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aus seinen Augen, wie bei dem grössten Unglücke; er hielt sich den Leib, und der Müller kuckte neugierig mit weisser Mütze zu seinem Fensterchen auf sie herab. "Jetzt hat der Müller das meiste in der Mühle", sagte Waller, und lachte wieder, "denn sein Kopf ist doch weniger als sein übriger Körper!" Der Müller fing an, darüber zu lachen, die Hunde schlugen an in der Gegend, die Bauern meinten, es wären vielleicht Diebe irgendwo eingebrochen, und standen auf; da ward in vielen Häusern Licht angeschlagen, die Kinder erwachten und schrien, aber unsre Gesellschaft lachte noch immer fort. Unerwartet hörten sie ein Schreien mehrerer Stimmen vom schloss her: "Diebe, Diebe, haltet sie!" Gleich darauf fielen ein paar Schüsse; verwundert sahen sich unsre lustigen Leute an. Frank sagte, dass Waller Doppelpistolen in der tasche trage, der Graf entriss ihm eine und eilte voran der Gegend zu, woher das Geschrei gekommen. Er begegnete dreien Männern, grün gekleidet, die zu entkommen suchten, sie hatten durch ihre gezogenen Hirschfänger ein paar verfolgende Bediente in einige Entfernung gehalten. Der Graf trat unter sie, und drohte sie zu erschiessen, wenn sie nicht gleich ihre Hirschfänger und Pistolen wegwürfen. Der unerwartete sehr entschiedene Feind stürzte ihren letzten Mut; sie warfen ihre Waffen von sich und der eine der drei Männer machte sich als der hässliche Baron namenkundig, und ward dafür erkannt; seine Begleiter waren der Prinzenhofmeister und der Schweizer. Der Baron gebot seinen Begleitern Stillschweigen, und erflehete demütig vom Grafen eine geheime Unterhaltung. Frank und Waller, die inzwischen mit Bedienten und Knechten des Schlosses helfend herbei geeilt, widerrieten ihm sehr dieses Zutrauen; doch der Graf entschied sich nach seiner Art, ihn anzuhören. – Der Baron ging funfzig Schritte mit ihm fort, dort fiel er vor dem Grafen auf die Kniee, bat ihn um Schonung wegen der beiden armen Leute, die er fast gewaltsam zu diesem Unternehmen gebracht; eine wütende leidenschaft zur Gräfin habe ihn seit ihrem ersten Anblicke gefoltert, aber auch ihn habe er immer geliebt. Als er neulich die Gräfin beleidigt, das sei Folge dieser leidenschaft gewesen, die sie niemals in ihm erkannt, niemals aufgemuntert, der Schmerz habe ihm die harten Worte erpresst; er habe nicht von ihr lassen können, sei wiedergekehrt zu ihr, doch als ihn der Graf neulich so hart fortgewiesen, da habe er beschlossen, die Gräfin durch gewaltsame Entführung sich anzueignen. Die tolle Ilse habe ihn von allem benachrichtiget, sie habe durch Behorchen gewusst, dass der Graf um ihren Liebeshandel mit Waller wisse, dass er dabei gegenwärtig sein würde, dass dann in jedem Falle, was sich auch ereigne, alle Aufmerksamkeit von dem anderen Flügel des Schlosses, wo die Gräfin schliefe, abgeleitet sei. Unmöglich hätte sie und er vermuten können, dass die Gräfin bei ihren Umständen, in so kalter Nacht, ein solches Abenteuer mit anzuschauen Lust haben könne; er habe sie in ihrem Schlafzimmer allein geglaubt, und sei von der andern Seite mit seinen beiden Leuten durch ein von Ilsen offen gelassenes Fenster eingestiegen, habe aber alles leer gefunden und sei auf dem Rückzuge von einem erwachten Bedienten entdeckt, und verfolgt worden. Der Graf segnete während dieser Erzählung, die der Baron viel gestörter und umständlicher ablegte, den Vorwitz und die Unvorsichtigkeit seiner Frau, der ihn eigentlich gekränkt hatte, bei dem wunderlichen Abenteuer selbst gegenwärtig sein zu wollen; sie hatte dadurch ahndend viel Not erspart. – Nach kurzem, bald entschiednen Nachdenken antwortete er dem Baron bestimmt, dass er nur in dem einen Falle ihm die gerichtliche Strafe seines Bruchs der öffentlichen Sicherheit schenke, wenn er sein künftiges Leben ganz dem öffentlichen Wohle widmete; er kenne ihn, dass er sich als Offizier in fremden Diensten ausgezeichnet; er möchte daher jetzt beim Wiederausbrechen des Krieges die deutsche Sache mit seinem Blut verteidigen. Der Baron schwor ihm, diese Strafe sei so schön, dass sie fast eine Wohltat zu nennen; er führe doch in der Einsamkeit des Landes ein unerträglich langweiliges Leben und eine tätige Änderung sei ihm wegen seiner törichten leidenschaft dringend notwendig. – "Nun wohl", sagte der Graf, "Sie sind zu haus in meiner Gewalt, wie hier, denn mein Begleiter, der Prediger Frank hat Sie erkannt; gehen Sie nach haus mit den Ihren, und kommen Sie zum Mittag zu mir, wo ich Ihnen einige Briefe an einen General meiner Bekanntschaft mitgeben will."

Frank und Waller waren höchlich verwundert, als die beiden andern Gefangenen vom Grafen losgemacht und ohne Strafe fortgesendet wurden; alle drei entfernten sich stummeilig, als würden sie noch verfolgt. Der Graf sprach kein Wort darüber, als dass er alles bloss für ein verletztes Jagdrecht ausgab; einem Jäger gab er heimlich Befehl das Zimmer der tollen Ilse zu bewachen. Man drang nicht weiter mit fragen in ihn, selbst die Gräfin beruhigte sich, denn alle waren so müde, so erschöpft von den verschiedenen Gemütsbewegungen, dass der Schlaf in seine Rechte eintrat, die er bis zum Mittage behauptete. Merkwürdig war es dem Grafen, als er sich angekleidet hatte, und nach der tollen Ilse fragte, sie nirgend entdecken zu können, ungeachtet der Jäger sehr gute Wache gehalten. Das listige geschöpf hatte gleich in der Nacht an dem ganzen Verlaufe der geschichte bemerkt, dass sie wahrscheinlich verraten sei, und war noch während der Unruhe entwichen, wahrscheinlich die Liebesleiter hinuntersteigend, dicht neben denen Leuten vorbei, die