Welt bestände nicht mehr. Gott bewahre mich vor dem Falle, aber ich hätte es nicht lassen können, die beiden umzubringen." – "Sie können recht haben", sagte der Marchese ruhig, "die Gewohnheit, über dergleichen unselige Vorgänge in der Welt gleichgültig reden zu hören, gibt auch der Beurteilung dieselbe Gleichgültigkeit, die sich vielleicht auch in mir bei einem solchen Ereignisse, wo es mich beträfe, verleugnen möchte. Wenn Sie aber, lieber Graf, bestimmt so denken, so verwundert es mich, wie Sie Ihre Frau so in der Fülle aller Reizungen allein zurücklassen können; sie mag eine sehr vollkommene sittsame Frau sein, lieber Graf, sie ist doch auch nur eine Frau; in Spanien dürfte das kein Ehemann wagen." – "Wir Deutsche", meinte der Graf ungestört, "wir sind entweder anders, oder denken darüber anders; wir schenken einer Frau mit unsrer Liebe unser ganzes Zutrauen; meine Frau betrachte ich wie mich selbst, nicht als aus einer besonderen Rasse schwächerer Wesen; ich bin gewiss, so wenig ich ihr eine fremdartige böse Neigung verschweigen würde, so wenig würde sie ungewarnt meine Ehre, mein ganzes Glück, verraten." – So endigte sich diese merkwürdige Unterredung, in welcher die übermächtige Klugheit so arm neben dem reichen zutraulichen Glauben erscheint, und der Glauben in so schwerer Prüfung neben der Bosheit; doch liess sie in dem Gefühle des Grafen, verbunden mit dem Fremdartigen in dem Wesen seiner Gemahlin, eine gewisse Besorglichkeit zurück, die er gern einem eignen Übelbefinden zuschreiben wollte. Man irrt aber eben so oft, wenn man jeden ungewöhnlichen geistigen Zustand einem körperlichen Leiden zuschreibt, als wenn man umgekehrt jede Krankheit aus einem Leiden der Seele, einer sehnsucht, herleiten möchte, wie es den Frauen häufig eigen. – Die beiden Reisenden wendeten bald ihr Gespräch auf die Liebe; der Graf in dem schönen frommen Sinne, der dem glücklichen Neulinge eigen; er war als Vater noch unschuldiger als manches Kind. Der Marchese überschüttete ihn mit einem kalten Stürzbade der wunderbarsten Geschichten, welche Lust und Not einem gebildeten barbarischen Zeitalter aufgezwungen haben; dabei flossen ihm die Geschichten zum mund hinaus, als spülte er ihn sich aus, und würde er reiner. Auch die Liederlichkeit fordert eine gewisse Bestimmung, und so ein geriebener Himmelsstürmer lässt sich in seiner pestilenzialischen wirkung den Soldaten vergleichen, die nach langem Biwakieren in ein ordentliches Haus kommen; ihr Geruch vergiftet alle, während sie sich wohlbefinden. Der Graf fühlte dabei eine wunderliche Neigung in sich, auch die Welt so kennen gelernt zu haben, in allen ihren Tiefen und Höhen; sein Leben kam ihm so arm vor; er hätte ihm auch gerne etwas erzählt, aber mit Staunen bemerkte er, dass er diese Seite geselliger Bildung eigentlich ungekannt immer verachtet habe. Der Graf, immer aufrichtig und wahr, sagte dem Marchese: "Sie haben nicht umsonst gelebt, Sie haben einen reichen Schatz von Weisheit aus dem Abschaume der Menschheit entwickelt, den ich mit leerem Bedauern angesehen habe, dass er zu keinem ruhigen hellen Tropfen mehr zusammenfliessen könne. Ich versichere Ihnen, es gab eine Zeit, wo ich öffentliche Mädchen gar nicht für Menschen gehalten habe, sondern für eine Art Wundertiere mit ihren geschminkten Wangen, für eine Art schändlicher Götzen aus dem alten Heidentume, denen Menschen geopfert würden. Erst auf der Universität lernte ich an einem Mädchen, das mir gegenüber wohnte, wie alles so gewöhnlich menschlich, mehr nachlässig als böse, zugehe. Sie war erst sehr ordentlich sparsam und fleissig, half fleissig den Eltern, die einen kleinen Handel trieben. Die Mutter starb, der Vater war alt; er hatte kein Ansehen über sie und sie musste ihn zum teil ernähren; darum schwieg er zu allem, was sie tat. Bald bemerkte ich,