Lied immer künstlicher, immer neue Reichtümer seines inneren erschlossen sich ihm, immer mehr Personen traten auf in seinem Wechselgesange über ihre Schönheit; das nahm kein Ende, die kalte Nachtluft wehte durch das halboffene Fenster herein und Ilse, kalt wie Eis in ihrer leichten Bedeckung nahm einen Mantel um, und setzte sich ihm gegenüber, um zu warten, bis das verfluchte Gesinge endlich ein Ende nähme. Nun schloss er sein unendliches Lied, während dessen dem Grafen auf den schmalen Leitersprossen die Füsse fast erlahmten, mit den Worten:
Die leichten Töne,
Sie werden mir schwer,
So macht das Schöne ...
Hier fiel sie ein:
Herzen so leer!
Ihre Finger brennen,
Mein Herz wird kalt,
Wir müssen uns trennen,
Sonst werde ich bald alt ...
Gleich fiel er ein:
Die Finger brennen,
Mein Herz so brennt,
Die saiten zerklingen,
Mein Herz zerspringt.
Sie hielt den Mantel auf, um die Stücken seines Herzens aufzufangen, er aber war entzückt über ihr Einfallen, er hatte gar nicht geglaubt, dass sie auch Verse machen könne. Er vergass darüber seine ganze Liebesangelegenheit und erzählte Ilsen von nichts, als von einigen Liebesliedern vor den Fenstern, die er in sehr glücklichen Nächten gedichtet. Sie machte ihm den Vorschlag, ob er die nicht vor dem Fenster singen wollte, sie würden sich dort viel besser als in der engen kammer ausnehmen. Er war gleich bereit und der Graf und Frank hatten kaum Zeit von der Leiter zu kommen, als er schon hinunterkletterte, und gleich unten auf seiner Gitarre vorspielte, und dann mit begeisterter stimme einfiel:
Sieh, der Morgen scheidet laulich,
Was am Abend lieb und traulich,
Nur in meinem Herzen wallen
Noch der Liebe volle Gluten,
Meine sehnsucht muss erschallen,
Wie ein Sturz der wilden Fluten,
Ob er jemals wird vernommen,
Ob ihn Liebchen je erhöre!
Rastlos ist er fort geschwommen,
Trostlos nach dem hoffnungsleeren Meere.
Ilse sang oben, dass es wohl der Graf, aber nicht der begeisterte Sänger hörte:
Ach was gibt es für Liebhaber,
Seht, bei jedem ist ein Aber,
Doch vor allem muss ich lachen
Meines ew'gegen Musikanten,
Ewig will er Flammen fachen,
Die mich doch schon lange brannten,
Und wenn mir das Herz will springen
Von den zärtlichsten Gefühlen,
Tut er nichts als klingen, singen,
Und mit zärtlichen Gefühlen spielen.
Waller hatte unterdessen ruhig fortgesungen:
Nein die Liebe ist zu luftig,
Zwischen Erd und Himmel duftig,
Lohnt sie Schmetterling im Garten;
In den Zimmern, in den Betten
Lohnet sie wohl nie die Zarten,
Leget sie wohl nur in Ketten,
Aber in der Ziter Klängen,
Fühl des Herzens süsses Leben,
Fühl des Busens zartes Drängen,
Und des nahen Atems schwebend Leben.
Hierauf antwortete die tolle Ilse ganz laut:
Wär ich deine Zitersaite,
Fühlte ich wohl manche Freude,
Doch was kannst du mir gewähren,
Willst du immer dich nur hören?
Hör, ich würde mich verzehren,
Würde ich dich nimmer stören;
Hör, wer irgend eifersüchtig
Und vor jedem Mann erschrocken,
Dem wärst du zum Wächter tüchtig,
Hört an deinem Hals der Glocke Locken.
Bei diesen Worten schlug sie das Fenster zu; vergebens stieg Waller wieder die Leiter hinauf und sang ihr vergebens, als sie ihn gegen die Scheiben gelehnt auslachte:
Mein Liebchen hinterm Pillenbaum
versteckt ihr liebreich Angesicht
Mit ihren beiden Händen,
So meinte sie, sie säh mich nicht,
Und sieht mich durch die Finger kaum,
Und trüg mich doch gern auf beiden Händen.
Aber er täuschte sich, sie sah ihn an, machte ihm ein Kompliment, putzte das Licht aus, und er musste ganz missmütig die Leiter herabsteigen. Ohne an Frank zu denken, ging er im Dunkel ärgerlich vor sich hin, und machte einzelne rasche Griffe auf seiner Gitarre; er war mit sich beschäftigt, wie er dies verkehrte Abenteuer sich selbst am vorteilhaftesten erzählen könne; so geriet er in die Nähe einer Windmühle, die der Müller eben zur vorzeitigen Tagesarbeit in dem frischen Winde losliess. Der erste Flügel, der sich ihm nahete, schlug ihm die Gitarre aus der Hand in tausend Stücke; vielleicht hätte er wie Don Quichote seine Pistolen gegen diesen unbekannten Feind gebraucht, wenn nicht das Klappern im inneren ihm sogleich mit dessen Beschaffenheit und guter Position bekannt gemacht hätte. Vielmehr sang er jetzt unter Begleitung der sausenden feindlichen Flügel jammervoll kläglich, hinblickend nach Ilsens Fenster:
Wenn ich zurück im Fenster wäre!
Ja wäre!
Hier unten ziehet Wind und Regen,
Mach auf, mach auf und sprich den Segen,
Bin draussen bei der Windmühl,
Wo der Müller mahlt,
Wenn der Wind geht.
Ach wär ich heute nur klug gewesen,
Gewesen!
Ich hätte dich in Arm genommen,
So ständ ich nicht so ganz verklommen,
Hier draussen bei der Windmühl,
Wo der Müller mahlt,
Wenn der Wind geht.
Wenn ich in deinem Herzen stände,
Elende!
Du würdest nicht das Licht ausmachen,
Und durch die Fensterladen lachen,
Und mich hier stehen lassen,
Wo die Ziter springt,
Und die Zähne klappern.
Bei diesen Worten, die der volle aufgehende Mond hell beschien, nahten sich Frank, der Graf und die Gräfin mit unwiderstehlichem lachen dem frierenden Dichter. Er wollte sich erst böse stellen, aber das lachen war ansteckend, er geriet in den Lachkrampf hinein, und so ganz hinein, dass er flehentlich um Schonung bat; die Tränen liefen häufiger