Bei diesen Worten fiel der Graf Wallern um den Hals und drückte ihm beide hände.
Waller fuhr mit neuem Eifer fort: "Eine spanische Schafherde, die in vielen Jahren aus einem Paare aufgebracht ist, das mühsam den weiten Weg geführt wurde, hat einen grösseren Einfluss auf die Zukunft, als eine gewonnene Schlacht, die doch nie in ihren Folgen ersetzen kann, was die Menge gemordeter Menschen hätte schaffen können. Überhaupt ist alles Zerstören ganz leer und unbedeutend, aber das Schaffen ist des Höchsten Werk; auch gibt es kein herrlicheres Gefühl, als dieses Schaffen und Erfinden, sei es in Taten oder in Gedanken: es ist ein heiliges Ehebett mit der ganzen Welt. In heiliger Ehe lebe ich mit jedem meiner Werke, wir lernen von einander, und es ergreift mich, ehe ich zu einem die Feder ansetze, oder ehe ich zum Vorlesen desselben übergehe, eine Furcht, ob es auch die rechte Zeit, ob meine Wahl auch glücklich sei, und so versäume ich leicht die Zeit ..."
Wirklich erinnerte auch die Gräfin gähnend, dass es spät sei.
" ... wirklich ist es auch heute zu spät, der schönen Gräfin noch meine Schäfer-Odyssee vorzulesen. Der schöne gewogene Takt meiner Hexameter brächte sie ganz zum Schlafe; es sind die besten, die je in deutscher Sprache verfasst worden. Ich habe ein eigenes Ohr dafür, selbst Voss hat mir längst den Preis zuerkannt; kraft sechzig destillierter Eierschnäpse bin ich hinter das Geheimnis dieses Pfiffes gekommen. Sie glauben nicht, wie unterhaltend die Reise des Schäfers durch Spanien, Frankreich und Deutschland, wie lächerlich er alles in seiner Einfalt fasst, wie wunderlich er sein Haus wiederfindet, wo unterdessen der Feind gehaust." – Mit diesen Worten ging er zur tür, blickte aber noch einmal mit seinen verdrehten Augen zurück, und sagte: "Ein Glas Punsch hätte ich gerne getrunken." – "Lieber Waller", antwortete der Graf, "warum sagten Sie das nicht zur gehörigen Zeit, jetzt schlafen alle meine Leute." – "Nun, es schadet auch nichts weiter", rief er, und ging fort. Der Graf konnte sich doch nicht entalten, auszurufen, als er bedachte, wie viel der Mensch so bedeutsam geallerleit und doch so gar nichts gegeben: dieser sei eigentlich kein Phantast, sondern ein Faselant, der mit einer ganzen Möbelkammer alter Phantasien herum hausiere.
Zweiundzwanzigstes Kapitel
Tod der Frau Waller und Wallers vergebliches
Verlöbnis
Der Morgen des folgenden Tages wurde jammervoll erweckt; Waller hatte seine Frau, als er sie zum Frühstücke erwecken wollte, tot gefunden, und lag seitdem in einer wunderbaren Raserei an ihrer Seite auf dem Bette. Der Graf scheute sich erst, seinem tiefen Schmerze zu begegnen, nur die Zeit vermag für jeden wirklichen Verlust zu trösten; bald wurde er aber von den schönen Elegien angezogen, die den Lippen des Unglücklichen entströmten; da fehlte keine Silbe in den Versen, trotz der schreckenvollen Erscheinungen, die sie ausdrückten. Leicht liess er sich überreden, was er vorher durchaus nicht zugeben wollte, dass der entseelte Körper in ein andres Zimmer gebracht würde, nachdem der Graf ihm versichert, dass die Ausdünstung der Toten die Lebenden nachzöge. Noch bestrich er dreimal eine Warze über seinem Auge mit der kalten Hand der Toten, dass sie ihm noch einen Liebesdienst erweise; dann überliess er sie den fremden Gewalten, und erbat zu ihrer Einsetzung den Prediger Frank als den nächsten evangelischen Geistlichen zu sich. Nun wurde er selbst in ein andres Zimmer des Schlosses getragen, denn er glaubte sich zu schwach zum Gehen. Die Kinder blieben in fürchterlichem Weinen bei dem Grafen, der in die angefangene Zeichnung der Gegend schaute, die halb von der Verstorbenen ausgewischt war; die Semmelkrumen lagen noch umher. Es war ihm heilig, dieses Bild, als der letzte Lichtfunken eines schönen Malertalentes; er liess alles an derselben Stelle liegen, und führte die beiden Kinder in seinen Garten. Nichts war im stand, sie zu trösten, der Strom der Tränen schien seine lindernde Kraft an ihnen nicht auszuüben, kein Geschenk sie zu erfreuen; endlich fiel der Graf auf den guten Gedanken sie zu einer Angelbank zu führen. Dies Geschäft war ihnen ganz neu; das Suchen der Regenwürmer, das Aufstecken, das Warten auf die Bewegung des schwimmenden Federkieles, zerstreute sie in wenigen Minuten so ganz und gar, dass sie ausgelassen lustig wurden – wie leicht trösten sich Kinder um ihre Eltern. In dieser Beschäftigung erhielt er sie den Vormittag, dann ging er mit ihnen zurück, ohne dass sich ihre gute Laune gemindert hätte. Der Graf trat in das Zimmer, wo Waller auf dem Bette lag; der Prediger Frank und drei schöne Landmädchen, die Töchter eines sehr reichen Amtmanns in der Nähe, standen umher und hörten mit Tränen seinen Schwärmereien zu. Waller begrüsste die drei Mädchen in recht anmutigen Versen als die drei Grazien, die gekommen wären, ihn für den Verlust der Geliebten zu trösten. Sehr lebendig malte er sein verlorenes Glück, beschrieb seine künftige Einsamkeit, seine verlassenen Kinder; dann glaubte er die stimme seiner verstorbenen Frau zu hören, er wiederholte schauerlich ihre einzelnen gebrochenen Worte, die ihm geboten, die Hand der Schönsten von den drei Mädchen zu ergreifen und seinen Trauring daran zu stecken, sie könne, sie würde ihn trösten; ihr zeichnete er ein reizendes Künstlerleben vor. Der Graf glaubte, es sei schon etwas Entschiednes zwischen beiden vor dem tod der Frau gewesen,