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ihm entreisse, und er darüber weine. Er wachte von diesem Weinen auf, und sah, dass er in seinen Händen eine gelbliche Blume trug, die er in der Fieberschwärmerei abgepflückt. Aus Verwunderung darüber brachte er sie nach haus und zeigte sie dem Grafen, der eben von der Aufsicht über die Ernte heimkehrte. Der Graf erkannte sie bei den ersten Blicken für Belladonna, und riss sie ängstlich dem Kleinen weg mit der Frage, ob er auch noch nicht davon genossen, sie sei sehr giftig, heisse Schöne Frau, nur den tollen Hundsbiss heile sie zuweilen. Der Kleine wurde verwundert und noch blässer, als er war, und der Graf meinte schon, dass seine Besorgnis leider gegründet, als er ihm sehr feierlich seinen Fehler bekannte, gegen sein Verbot auf dem feuchten Erdboden geschlafen zu haben, und dann erzählte er ihm den wunderbaren Traum auf der Mutter grab und meinte ganz fest, die Mutter lebe noch. Der Graf nahm den Kleinen mit Liebe in seine arme und trug ihn schmeichelnd auf sein Zimmer, es war ihm wie bei etwas Wunderbarem zu Mute, wo niemand weiss, was zu tun, wo jeder staunt, unwissend wohin es deute; denn wo so verschlossene Wege sich öffnen, warum soll der Mensch da die gewöhnlichen des Lebens weiter gehen. Seit diesem Tage bemerkte er an dem Kleinen ein eigenes Vergnügen den Leuten im haus das Zukünftige zu sagen; er liess sich die hände zeigen und wusste ihnen so ins Herz zu reden, dass sie vor ihm erbebten. Auch die Gräfin hielt ihm die Hand einmal hin, aber der Kleine hatte mit dem kopf geschüttelt und nichts sprechen wollen. Kleine begebenheiten trafen wirklich ein und der Glaube an ihn vermehrte sich im dorf so gewaltig, dass selbst des Grafen Ansehen, wenn er auch den Willen dazu gehabt, den Zulauf nicht gehemmt hätte. Unsre Bücher schweigen von dem geheimen Volksglauben, weil die lesenden Stände ihn aufgegeben haben; die nichtlesenden wissen von Tomasius nichts und es vergeht ihnen kaum eine merkwürdige Zeit ohne geglaubte ausserordentliche Einwirkung der höheren Kräfte und Erscheinungen, die den Dichtern als eine unterhaltende Täuschung verziehen werden, deren sich aber die Historiker, ungetreu allen ihren grundsätzen über die Benutzung der Quellen, immerdar noch schämen. Ich erzähle, wie ich die geschichte empfangen, einzig besorgt, sie nicht zu entstellen. Alonso, der Bruder des kleinen Traugott, kam von Zeit zu Zeit seinen Bruder zu besuchen, aber ihr sonstiges Spiel hatte sich in einen Austausch von Zärtlichkeit und Ehrfurcht aufgelöst; Alonso wagte es nicht mehr mit ihm zu spielen, und Traugott führte ihn mit Tränen an seiner Mutter Grab, wo er ihm von einer Blume erzählte, die nicht giftig wäre und doch gelb, zu der die Sonne wie ein Staub täglich neu fliege und falle, sie schwimme wie eine Wasserlilie auf dem Meere. Wenn Alonso nun fragte, woher er das wisse, so sagte Traugott, die Mutter habe es ihm gesagt. Und wenn er ihn fragte, ob er wohl ein Verlangen nach der Blume habe? "Ei Gott nein", antwortete er, "zu der bin ich noch lange nicht reif, vor der müsste ich ganz und gar vergehen!"

Der Prediger Frank interessierte sich lebhaft für Traugott; er wollte ihn immer beobachten, aber der Kleine verschloss sich vor ihm wie das Nolimetangere vor jeder unkeuschen Berührung; ja seine Nähe machte dem Kleinen physischen Schmerz. Der Arzt des Fräuleinstifts, der berühmteste der Gegend, kam einen Tag um den andern, ass bei dem Grafen, ging einen Augenblick zu Traugott, fühlte den Puls, besah die Zunge, und versicherte, er sei sehr zufrieden, es werde bald ganz gut werden. – Eines Tages sagte der Knabe, er werde seinen Vater bald sehen, und wirklich kam Waller den Nachmittag aufs Schloss geritten und brachte der Gräfin einen prächtigen, mit einem Helmgefässe in Bronze verzierten Kürassierdegen, den der hässliche Baron in einem der ersten Gefechte erbeutet. Seine Beschreibungen von der Armee waren sehr lächerlich; er hielt sie für eine grosse Fuchtelmaschine und erzählte, wie der Schweizer vor den Gefechten so herum schleiche und heimlich seine heiligen Bilder mit Segenssprüchen zu hohen Preisen absetze, und wie der Prinzenhofmeister nach der Schlacht unter dem Schutze des baron eine grosse Pharaobank aufgeschlagen, um den Rest des Geldes an sich zu reissen. Alle Taschen hatte er mit lustigen Soldatenliedern gefüllt, und im Lager hatte er ein grosses Puppenspiel gehalten, worin er sich über alle kommandierende Feldherren unter veränderten Namen aufgehalten. "Keine Art von Menschen", rief er, "hat mehr Sinn für echt lebendige Kunst als gemeine Soldaten, keine so wenig Sinn und Urteil als Offiziere; ihr bisschen Taktik und ihre steifstellige Ehre und ihr schiefer Hut hindern sie einem Spass gerade in die Augen zu sehen; sie möchten gern recht vornehm fühlen, und da schämen sie sich mit den Soldaten zu lachen, wo sie es nicht kommandiert haben." – Nach seinen Kindern hatte er weiter kein Verlangen, aber wohl nach seinen Werken, die damals so schnöde aus dem Wagen geworfen. Welcher Schrecken, als ihm der Graf den hohen Turmknopf als ihren gegenwärtigen Ehrensitz zeigte, und ihn fragte, ob er Lust hätte sich da hinaufziehen zu lassen, um die Kugel aufzumachen, und nachzusuchen. Er warf sich schwindelnd an die Erde und glaubte schon oben zu stehen, so stark trieb ihn die Versuchung dahin, er schwor, dass er hinauf müsse, und koste es ihm das Leben. Vergebens