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stellte ihm der Graf die künftige Unsterblichkeit vor, wenn nach mehreren Jahrhunderten der Kirchenknopf eröffnet würde, vielleicht bliebe er dann allein noch übrig von allen Dichtern; er wollte den Ruhm in seiner Zeit und es musste alles angeordnet werden, um die Kugel wieder zu eröffnen. Sehr beschäftigt mit diesem Gedanken, bat er sich zu seiner Stärkung ein neues Getränk aus, das allen im schloss noch gänzlich unbekannt war, er nannte es einen Brenner und bereitete es selbst. In eine grosse breite, nicht allzu tiefe Porzellanschale goss er mehrere Flaschen Rum und drückte ein paar Zitronen hinein, dann legte er zwei Degen quer über und auf die Degen grosse Stücken Zucker; nun bat er die Gräfin die Flüssigkeit mit einem seiner Gedichte anzuzünden. Als die Flamme blau aufloderte, löschte er die Lichter aus, und bald erschienen die Menschen umher wie Geister, nämlich so wie Geister gewöhnlich gedacht werden, farbelos und unbestimmt. Waller durchkreuzte die Luft mit fürchterlichen Beschwörungen, und schrieb Charaktere auf den Boden; jetzt flammte das rötlich gelbe Feuer des Zukkers auf und indem die Gräfin schaudertesagte Waller, dass alles beendigt, und die Loge geschlossen sei, zündete die Lichter wieder an, blies das geistige Feuer aus, und schenkte rings die Gläser voll. Alle schworen, dies Getränk sei die höchste Erfindung, keiner kannte dessen mächtig berauschende Kraft; auch die Gräfin trank ihr Glas, eigentlich mehr, als ihr gut war. Es ist ungemein reizend, eine schöne Frau sich selber unbewusst von fremder irdischer Kraft höher belebt zu sehen; nur die reine Begeisterung von oben kann noch lieblichere Bewegung und Deutung in ein Gesicht bringen. Der Graf konnte sich nicht satt sehen an der Geliebten; kein Schauspiel hatte ihn je so angezogen als diese schöne Beweglichkeit, der Glanz der Augen, das Hingeben des ganzen Wesens. Da Waller bemerkte, dass niemand seiner achte, stimmte er ein lautes Soldatenlied an, das er kürzlich auf den Brenner gesungen hatte:

Der Mantel ist mein lustig Haus,

Drin ist gewölbt ein Keller,

Da gibt es manchen schönen Schmaus,

Da geht es stets herein, heraus,

Und kostet keinen heller.

Ein Ofen ist in diesem Haus,

Das ist die Tabakspfeife,

Die macht mir Wölklein weiss und kraus,

Es scheint recht wie ein Blumenstrauss,

Weg ist's, wenn ich nach greife.

Der Brenner ist des Teufels Kost,

Mit Feuer ich ihn locke,

Und für den einzigen Höllentrost

Er alle Feinde niederstosst,

Zu Dutzend und im Schocke.

Mein Pferdchen, das mit Sprüngen trabt,

Hab ich durch ihn erbeutet,

Wie es mir nun das herz labt,

Als hätt ich es zum Tron gehabt,

Wenn es die Mähne breitet.

Es ist ein grosser Federkrieg

In aller Welt entstanden,

Die hohe Feder wallt zum Sieg

So weit mein Schwert reicht, alles liegt,

Als wüchs es auf dem Sande.

Wir sitzen ab im Städtlein drin,

Die Bürgermädchen schauen,

Die erste fass ich an das Kinn,

Die zweite sieht, dass ich es bin,

Und tut mich lieblich hauen.

Ich lass mir ein klein Zettelein

Von ihrem Ratsherrn schmieren,

dafür lässt mich ein jeder ein,

Und bringt mir gleich den Krug mit Wein,

Ich und mein Pferd regieren.

Das Mädchen führt uns in den Stall,

Im Stall, da ist es dunkel,

Da leuchtet dann ihr auge zumal

Wie Sonne über Berg und Tal,

Mit lieblichem Gefunkel.

Das schöne Kind klatscht mir mein Pferd,

möchte ihm zu fressen geben.

"Nur glühe Kohlen frisst mein Pferd,

Die Augen dein, die sind der Herd;

Dir ist es ganz ergeben."

Wer das Kommissbrot hat erdacht,

Das war ein guter Reiter,

Das steht uns frei bei Tag und Nacht,

Mein Pferdchen es auch nicht veracht,

Es macht uns fest und heiter.

Während dieses wilden Liedes, das Waller mit allerlei Gebärden akkompagnierte, war der Gräfin, deren Blut sehr bewegt war, so angst geworden vor ihm, dass sie sich furchtsam an den Grafen drückte und endlich fort lief, der Graf ihr nachging, und so blieb Waller ganz allein und trank ruhig bis zum letzten Tropfen alles rein aus. Dann seufzte er und ging zu dem Bette des kranken Traugott, aber statt dessen Leiden mit Liebe und Trost zu mildern, klagte er ihm sein Unglück mit den Papieren. Der Kleine fasste ihn an und sagte, dass er alles lesen könne, was im Kirchenknopfe liege; Waller schimpfte ihn aus, aber er fing an herzusagen, und sagte dem Vater ganze Stücke, die er niemals vorgelesen hatte. Waller nahm diese geheimnisvolle Verbindung ganz ohne Nachdenken auf, holte Papier und Feder, und liess sich alles wieder diktieren, wovon er keine Abschrift genommen hatte, bildete am Morgen, als alles fertig war, der Gräfin ein, er sei in der Nacht als Nachtwandler hinaufgestiegen und habe die Papiere, die ihm wert, abgeschrieben, und so ritt er ohne Abschied oder Dank von dem Kleinen fort in die weite Welt. Die Gräfin, die nachher von Traugott den Zusammenhang erfuhr, erklärte sich alles aus einem glücklichen Gedächtnisse des Kindes, das dem Vater sonst zugehört, wenn er seine Verse laut nachskandierte, wie das immer seine Gewohnheit war.

Eine Stunde hatte Waller in dem Zimmer seiner verstorbenen Frau zugebracht, das der Graf, wie wir wissen, unverändert gelassen; wie sie an einer kleinen Staffelei in Rötel die Gegend halb aufgezeichnet hatte, so lag noch die Zeichnung, der Rötel