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zusammen, und er las es ihr spät Abends vor, so dass sie über sich selbst erstaunte, was er aus ihr bilde, chiffrierte das in ihrer Gegenwart mit grosser Sorgfalt, bestellte einen Kurier und sendete es nach Spanien. Unglaublich hatte sie dies Vertrauen geschmeichelt; sie zitterte, es zu verlieren und hätte es doch auch gerne einigen ihrer Bekannten zu verstehen gegeben. Auch dazu gab der Marchese mit einigen bedeutenden Winken in einer Gesellschaft die gelegenheit; er sprach von ihrem Talente, das Geheimste zu beobachten, von ihrer Darstellung mit einer Zuversicht, als wären diese Gaben allgemein anerkannt. Der Gräfin Zimmer schmückte sich jetzt mit französischer Gelehrsamkeit; sie lebte sich ganz hinein in den Charakter der politischen Frauen in Frankreich und suchte eine Menge andrer in dieser Art mit sich bekannt zu machen, und für den Marchese zu benutzen, so dass es bald in der Stadt hiess, sie sei die rechte Hand des spanischen Gesandten. Dieser hatte noch immer politische Geheimnisse, die er ihr verbarg und nach denen sie strebte; auch hielt er sich noch immer zurück, eine Art Herzensverständnis mit ihr zu eröffnen; sie aber hatte den geheimen Wunsch, dass er ihr seine Liebe erklären möchte, die sie recht wohl in ihm erkannte; dass sie ihm dann zwar alles Unerlaubte versagen würde, dessen war sie gewiss, aber wenigstens konnte er ihr nachher nichts mehr versagen, oder durch Äusserungen ihren politischen Gesellschaftsruhm stürzen. Er durchschaute sie, und tat noch immer voller Rücksichten, da er ihr Streben bemerkte, vor ihm als ganz rein zu erscheinen; er glaubte immer noch, dass selbst die Furcht vor ihrem politischen Sturze sie nicht genug in seine Gewalt bringe; als eine wunderschöne Frau könnte sie nach einigen Tränen darüber lachen; er musste sie ganz demütigen, dass sie sich sogar als lasterhaft erscheine und dass es ihm ganz überlassen sei, sie gesellschaftlich zu vernichten. Sie ganz zu demütigen, bot ihm der Zufall, den er oft schon belauert, die dienstfertige Hand. – Die Gräfin wollte einen Ball besuchen; sie trat in ein Zimmer voll grosser Spiegel, in dessen Ecke er sich hinter einem Schirme auf ein Sopha ausgestreckt hatte; sie bemerkte ihn nicht, machte gegen den einen Spiegel einige recht hochmütige, einige recht freundliche Gesichter; dann sagte sie behaglich zufrieden mit sich selbst: "Heute bin ich unwiderstehlich, heute wird sich der Marchese doch vor mir demütigen müssen; heute will ich ihn warten lassen, ehe ich ihm die Hand biete. Halt", sagte sie weiter, "hier auf der rechten Backe noch etwas Schminkenun soll es heute einmal rot wie ein Wagenrad werden? – Wenn der Marchese wüsste, dass ich mich schminkte, ich wäre verloren, dann wüsste es alle Welt. – Und mein Mann, was würde der sagen, dem ich so heilig versprochen, keine Schminke aufzulegen: solch Versprechen kann aber nicht gelten." –

Bei diesen Worten sprang der Marchese lachend auf und warf sich der Erschreckten leicht und liebenswürdig geschickt zu Füssen, und sagte spottend: "Ja wohl muss es der hochmütige Marchese der ganzen Gesellschaft sagen, damit alle sich wie er vor Ihnen niederwerfen, Sie verderben sich sonst wahrhaftig die schöne Haut mit der fatalen Schminke und des artigen Liedes von dem Grafen denken Sie gar nicht." Und dabei stand er auf und sang ihr dieses Lied, das der Graf ihr einmal zärtlich warnend verfertigt hatte, als er das erste Schminktöpfchen zu einem Balle bei ihr versteckt gefunden; der Graf hatte es ihm gegeben, indem er ihm versichert, dass sich die Gräfin seit der Zeit gar nicht mehr schminke, weil sie es ihm damals heilig versprochen. Hier dies Lied:

Siehst du in den hohen Spiegel,

Deine Locken gleich zu ringeln,

Scheint ein Bübchen, das hat Flügel,

Dich mit Blumen zu umzingeln:

Dann erscheinen in dem Spiegel

Noch der holden Mädchen drei,

Binden dieses Knaben Flügel,

Anmut bindet Lieb und Treu.

Willst du freundlich gern sie sehen,

Bleiben freundlich sie ergeben,

Willst du dich nur spiegelnd sehen,

Mögen sie wohl frei verschweben!

Klage nicht, dass Schönheit fliehet,

Schneller flieht das Irrlicht dann;

Bind es nicht durch Kunst, es glühet,

Was uns wärmt, auch brennen kann.

Sonnenstrahl, wie warm und helle,

Kannst die Wange bald versengen! –

Ei wer sieht's im Tanz so schnelle,

Alle Farben da sich drängen:

Amor schwingt die Fackel helle,

Sieht so listig auf den Grund,

Sieht so leicht die falsche Stelle,

Schminke küsset nicht sein Mund.

Wer sich Amor kann verstecken,

Kann auch nimmer selig lieben,

Wer ihn aus dem Schlaf kann wecken,

Kann das Kindlein hart betrüben:

Sei auch Lieb durch Schönheit flüchtig,

Wir entfliehen ja mit ihr,

Blühe Wein, und trage tüchtig,

Schönre Kinder bleiben hier.

Statt des einen Amor viele,

Viele Amors ohne Flügel

Kränzen Grazien im Spiele,

Und du siehst doch ohne Spiegel:

Siehst du deine Schönheit wieder

In den Kindern, die einst dein,

Schlage nicht die Augen nieder:

Ach wie schön, so schön zu sein.

Tausendmal verfluchte die Gräfin in sich dieses Lied; aber der Marchese schenkte ihr keinen Vers; immer tiefer sank ihr dabei Stolz und Mut; sie kannte seine Tücke, seine Kunst in lächerlicher Übertreibung. Zum erstenmal glaubte sie etwas ganz Unverbesserliches getan zu haben, und in dem Nachsinnen auf einen Ausweg wurde ihr eiskalt, und die Gedanken vergingen ihr. Noch