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Bekannten lange verschwiegen, hatten sie gefehlt, so zeigte er sich noch fehlerhafter; er zeigte ihnen so viele Häkchen, so viele Berührungen seiner reichen natur, dass eines sicher fassen musste; hatte er aber nur einen Ton erkämpft, so liess er ihn nicht mehr verstummen; bis die letzte Luft aus dieser Pfeife ausgeblasen, nicht eher liess er nach. Und bei dieser steten Bewegung seiner neugierigen Bestrebungen wurde er sich selbst ganz leicht; die quälende Tätigkeit seines Daseins fand ihr Ziel; es tat ihm leid, wo es endlich öde und traurig ausging, aber er konnte nicht anders und er fühlte, dass er auch in seiner natur genug gelitten und erduldet; er gönnte auch andern ihre Prüfung. Von einem Don Juan war er schon dadurch unterschieden, dass er keinesweges bloss sinnlich war mit all und jedem weib: nur mit den sinnlichen war er sinnlich; noch eifriger konnte er mit streng-moralischen sein Leben durchgehen und bessern, mit einer Religiösen beten. Hätte Don Juan seine Vielseitigkeit gehabt, er hätte sich durch des Teufels Grossmutter vom Teufel los geschwatzt. Dass ihn Dolores sinnlich reizte, brauchen wir nicht zu erinnern; beten und träumen war ihre Sache nicht, aber sie war die stolzeste, prächtigste Sinnlichkeit, die je über die Erde geblickt, als wäre sie ganz zu ihrem Genusse geschaffen. Er sah bald, dass Glanz, Artigkeit, Schönheit sie nicht bezwinge; sie war zu stolz, sie musste gedemütigt werden, das war aber bei ihr nicht leicht. Er liess einige Tücken gegen ein paar lockere Weiber ausgehen und zwar in einem anscheinend gleichgültigen Gesellschaftsspiele, die sie für immer aus der Gesellschaft entfernten; das brachte manche gegen ihn auf: auch Dolores, die an ihrem Umgange Geschmack gefunden; sie machte ihm Vorwürfe, er stellte sich so wütend, dass ihr vor ihm angst wurde; das war kein Schauspiel, nein er fühlte es ganz so, als würde die Gräfin durch solchen Umgang entweiht; etwas, das der Graf auch gefühlt, aber immer nur leise angedeutet hatte; doch dachte sie heimlich dabei, dass ihrem mann es eigentlich gebührt hätte, so zu handeln.

Mit seinem Scharfsinne fasste er auch bald die schwache Seite der Gräfin, von der er sich ihr schnell, unabhängig von dem Reize seines Umganges, wichtig und unentbehrlich machen könne. Wir sahen schon einmal auf dem land eine politische Verschiedenheit zwischen dem Grafen und der Gräfin aufblitzen, und seine Härte, sie darin als ein Weib von aller Verhandlung auszuschliessen; ein Unrecht in einer Zeit, die alle Ausbildung beider Geschlechter so nahe gebracht hat, dass sicher kein Gedanke in dem wechselseitigen Verkehre durch die Verschiedenheit mehr herabgewürdigt wird. Im elterlichen haus war die Gräfin schon als Kind ganz an das Gegenteil gewöhnt worden; Frauen wurden zu mancher geheimen Verhandlung gebraucht, öfter als Schiedsrichter über streitige Fälle; sie erfreute sich noch immer einzig lebhaft an jeder politischen Schrift, und der Marchese überbrachte ihr deren bald viele, sehr verbotene, schwer zu erlangende, mit unter sogar Manuskripte, die er auf seinen Reisen eingehandelt hatte. Jede Heimlichkeit führt zu einer andern und verpflichtet zu manchem, was nicht voraus zu sehen. Der Marchese machte sich zur Aufbewahrung, Überbringung und Versteckung dieser politischen Gefährlichkeiten einen geheimen gang aus, der sonst nur dem Grafen nach den Zimmern der Gräfin offen stand, wenn er, ohne die Vorzimmer zu durchlaufen, sie aus seiner Arbeitsstube besuchen wollte. Sie gab ihm den Schlüssel ohne alle Nachgedanken, welches bedeutende Zeichen sie ihm damit schenke. – Wenige Tage darauf nach mancherlei Ansätzen, Zweifeln an Verschwiegenheit, rätselhaften Andeutungen, welche alle Neugierde der Gräfin spannten, erklärte er ihr, dass er sie fähig glaube, einen ausgezeichneten politischen Einfluss zu gewinnen. Sie verbarg ihre ungemeine Freude über diese Äusserung hinter nachgesprochenen Zweifeln ihres Mannes, ob eine Frau nach ihren Verhältnissen dazu tauge. – "Das ist Torheit", rief der Marchese heftig, "wären Frauen nur zu der kleinen Anstrengung des nötigen Schreibens zu bringen; ich halte sie wegen der Feinheit ihrer Beobachtung für viel geschickter zu solchen Verhandlungen." Und nach diesen Worten überströmte er sie mit Erzählungen von französischen Frauen, die ihre Zeit geleitet. Er schloss mit den Worten: "Diese Frauen leben unsterblich durch alle Jahrhunderte, während alle die guten Mütter, wozu in Deutschland das weibliche Geschlecht einzig bestimmt wird, von ihren eignen Kindern schon vergessen werden; Sie sehen, es gibt eine höhere und eine gemeine Tugend; die letztere kann jene nicht erkennen, sie ist über ihre Fassung, wohl aber jene diese, und darum glauben Sie wegen jener Äusserung nicht, dass ich mütterliche Tugenden verachte, die Sie Gräfin so schön und liebreich ausüben; aber es gibt freilich etwas Höheres!" – Die Gräfin drängte sich ungeduldig, dieses Höhere kennen zu lernen; sie wünschte, die Geschichten jener Frauen zu lesen, und der Marchese brachte ihr einen Haufen der merkwürdigen Memoiren, die den Intrigengeist in Frankreich und die ungemeine Sittenlosigkeit, die den Hof in den beiden letzten Jahrhunderten umlagerten, so lebendig entwikkeln, dass eine gewöhnliche Untreue in der Ehe, aus Zuneigung, fast wie eine himmlische Tugend erscheint. Während die Gräfin Nacht und Tag ganz heimlich in diesen Büchern las, die er ihr ebenfalls als Geheimnis anvertrauet hatte, rückte er mit seinen politischen Absichten näher; er erbat sich von ihr Kundschaft über einige fürstliche Häuser, die sie kannte; was sie ihm flüchtig gesagt, stellte er mit grosser Lebendigkeit zu einer herrlichen feinen Darstellung