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übrig blieben." FRANK: "Sehr wahr, und das ist wieder Künstlercharakter; dieses Hetzen in sich, dieses ewige Kritisieren, das in aller Berührung mit der Welt durchaus tötet und nie belebt, jedes Spiel verdirbt, jeden frohen Gesang ängstiget, ob er auch an seiner Stelle. So wirkt die frische Literatur, wie die frischen Zeitungen gar böse auf die Augen; ein junger Dichter glaubt es seine Schuldigkeit, einer ganzen Gesellschaft alle eigenen gewohnten Strassen der Fröhlichkeit mit seinen gezwungenen Verrenkungen sogenannter Laune, Phantasie, Humors, Witzes und Genies zu verleiden, indem er sich wie ein Fallsüchtiger quer drein legt." GRAF: "Da müssen wir ja die Künstler absondern von aller Gesellschaft, wie der ägyptische König die dreissig Kinder in eine Wüste verpflanzte, damit sie die Ursprache erfänden." FRANK: "Ja wohl, lieber Graf, wie die Bildhauer von dem Staube leicht die Schwindsucht, die Maler vom Farbendunste die Malerkolik bekommen, Tonkünstler leicht taub werden, und mit diesen Krankheiten alle die anstecken, die in ihren Werkstätten hausen, so teilen die Dichter ihren Dichtersparren gar leicht den Menschen mit, die sie sich zu ihrer Werkstatt erlesen, und dazu ersehen sie in ihrer Torheit die ganze Welt und denken nicht daran, dass ihnen nachher keine Leser übrig bleiben." GRÄFIN: "Sie wissen, ich sage meine Meinung. Sie sind ein Verstandesmensch, Sie wissen nicht, was Begeisterung sei, wie ein Mensch darin im Augenblick über alle erhaben die Welt überschaut, wo sie uns verschlossen mit Bergen und Wolken; muss er da nicht hart sein gegen die, welche ihn nicht verstehen und seiner Gaben sich nicht erfreuen?" FRANK: "Haben Sie nie Verse gemacht oder sonst in Worten etwas dargestellt?" GRÄFIN: "Nein, ich wagte es nie, die Worte waren mir immer entfernter als Musik und Zeichnung." FRANK: "Nun kann ich es mir erklären, wie Sie Dichter für so ganz besondre Menschen halten. Erst in eigner Übung lernt man bei aller Kunst das Übereinstimmende augenblicklicher Eingebung mit jahrelangem Streben erkennen; wie die Körper nur flüssig auf einander wirken, so bedarf das Geisterreich einer vieljährigen lösenden Wärme, ehe es seine edlen Metalle in einem geist niederschlägt und frisch kristallisiert in einem Augenblicke allen zur Bewunderung herstellt. Ob einer unter Büchern, oder auf einsamer Heide, oder in sich verschlossen unter einer Menschenmenge, dieser sehnsucht seines ganzen Herzens nachhängt, das kommt auf eins: dieses sind die wahren Dichter; jene aber, die, wie Waller, auf halbem Wege stehen bleiben, möchten ohne eine sehnsucht nach dem Herrlichsten, diese heilige Gabe immerdar empfangen, und so wird jede Torheit, die ihnen durch den Kopf geht, als eine heilige Gabe von ihnen geachtet und ausgeschrieen. Die Welt tauscht diese Torheit mit andrer Torheit ein, so ist es ein ewiges Rühren und Erquicken zwischen der mittelmässigen Welt und den mittelmässigen Dichtern." GRÄFIN: "Denken Sie auch, was Sie mir darin sagen." FRANK: "Ich darf es sagen, denn Sie denken eigentlich höher und tiefer, aber Ihr guter Glaube, Ihr wohlwollen nimmt Ihnen das ruhige Urteil über Waller."

Die Gräfin stellte sich ärgerlicher, als sie war; sie ging zu Waller, der gewaltig nieste und etwas zu essen begehrte. Der Schlaf schien den Mann verwandelt zu haben; während er mit grosser Begierde ass und trank, liess er schon seiner ganzen Lustigkeit den Zügel. Die Kinder mussten ihm ein Puppenspiel bringen, das er von einem Freunde, dem Puppenspieler Rubald, zum Geschenke erhalten hatte, nachdem dieser wieder in den Krieg gezogen. "Ein grosser wunderlicher Kerl", so beschrieb ihn Waller, "in allen Weltteilen hatte er schon gefochten und mit Puppen gespielt; er zeigte mir einmal seine Brust, da war jede Schlacht und jedes neue Puppenspiel mit Pulver einpunktiert, die er mitgemacht; keinen andern Orden hatte er bewahrt. Ein Hufeisen trug er wie einen Ringkragen um den Hals, das hatte er dem Hinterfuss vom Pferde seines eignen fliehenden Feldherren, um ihn aufzuhalten, abgerissen, und war dabei mehrere Schritte weit halb tot fortgeschleift worden. Er hatte einen törichten Hass gegen die Juden; vergebens stellte ich ihm oft vor, dass sich die Juden in unsrer Zeit in jeder Tugend, in jedem Talente bewährt hätten; noch sein letztes Stück war zum teil gegen eine reiche Judenfamilie gerichtet, die sich in der Art, wie sonst reiche adlige Häuser in einer Residenzstadt gegen den verarmten Fürsten aufgelehnt hatte, nachdem sie durch Lieferungen schnell reich geworden." – Alle baten, er möchte das Stück geben, denn nach aller Beschreibung ginge es auf ihren ehemaligen Fürsten, den in seiner Residenz gleiches Schicksal betroffen. Waller hatte das ganze Stück und war bereit es aufzuführen. Sein Teater wurde hinter einer tür aufgeschlagen; jeder half dabei, was er konnte, und die meisten standen dabei im Wege. Am Abend, als Licht angezündet wurde, war der geheimnisvolle Vorhang schon vorgezogen und Waller in seinem Zimmer versteckt. Nach einer kurzen Musik, die er mit Händen und Füssen und dem Mundwaldhorne klapperte und brummte, erhob sich der Vorhang, und die Zuschauer sahen den grossen Kopf des Waller, der das Teater fast füllte, durch Schminke und Schwärze lächerlich charakterisiert.

Dreiundzwanzigstes Kapitel

Übersicht der Tragikomödie von dem Fürstenhause

und der Judenfamilie

Prolog des Dichterkopfes

Was ist für Freude noch bei grossen Bühnen,

Da ist nichts Lust'ges mehr, kein wild Erkühnen,

Auch