ein Vers und sie hätte in Ohnmacht vor ihm gelegen; jetzt brach ein Tränenstrom aus ihren Augen; sie war artig und schwach wie ein Kind, dem man über eine Kleinigkeit zum Spass harte Vorwürfe gemacht hat, und das sich nun gar nicht will zur Ruhe begeben. Das war so ihre Art; sie fühlte sich so ganz herunter von ihrer eingebildeten Höhe, dass sie nichts dawider hatte, als ihr der Marchese die Tränen von den Wangen küsste; sie wollte ihn gar nicht loslassen; "schweigen, schweigen!" rief sie schluchzend; er versprach es ihr mehrmals und ohne dass weiter zwischen ihnen etwas gesprochen wurde, hauchte sie sich in die hände, um die Tränen zu verwischen und die Augen zu erfrischen; der Marchese führte sie an den Wagen. So viel Gewalt sie sich antat, sie konnte nicht ihre gewöhnliche Lustigkeit auf dem Balle erreichen, und ihr, die sonst Nächte durchtanzte und am Morgen so klar wie ein Falke aus den Augen sah, fielen sie diesen Abend bald zu, und sie eilte nach haus, in einem tiefen Schlafe das Ende ihrer hoffnungslosen Nachgedanken zu finden, wie der unverbesserliche Fehler gut zu machen, der ihr noch jeden Augenblick von neuem alles Blut ins Gesicht trieb. Noch am Morgen war sie ganz zerknirscht; nie hatte ein Mann ihr ganzes Gemüt so in seiner Gewalt gehabt, weil sie nie eigentlich geliebt hatte; sie fühlte etwas Neues zwischen sich und dem Marchese entstehen, das sie nach allen Beschreibungen der Bücher für die wahre Liebe halten musste; sie fühlte in ihm ein Hinaussetzen über alle Verhältnisse, vor dem ihr grauete und das sie reizte, weil es den Keim zur Verderbnis in ihr plötzlich zum Aufwachsen regte. Ihr Mann war ihr durch das Lied ganz verhasst; durch eine häufige Missdeutung des Gefühls glaubte sie in ihm die wahre Ursache ihrer Beschämung; bald kam es ihr vor, als habe er sie boshaft dem Marchese ganz überlassen wollen; sie fand es plötzlich ein himmelschreiendes Unrecht von ihm, eine junge freudige Frau so allein ohne einigen Genuss zurück zu lassen. – Missverständnisse sind die Blüten des Bösen, nur die Guten verstehen sich mit Guten zum Guten ganz und immer. Dem Marchese war nichts entgangen: seine gewonnene Überlegenheit, ihr Zutrauen breitete er mit rastlosem Eifer aus. Da sie ihrem mann sonst meist nur aus Eigensinn, nicht aus verschiedener Ansicht widersprochen, denn sie nahm eigentlich nur von wenigem eine begründete Kenntnis an, so musste ihr Urteil an diesem klugen kalten Sprecher leicht brechen, die Folge davon war, dass sie von ihm lernen wollte. Nun umspann er sie leise mit mancherlei geheimnisvollen Wissenschaften, höherer Philosophie, Astrologie und Geisterbeschwörung; er kannte von allem nur das, was auf das Gemüt wirkt und das Urteil beschränkt, und so führte er sie bald in eine neue Welt, unter der ihre gewohnte tief unten in niedriger Entfernung lag; so verschwand ihr auch der Graf mit dem notwendigen schönen Eindrukke, den seine Lebensweise auf jeden ihn Umgebenden machte.
Jede Zeit hat ihre eigne Art Geister, ihre Art sie zu denken und zu zitieren; einstmals rasselten sie alle wie Festungsgefangene mit Ketten, sprachen vom Fegefeuer, und forderten Gebete von den Ihren; späterhin wurden sie wissenschaftlicher, und forderten zu ihrer Beschwörung grosse Kenntnisse, Anschaffung seltener chemischer Bereitungen, und in diesem Sinne wirken noch immer die Rosenkreuzer. Der Marchese hatte sich alle Geheimnisse der Rosenkreuzer angeeignet, um sie, vermischt mit dem Mesmerschen Magnetismus als eine furchtbare Geisterhand in das Innerste der Gemüter auszustrecken. Er zeigte der Gräfin unter dem Siegel tiefster Verschwiegenheit manche Briefe ausgezeichneter Männer der Zeit, die ihn als ein unbekanntes Oberhaupt der Geister und der höheren geistigen Weltregierung ansahen; sie staunte über die Gewalt, die er über alle ausübte, und in diesem Sinne wurden ihr selbst unbedeutende Äusserungen von ihm bedeutend; manches Zeichen, das er willkürlich machte, hatte ihr einen tieferen Sinn. Oft brachte er ihr, ohne ihr Wissen, magnetisierte Blumensträusse, die sie mit einander in eine Berührung setzten, dass sie in ihrem inneren, was er wollte, anschauen musste. Eines Abends las er ihr aus einem geschriebenen buch von der chymischen Hochzeit6 vor, das er sich selbst zuschrieb und von dessen Wunderbarkeit wir einen kleinen Vorschmack geben wollen:
"An einem Abend vor dem Ostertage sass ich an einem Tische, wo ich der vielen grossen Geheimnisse dachte, deren mir der Vater des Lichts nicht wenig sehen lassen. Als ich nun mir mit meinem lieben Osterlämmlein, ein ungesäuert unbeflecktes Küchlein in meinem Herzen zubereiten wollen, kommt ein grausamer Sturm daher, dass ich nicht anders meinte, denn es werde der Berg, darin mein Häuslein gegraben, von grosser Gewalt zerspringen müssen. Da mir aber solches an dem Teufel nicht fremd war, fasste ich einen Mut, und blieb in meiner Betrachtung, bis mich jemand an den rücken anrührte, davon ich so erschrocken blieb, dass ich nicht umzusehen wagte. Doch wie ich mehrmals an dem Rocke gezogen wurde, so sah ich mich um, da stand ein schönes herrliches Weib, deren Kleid ganz blau und mit goldenen Sternen wie der Himmel zierlich versetzt war. In der rechten Hand trug sie eine ganz goldene Posaune, auf welcher ein Name gestochen, den ich wohl lesen konnte, der aber zu verstehen unmöglich; in der linken Hand hatte sie eine grosse Menge von Briefen, die sie in alle Länder trug. Einen dieser Briefe legte sie auf meinen Tisch, breitete dann ihre rauschenden blauen Flügel aus