alles schlief, legte sich in sein Bett, frühstückte mit den andern, und sagte lange niemand davon.
Die Historie hatte den Grafen wunderlich ergriffen; er war an manche kleine Begebenheit seiner eigenen Jugend dabei erinnert worden; er ging zu Waller und fragte ihn, der noch im Bette lag: wozu er den Knaben bestimme? Waller sagte, dass er ihn dem rechten Vater wieder zustellen wollte, so wie er seinen eignen Sohn den Amtmannstöchtern überlasse, die den Tag vorher die wunderliche geschichte mit ihm gehabt. Der Graf bat ihn, den Knaben doch diesen Sommer bei ihm zu lassen, er scheine sich bei der Landwirtschaft zu gefallen. – "Es ist ein Allerweltsjunge", sagte Waller, "recht gerne, behalten Sie ihn, der gibt sich mit allem ab; Sie sollten einmal sehen, ganze Pakete Gedichte, Tragödien schmiert er zusammen, und ich kann Ihnen versichern, dass ich manches darunter zu meinem Gebrauche bearbeitet habe; denn alles hat freilich etwas sehr Unreifes, Abgerissenes." – Die Annahme des Knaben war aber mit der Zustimmung Wallers noch nicht ausgemacht; die Gräfin war sehr dagegen, sie scheute die kleine Mühe der Oberaufsicht; doch nach mancher Zärtlichkeit des Grafen gab sie endlich zögernd nach.
Fünfundzwanzigstes Kapitel
Waller und die tolle Ilse. Abenteuer einer Nacht
Waller hatte unterdessen sich mit den sämtlichen Hausbewohnern bekannt gemacht, und mit der tollen Ilse ein besondres Verständnis eröffnet. Ihr Wesen war ihm neu und gehörte in die Reihe seiner inneren Abbildungen; er schien sie unbegreiflich zu reizen durch die zierliche Art von Hofmachen, die ihr von Knechten und Jägern und andern Hofleuten noch nicht geboten. Waller trieb so etwas mit grosser Hitze, als müsste mit der untergehenden Sonne alles beendigt sein, und wirklich brachte der sie auch in wenig Tagen so weit, dass sie ihm eine nächtliche Zusammenkunft gestatten wollte, insofern er eine schwere Gartenleiter an ihr Giebelfenster legen könnte. Jede Stunde hatte er aufgeschrieben, wie weit seine Liebschaft gediehen; bei dieser Aufforderung stand ein Seufzer und die Worte: "Das ist unmöglich, die Leiter rücke ich kaum von der Stelle, viel weniger kann ich sie aufheben und anlegen." Nach vielem Umhersinnen kam er auf den Prediger Frank, der ihm ein weltlustiger Vogel geschienen, dass er ihm diesen kleinen Dienst leisten sollte. Gleich ging er hinüber zu ihm, und Frank wusste sich gleich zu fassen, ging in alles ein, und versprach sich davon recht vielen Spass. Heimlich machte er den Grafen mit seinem Auftrage bekannt, und verabredete sich mit ihm. Abends gegen zwölfe stellte er sich vor Wallers Zimmer ein, der ungeduldig schreibend seiner wartete. Er war vom kopf bis zu den Zehen bewaffnet, im Stiefel hatte er einen Dolch versteckt, in jeder Rocktasche eine Doppelpistole; sein Testament legte er versiegelt auf den Tisch, küsste ein Gemälde seiner Frau, ergriff seine Gitarre und ging in höchster Spannung stillschweigend voraus, unserm Frank den Weg zu zeigen. Die Nacht war dunkel, der dunkle Baumgarten nur durch sein Rauschen von dem stillen Himmel zu unterscheiden. Bei dem unerwarteten Aufschrecken eines Vogels rief er einmal: "Haben Sie was gesagt?" Und als ihm ein Käfer gegen die Backen flog: "Wie war das gemeint?" – Alles ward still bis auf ein paar Frösche, die sich im Teiche bei einer Serenade verspätet hatten, und selbst diese gaben ihm Argwohn, dass er Lust bekam, seine Pistolen in das wasser abzufeuern. Der Graf und die Gräfin sassen in einer Laube versteckt, und lauerten auf Ilsens Fenster, das erleuchtet war und durch zwei vorgesetzte kleine Pillenbäume anzeigte, dass sie ungestört des Liebhabers warte. Der Graf sang leise vor sich:
Lustig ist die Ilse,
Wenn ich sag, ich willse,
Lustig ist meine Ilse nicht,
Wenn ich sag, ich will sie nicht.
Welche sonderbare Lust liegt darin, einen andern in seiner Liebschaft zu belauern! – Waller zog die Leiter mit des riesenhaften Predigers hülfe glücklich heran, lehnte sie an die Mauer und sang ganz schwach ohne Begleitung der Gitarre:
Es schlug die Uhr,
Die Nacht war tief
Und alles schlief,
Gott Amor nur
Erwacht
Und lacht,
Und keinen stört,
Denn die ihn kennt,
Von Liebe brennt
Und ihn schon hört
Beglückt
Entzückt.
Ilse gab ihr Zeichen: ein dreimaliges Klatschen der Hand. Waller stieg hinauf, wobei seine Gitarre zuweilen gegen die Leiter klapperte, und Ilse bei dem ersten erscheinen die Äusserung entlockte, ob er etwa ein Kästchen mit Geschenken bei sich trage. Doch hatte er wirklich ein artiges seidnes Halstuch seiner Frau in der tasche, das er ihr sehr zierlich überreichte. Frank und der Graf waren ihm inzwischen nachgestiegen und sahen durch das Fenster, doch unbemerkt von den beiden Liebenden, um bei jeder Unordnung zwischen zu treten. Diese Vorsicht war unnötig. Ilse hatte eine eigene Art ihre Zärtlichkeit auszudrücken; sie lachte die Leute an, spottete über sie und ärgerte sich dann, wenn sie nicht verstanden wurde. Wallern dagegen, sobald er sich erhitzte, fielen eine Menge schöner Lieder ein, die er auf allerlei Gedankenbilder verfertigt hatte; da brauchte er oft nur blaue in braune Augen zu verwandeln, um alles passrecht zu finden. Das Feuer dieser Lieder durchdrang Ilsen, die tiefe stimme, das leidenschaftliche Wesen Wallers, die Zaubereien der Nacht ringsum, ergriffen ihr wunderliches Gemüt, sie kniete vor ihm, und drückte seine Beine an ihr Herz. Aber statt ihre Umarmung zu erwidern, verschlang sich sein