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: Wege, Baumgänge, Denkmale, die er im geist schon deutlich sah; dass er mit Händen nicht greifen konnte die Geliebte, die so deutlich ihm vorschwebte. In solcher Stimmung, wo die idee sich nicht mit der idee begnügen will, sondern ungeduldig die Wirklichkeit sucht, schweifte er jagend über den Bergwald und verweilte am liebsten bei den Riesensteinen, die ein untergegangener heiliger Dienst errichtet hatte. Dort grub er in einem Hünengrabe nach dem Nachlasse eines Helden, von dem er endlich nichts mehr fand und kennen lernte, als die Asche in einem zerbrochenen Kruge, dabei eine Streitaxt, silberne Armringe und wenige erbeutete Münzen; neben ihm einen Aschenkrug, dessen Spindelstein und Ohrenspangen seines Weibes Schönstes und Liebstes, was sie in ihrem Leben gebraucht und getragen, bezeichnete; rings die Tränensammler leer und ausgetrocknet, – sehr rührend, noch ein Zeichen der Liebe und guten Zusammenlebens aus zeiten und Völkern, von denen wir, wie von untergegangenen Tiergeschlechtern, nur riesenhafte Knochen haben, und die doch vielleicht unsre Voreltern waren. Mit heiliger Scheu nahete er sich diesen vergessenen Denkmälern; statt mit voreiliger Neugierde alles herauszureissen, und in irgend einer Sammlung mit andern Kuriositäten zu verschütten, zeichnete er alles treulich ab, stellte es dann wieder in die alte Ordnung, ummauerte es mit einer anständigen einfachen Architektur, dass der Schatz jedem, der sich dem eisernen Gitter näherte, sichtbar werden und jeden erinnern konnte an die Hinfälligkeit des grössten Einzelnen, ohne ein dauerndes Bestehen seines Volkes: Darum sei es der Helden grösste sorge, Heldenkinder zu erziehen. Väterlich voreilend dachte er dann, wie er seinen Sohn Karl unter grossen unternehmenden Menschen wolle aufwachsen lassen, mehr dem Beispiele als der Lehre trauend; wie er sich in allem versuchen solle, um sein Eigenes zu finden; wie er des Jahres und der Tage Abwechselung in steter Abhärtung vergessen lernen sollte. Und von solchen Erziehungsplanen ging er in der arabeskenartigen Verwandlung des Gemüts, das leicht halb von einem, halb von dem andern erfüllt sein kann, wieder zur Mutter über, zu seiner Frau, von der er nun schon ein paar Wochen fern war; und das ganze Heldentum, das sich vor seinen Augen aus den Knöcheln Funken schlug, schmolz in ein weiches Sehnen nach Genuss zusammen; die Helden hatten ihm kein Ehrenlied abstreiten können, aber die wirkliche sehnsucht entlockte ihm ein Liebesliedchen, das er gleich als einen Brief an seine Frau absendete:

"Was jagt mich,

So matt und müde?

Ich such Dich

In meinem lied,

Ich such Dich

In meinem Jagen;

Hier muss ich

Die Buchen fragen.

Die Frage

Im Widerhalle

Wird Klage,

Dass Laub schon falle;

Es falle,

Weil es ermattet,

Es walle,

Wenn es Dir schattet.

Das Windspiel

Mit Deinem Bande,

Vergisst Spiel

Und spürt im Sande;

Es legt sich

Mit seinem mund,

Es hört Dich,

Verliert die Kunde.

Es weint dann,

Wie Kinder weinen,

Und gräbt dann

Mit seinen Beinen;

Begräbt sich

Im tiefen Sande,

Begrabt mich

Im Heldenlande,

In weichen Armen,

In stillem Kuss,

Zu lang mir Armen

Fehlt der Genuss.

Begrab mich

Und meine Lieder,

Bald komm ich

Und hol Dich wieder.

An dieser Stelle habe ich den Brief dreimal geküsst; in vierzehn Tagen bin ich sicher bei Dir. Könnte ich nur einen Augenblick dieses Wort sein; sicher siehst Du es recht freundlich an, Du strahlender Augapfel im dunklen Laube." – Also schloss sich dieser Brief.

Fünftes Kapitel

Die Gräfin Dolores mit dem Marchese D ... Politik.

Alchemie. Verführung

Die Gräfin verlor den Grafen, in der immer veränderten Gesellschaft des Marchese, bald aus den Gedanken; mechanisch setzte sie sich Morgens eine Stunde zum Schreibtische, klagte über seine Abwesenheit, erzählte von ihrem kind; solch ein Wisch von einem Briefe, krumm und schief geschrieben, mit Kaffee und Tinte befleckt, konnte doch den Grafen selig machen; es schien ihm so vertraulich zu einem Briefe nicht einmal die Gedanken zusammen zu nehmen, sondern so wie im gewohnten Morgengrüssen auch wohl dazwischen einmal zu gähnen. Inzwischen nahm die Gräfin ihre Gedanken, oder vielmehr sie fand sie und mehr, als sie sonst hatte, zusammen, sobald der Marchese zu ihr eintrat, ihr Zimmer aufräumte und wieder mit allerhand neuen Kleinigkeiten verzierte. Da wir nicht Lust haben die geschichte jedes Tages ausführlich vorzutragen, weil die gemeine Bosheit manches daraus erlernen könnte, so wollen wir das Betragen des Marchese durch einige frühere Beobachtungen über ihn deutlicher zu machen suchen; bald möchte er sonst gar zu befremdend erscheinen. Aufgewachsen in der verderbten grossen Welt von Madrid, mit einer Klugheit, die ihn selbständig machte, wo andre noch angeführt werden, suchte er ihren Genuss nicht in der rohen Art, die blind zugreifend die Sinnlichkeit mehr erschöpft als befriedigt, nein, er wollte das Herrlichste alles mit ganzer Kraft geniessen: dies meinte er das herrlichste Leben, die Mittel waren ihm Nebensachen; sein Talent hatte ihm die meisten entweder eigen gemacht, oder unterworfen. Ohne lange Beratung mit sich, fast unbewusst traf er stets, ob er sich einem mann von Bedeutung, oder einer schönen Frau mehr durch Lob oder Tadel nähere, mehr durch allgemeine praktische Gesinnung oder durch Sonderbarkeit, ob er besser imponierte oder sich belehren lassen müsse, ob Bewunderung oder Mitleid ihm wesentlicher diene; gewiss war er, besonders Frauen, bald so nahe bekannt, als irgend ein anderer, und gemeinhin viel vertrauter; sie sagten ihm, was sie guten