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eingeweihet hatte, zog er jedes heraus und sah mit Erstaunen eine Sammlung von Angedenken, jedes mit kurzer Inschrift bezeichnet, und alle diese Angedenken waren kleine Geschenke des Grafen: manches Weggeworfene, woran er sich kaum erinnern konnte, das aber Traugott in seiner Zuneigung sorgsam bewahrt hatte. Mit dem Angelhaken, den er ihm damals zum Troste nach dem tod der Mutter geschenkt, begann die Sammlung; in kindischen Reimen stand dabei beschrieben, wie er seine Liebe damit gefangen. Dann fand er Haare, die er ihm einmal im Scherz aus seinem Kamme zum Angedenken verehrt, in ein Netz zusammengeknotet; in ähnlichen Versen stand dabei: "In diesem Netze von Haaren tu ich seine Liebe bewahren"; dann fand er Kirschkerne, die er ihm einmal gegeben, sie aus dem Zimmer zu werfen, dabei stand geschrieben: "Die Kerne küsste sein schöner Mund, davon sind sie so glatt und rund"; ferner eine trockene Kornblume, dabei stand geschrieben: "Diese Blume der Graf heute niedertrat, mit mir er nicht gesprochen hat, ich stürzt mich in das wasser hinein, sollt so ein Tag noch wieder sein"; ferner ein Blatt aus dem Haushaltungskalender, auf welchem ein Tag unterstrichen war, daneben stand mit Bleistift: "Dieser Tag sei mir dreimal gesegnet, weil ich dem Grafen dreimal begegnet"; endlich ein Kranz mit der Inschrift: "Den gab mir der Graf am frühen Morgen, ich sollt ihn an die Gräfin besorgen, und gestern hat er mich fortgeschickt, als sie ihn so zärtlich angeblickt, es tät mir so weh, als ich ihn gebracht, die Gräfin hat den Kranz nicht geacht, sie hat ihn im Vorsaal liegen lassen, da tät ich armer Junge ihn fassen, und heb ihn auf in Ewigkeit, da bin ich von meinem Grafen nicht weit." – Hier konnte der Graf nicht weiter lesen, Tränen überliefen seine Wangen; er hatte dem Kleinen alles Gute getan, hätte er aber diese heimliche Zuneigung, diese phantastische leidenschaft gewusst, wie hätte er ihn oft mit Zuspruch, mit kleiner Gabe erfreuen können, und nun war es zu spät. – Er packte den kleinen Schrank als seinen kostbarsten Schatz selbst ein, und besuchte noch in der Nacht das Grab des Kleinen; mancher Gedanke zu einem recht bedeutenden Denkmale ging vor ihm über, aber seine Wehmut erstickte sie alle und diese ist das schönste Denkmal der tatenlos verschwundenen Jugend.

Der Morgen der Abreise war unruhig angebrochen, mancherlei kleine Geschäfte nahmen dem Abschiede einen teil des Schmerzlichen, doch bleibt es immer Gewohnheit in solcher Trennung von einer, wenn gleich nicht ausgezeichneten, doch unter besonderen Verhältnissen verlebten Zeit, mehr zu fürchten, als zu erwarten, "Ob ich je diese Seen, diese Wälder wieder sehe?" fragte Dolores ganz wehmütig den Grafen, "die Glocken läuten zur Frühmesse, jetzt beten alle Menschen und wir reisen; was bedeutet mir das? Gewiss sterbe ich im Kindbette und werde hier beigesetzt zu allen deinen Voreltern und du führst eine andre in diese Zimmer ein, als deine Frau!" – "Nimmermehr du Einziggeliebte!" rief der Graf, "mit dir lebt ewig mein ganzes Leben, ob du sichtbar bei mir bist, wie bei unsrer Ankunft der Frühling in jenem wald, den er mit grünem Kranze bedeckt hatte, oder ob ich entlaubt stehe wie er, einsam in Regen und Wind: ruhig traurend, werde ich an deinem grab dann eines höheren Frühlings wartenda wird dich Traugott mir entgegenführenin Zeit und Ewigkeit bleibst du mir unverloren! Doch wozu so traurige Gedanken?" – Der Gräfin schauderte jetzt vor dem Gedanken des Todes, den sie so leichtsinnig ausgesprochen hatte; ihr war zu Mute wie der leichtsinnigen Furcht, welche Mittags unter vielen Menschen andre mit Gespenstergeschichten erschreckt, die sie einsam in der Mitternacht gern vergessen möchte.

Dritte Abteilung

Schuld

Erstes Kapitel

Rückkehr des Grafen Karl und der Gräfin Dolores

nach der Stadt Wochenbett. Taufe

Als ich einmal an einem grauen Tage einsam und gleichgültig meinen Weg wanderte, um mein verhageltes Feld zu besehen, und von einem Hügel zum andern blickte, und so bedachte, wie bald ich auf dem andern, und dann auf dem dritten, und dannund dann vor dir stehen könnte, du treue Seele, zu der ich am liebsten spreche unter allen in der ganzen Welt, und der ich am wenigsten zu sagen habe, weil du mich gleich verstehst und alle meine Worte in Liebe mehrest und deutest; da wurde mir allmählich so freudig, dass ich rings umher alles mit anderem Auge ansah, als lernte ich jetzt erst sehen und müsste jetzt nachgeniessen, was ich den Tag über in Gleichgültigkeit, Ärger und ferner Träumerei versäumt und übersehen hatte. Ich griff nach dem Steine, den ich neben mir zur Wegebesserung mit frischem schwarzglänzendem Bruche zerschlagen fand, und erkannte ihn als einen gültigen Zeugen grösserer Weltbegebenheiten, als die ich erlebt hatte; ich nahm einen Grashalm auf, der zum Futter abgemäht, am Wege verloren gegangen, zu meinen Füssen lag, und fand in ihm einen Zeugen des Frühlings, der uns beide beglückte, und in mir schlug das Herz als ein Zeuge der Liebe, die ich untergegangen wähnte. O wie selten wird uns die Gegenwart! Mitten in meiner Freude tönte meine Klage über verlorene Zeit:

Für die Liebe zu zart,

Für die Gedanken zu schnelle,

Eilest du Gegenwart,

Nahende, fliehende Welle;

Alles sich spiegelt in dir,

Dir nach