, selbst die Semmelkrumen, mit denen sie einiges ausgerieben. Wir erinnern dies, weil es zum Verständnisse eines Liedes notwendig, das der Graf und die Gräfin, einige Tage nach dieser letzten Abreise Wallers, von ihm in eine Glasscheibe mit einem Demanten eingekratzt fanden:
Lichte Streifen von dem Himmel
Leicht zur Erde niederwallen;
Will das Licht die saiten stimmen?
Will ein Regen niederfallen?
Eilend ist meine Streiferei,
Wo das Paradies wohl sei.
Viele dichte Dornenhecken
Sollen es der Welt verschliessen,
Tausend Vögel drinnen stecken,
Tausend Bäche rauschend fliessen;
Eilend ist meine Streiferei,
Wo das Paradies wohl sei.
Wie viel tausend rote Blicke
In dem grünen Klee hier winken,
Winkt ihr mir zu meinem Glücke,
Blumen, die im Grün ertrinken?
Endet hier meine Streiferei,
Wo das Paradies wohl sei?
Zwei Kaninchen auf zwei Beinen
Sitzen da an einem Blatte,
Während sie's zu fressen scheinen,
Sie sich recht geküsset hatten;
liebt ihr euch im Ehestand,
Nehmet mich auf in dem sel'gegen Land.
"Mit den Kaninchen sind wir gemeint", sagte die Gräfin.
Freundlich mich die beiden laden,
Doch sie beide mein vergessen,
Und was könnt ich ihnen schaden,
Wäre ich auch zu vermessen;
gnädig sind wohl die Grafen hier,
Aber die Liebe ward nicht mir.
Seht, der Wind kommt wie verschlafen,
Der der Erde Teppich kehrt,
Will den Staub zusammen raffen
Und sich gar an mich nicht kehrt;
Höflich ist nicht die Dienerei,
Wenn's das Paradies auch sei.
"Da bekommen deine Mägde auch ihr teil", sagte der Graf.
Von dem höchsten Apfelbaume
Schüttelt Wind die Früchte alle,
Weckt ein Kindlein aus dem Traume
Mit der harten Früchte Falle;
Wärest du mein, die Streiferei,
Wäre voll Geschrei dabei.
"Da hat Traugott wieder im Grase gelegen", sagte der Graf.
Dieses Kind, das sollt ich kennen,
Auch der Bäume Schattenrisse,
Doch die Regenstreifen rennen,
Herz und Himmel sind zerrissen,
Traurig wird meine Streiferei,
Wo das Paradies wohl sei.
Kindlein, bist du hier alleine?
"Ganz alleine mutterselig!"
Und was willst du damit meinen;
Ist die schöne Mutter selig?
Seit die Menschen sind verstört,
Ist das Paradies betört.
Eine Ziege kommt gesprungen,
Aus dem Euter Milch verlieret,
Ist vom Blumenkranz umschlungen
Und sie frisst ihn, der sie zieret:
Traurig ist meine Streiferei,
Wo das Paradies wohl sei.
"Die Ziege hast du ihm teuer genug bezahlt", sagte die Gräfin.
Diese Wiesen, diese Gänge
Wandelt ich in Liebchens Schatten,
Durch des Morgens schöne Klänge
In dem zärtlichen Ermatten,
Und wie ist es mir bewährt,
Auch das war der Müh nicht wert.
Langeweile gähnt in Blumen,
Nichts zum Trinken, nichts zum Schmause,
Von dem Zeichnen Semmelkrumen
In dem bunten Frühlingshause;
Ach und ich weiss es nun aufs Haar,
Wo das Paradies einst war.
Offen stehen die Paradiese,
Und ich stehe drin verlassen,
Ewigkeit, die sie verhiessen,
würde ich ohne Kunst doch hassen,
Ach und ich fühl es nun bewährt,
Dieses war der Müh nicht wert.
Wie mit geflügelten Heuschrecken ziehend
Über die dürr zerfressenen Halme,
Zieh ich mit dem Heere glühend,
Dass ich die Wurzeln des Grüns zermalme,
Such ich in ew'ger Streiferei,
Wo das Ende der Welt wohl sei.
"Sollte man nicht glauben, er wär in der grössten Verzweifelung über den Verlust seiner Frau, und hätte sich deswegen zur Armee begeben; wenn wir nicht alles ganz anders wüssten, wir müssten dran glauben", sagte der Graf. – "Aber was will er mit der unhöflichen Aufnahme sagen?" fragte die Gräfin. "Liebe Dolores", antwortete der Graf, "das kann wahr sein, wo die Frau sich um nichts bekümmert, werden Bediente leicht unhöflich; mir ist es wie jedem mann unerträglich, mich um so etwas zu kümmern." – "Ich will schon Ordnung stiften", meinte die Gräfin.
Neunundzwanzigstes Kapitel
Erntefest. Traugotts Tod
Das Erntefest, das auf Veranstaltung des Grafen recht feierlich und lustig begangen wurde, lenkte die allgemeine Aufmerksamkeit etwas von dem Kleinen ab, der sich den Tag besonders wohl fühlte; man ging in die Kirche, von da auf den Tanzplatz, und er wurde erst nachmittags von den Bedienten vermisst; sie suchten ihn überall immer ängstlicher, je später es wurde, und ihr Rufen zog auch den Grafen in diese Nachforschungen. Eine geheime Ahndung trieb ihn auf den Gottesacker, und er fand den kleinen Traugott auf dem grab der Mutter fröhlich lächelnd eingeschlafen, – er fand ihn tot. Die fröhliche Ernte schloss mit der Todessichel, welche die schönste Blüte niedergemähet hatte; sie schloss wie das Jahr, das schon seinen kalten Totenwagen über die Stoppeln hinüberstürmen liess, – das Erntefest ist das wehmütigste des ganzen Jahres, ein Scheideruf an alles, was uns am Jahre freut, und würde es nicht vertanzt, es müsste verweint werden. Der Graf konnte bei dem feierlich grossen Leichenzuge kaum ausdauern; erst lange nachher vermochte er die Beängstigung zu überwinden, mit der ihn ein Lied verfolgte, das ihm bei dem letzten Anblicke Traugotts eingefallen; wir warnen fröhliche Herzen dagegen.
Es sonnte sich ein kranker Knabe
Auf seiner armen Mutter Gruft,
Da fasset ihn der Ahndung Gabe,
Er wittert einer Blume Duft,
Die ferne schwebet in dem Meere,
Weit an dem Ende aller Welt,
In