und verschwand durch das verschlossene Fenster. Als ich dies Brieflein in Demut öffnete, da las ich mit goldenen Buchstaben im blauen feld geschrieben:
heute, heute, heute
Ist des Königs Hochzeit ..."
Bei diesen Worten waren die Lichter so weit abgebrannt, dass der Marchese nicht weiter lesen konnte; die Gräfin hatte sich ängstlich mit ihrem stuhl zu ihm gerückt; die Luft schien ihr belebt in tausend bedeutsamen Gestalten umherzugehen; der Marchese schaute mit einem grossen Blicke empor, erhob die hände und schien eine Erscheinung demütig zu begrüssen; er sprach, aber sie hörte nichts, er deutete auf sie, als wenn jetzt etwas über ihr schwebe, und ängstlich fragte ihn die Gräfin, was er sehe. Er sagte, dass er die Mutter Gottes sehe, die sie an ihn drücke und einen Kranz von Rosen mit den Worten über sie halte: Folge mir nach! Dolores drückte sich erschrokken an ihn und meinte, sie werde an ihn gedrückt; sie fühlte seinen Atem, und meinte, es sei der göttliche Atem, und rief: "Ich fühle sie, ich fühle ihren Atem, er ist heiss, wie der Orient und wie die Liebe einer Mutter!" – Bei diesen Worten rief er: "Und ich bin ihr Sohn!" und stürzte in einem krampfhaften Zucken über die Gräfin hin. Schon oft hatte er ihr von einer wunderbaren Erneuerung des heiligen Mytus gesprochen; sie schien bewusstlos bei diesen Worten: "Ja du bist, du Gewaltigster, du Heiligster in der Schwäche menschlicher natur mir in die Hand gegeben!" – "Und du bist meine ewige Braut!" seufzte er. – Dann versank er scheinbar in einen Todesschlaf, sein Atem ward stille; der hülflose menschliche Zustand des hohen geliebten gefürchteten Gottmenschen erweckte das tiefste Mitleiden der Gräfin; sie rieb ihn mit wohlriechendem Öl, das in einem kleinen Fläschchen um ihren Hals hing, sie lüftete seine Binde, seine Weste; seine schöne männliche südliche Bildung trat hervor wie eine ausgegrabene Antike, wo jede Schaufel weggenommener Erde neuen Reiz entüllt; sie konnte ihn nicht erwecken und musste ihn so lange anstaunen. Zu schellen wagte sie nicht; es war sehr spät, und er war durch den geheimen gang zu ihr gelangt. In diesen Augenblicken schwebte eine Fledermaus schauerlich in der Höhe des Zimmers umher, wie ein fortziehender Schatten; auch der Marchese hatte sie durch die halbgeschlossenen Augen wahrgenommen und kam aus Furcht vor dem Tiere, das er nicht leiden konnte, wieder zur Besinnung. Die Gräfin war so freudig über sein Erwachen, sie hätte sich dem Himmel aus Dankbarkeit geopfert; aber das wollte er nicht; er wollte nicht überraschen, keine Vorwürfe hören; statt die Stimmung, den Ort, die neue Vertraulichkeit zu benutzen, liess er die erweckten Begierden in ihr fortwuchern, hieb mit seinem Degen die Fledermaus nieder und verliess das Zimmer mit einem ernsten Kusse.
Ich möchte, statt zu erzählen, hier mit einem gewaltigen Trauermarsche die Unglückliche zu erwecken suchen: aber es ist doch zu spät.
Den Sieg über ihre Treue und über ihr Glück setzte der Marchese nur bis zum nächsten Abende hinaus, wo er ihr Zimmer mit unzähligen Blumen geschmückt und gegen alle Fledermäuse geschlossen hatte. Die Wurzeln waren alle untergraben, er wusste, wohin der Baum fallen musste, und so schwelgte er alle seine jetzigen und künftigen Früchte an einem Abende auf; es war so schön, dass er sich heilig schwor, zu keiner Zeit ihr wieder so vertraulich zu werden, um diesen Eindruck sich nicht zu verderben. – O du angebetete Schönheit, wie bist du gefallen von deiner Höhe, wie bist du gemein worden und ich trage keine heilige Scheu mehr vor dir.
Sechstes Kapitel
Rückkehr des Grafen nach der Stadt
Der Graf kam einige Tage darauf nach der Stadt zurück, um sie aufs Land mitzunehmen, um ihr im jubel alle seine neue Anlagen zu zeigen. Sei es, dass er durch das stete Anordnen und Bewachen der Arbeiter etwas strenger Durchschauendes in seinen gewöhnlichen blick aufgenommen, oder war sie von der Furcht getäuscht, er möchte ihr Verbrechen auf ihrer Stirne lesen, genug, sie suchte ihre Verlegenheit hinter einer stürmischen Zärtlichkeit zu bergen, welche sonst ihre Art nicht war, die immer mehr erwartete als entgegenkam. Es war ihm etwas Störendes, etwas Frevelndes in ihr; er gedachte mit einem ruhigern Urteile, das er jetzt in dem Verhältnis zu ihr gewonnen, an die gleiche Empfindung, die ihn damals bei seiner ersten Rückkehr von der Universität befangen; es muss doch etwas andres in ihr sein, dachte er, was ich nicht geliebt, nicht gekannt habe; doch schwieg er davon, er fühlte noch zuviel Zärtlichkeit gegen sie, als dass der Gedanke ihm lange Stand gehalten. Er forderte sie zur Abreise aufs Land auf, aber mit tausend schönen Worten wusste sie ihm zu erklären, dass es ihre Gesundheit noch nicht zulasse; auch schienen ihre Wangen jetzt wirklich blässer, seit sie die Schminke, der Beschämung jenes Abends eingedenk, aufgegeben hatte. Der Graf verschwieg seine Empfindlichkeit, seine verdorbene Freude; die Gräfin gedachte ihre gewohnte Lebensweise in der Gesellschaft des Marchese fortzusetzen; aber zu ihrer tiefen Kränkung zog es dieser vor, einige Tage den Grafen aufs Land zu begleiten.
Siebentes Kapitel
Der Graf geht mit dem Marchese auf sein Landgut.
Unterhaltung von unseliger Liebe zu verlornen
Mädchen
Der Graf nahm zärtlichen Abschied von seiner Frau. Der Marchese drückte der Gräfin zum Abschiede spottend das Schminkdöschen in die Hand