Mensch kann nichts Gutes denken; der Gedanke ist ein Prüfstein der Menschen, das Tun ist selten zu durchschauen, es wird wie ein Gedärme durchschlungen, das Herz schlägt drein und gehört doch nicht dazu; auch kann niemand bei Taten sehen, was er hervorbringt, denn er wird selbst erst darin, wie ein Vogel, der sich durchs Ei pickt, weil ihm das Fressen fehlt, und statt des Fressens aufs Licht trifft, das ihm statt ins Maul in die Augen fällt." – In diesem Gange einer Springmaus, die bloss darum ungeheure Sätze machen muss, weil ihr die Vorderfüsse zu kurz und die Hinterfüsse zu lang geschaffen, kam der Abend, und er wurde erinnert seine Frau zu besuchen. Er ging hin, aber bald wurden alle durch einen ungemein lauten Zank erschreckt; er wütete und tobte, dass sie ein paar Äpfel, die ihm auf der Reise von einer Dame verehrt worden, den Kindern übergeben; die Kinder versteckten sich hinter der Mutter und was diese zu schwach war zu sagen, das schrieen sie mit der unerzogensten stimme. Die Gräfin wollte alles versöhnen, aber Waller sagte ihr sachte in die Ohren, er sei weiter gar nicht aufgebracht, doch halte er es für notwendig, seine Meinung durchzuführen; auch wäre dies eine gute Übung für die Kinder. Und dann riss er sich wieder in den Haaren und rief: "Wer einmal das Zutrauen gebrochen, ein teuer anbefohlenes Unterpfand entwendet, wo sind da Grenzen; es ist so arg, als Simson im Schlafe die Haare abzuschneiden." – Die gute kranke Frau Waller weinte still vor sich, und Waller wendete sich sachte zur Gräfin um: "Hat sie nicht etwas von einer weinenden Mutter Gottes? Sie ist wunderschön!" – Bei diesen Worten flog er um ihren Hals und sprach ihr so traulich, so herzlich, bat so schön um Verzeihung, dass sie gerne alles verzieh und mehr. – Den Grafen verdross doch diese widrige Gefühlsfabrik; er schwor dem Dichter, seine Gedichte würden nichts schlechter sein, wenn er statt mit lebenden Menschen mit bloss gedachten dergleichen Geschichten aufführte. Dies rührte Waller zu Tränen: "Freund, Sie treffen mein tiefstes Innere; ja ich fühle es, keine Wahrheit ist darin und selbst indem ich Ihnen dies bekenne, ist es zum teil Lüge, denn ich will etwas anderes damit, mir ihr Mitleiden statt des Zutrauens zusichern, das ich verloren." – Der Graf versicherte umsonst, dass wenn man sich so einer Betrachtung über die Wahrheit überlasse, immer notwendig ein Stück fehlen müsse, nämlich das betrachtende; es würde dann immer nur zur Wahrheit einer dritten person, die uns nichts angeht, nimmer unsre eigne. Waller schien durch diesen Scharfsinn überrascht, und weil er selten lobte, so war sein Lob schmeichelhaft.
Einundzwanzigstes Kapitel
Die Heimkehr des Schäfers aus Spanien
So verging der erste Tag; spät in der Nacht brachte Waller sein grosses idyllisches Gedicht in Hexametern "Die Heimkehr des Schäfers aus Spanien". – "Die Idyllendichter", sagte er, "sind zum Spott geworden an der ökonomischen Ausbildung des Menschengeschlechts; ich will ihnen durch ein genaues Anschliessen an die höchste Ökonomie ein neues Interesse geben: hier durch die Berührung mit der Verbesserung der Schafzucht durch spanische Merinos. Die Schäferwelt ist uns so wenig untergegangen, als die Kreuzzüge; sie lebt nicht bloss in ein paar Schriftlein, die uns ein grosses Schicksal übrig gelassen, es leben alle zeiten in unsrer ganzen Ausbildung, in dem Gedränge des Mannigfaltigen noch fort, das unsre Zeit bezeichnet. Dies hat mich oft getröstet, wo ich mich einsam mit einem paar tausend Sternen in der dunkeln stürmischen Nacht betrauerte, nachdem die Kriegsfurie mir helle Augen vorgehalten hatte, die mehr blenden als erleuchten, und ich fühle dies noch jetzt, umgeben von den Zerschmetterten, so lange ich mich selbst stark und gesund fühle. Nur die Übeltat der Schwäche ist unheilbar, die sich aufgibt, weil ein andrer ihr nie ganz helfen kann, den sie nun darum hasst; alle anderen versehen unserm volk zu schulmeisterlich vorrechnen, ist eben so anmassend als leer; viele haben sich geopfert und die übrigen werden durch sie leben. Wenn einer im glühenden Abendrot das Volk versammelte, und schritte auf Stelzen über dasselbe einher, und versicherte den Leuten, er sei unser Herr Gott, und die Leute glaubten nicht daran und könnten nicht zum Entschlusse kommen, ihren Kopf wegzuziehen, freilich da würde er ihn manchem einschlagen, indem er über alle hinfiele; machen sie ihm aber Platz, so geht er die wenigen Schritte, die er auf Stelzen zu gehen hat, ruhig fort, und muss dann doch herunter, und ist dann ein Mensch wie alle; nur hafte keiner an der Erdscholle, wo er geboren, lieber werfe er damit auf ihn. Völker müssen wandern, müssen steigen und sinken. In der Tätigkeit schweigt der Jammer, und der Jammer ist das ärgste Übel. Darum hasse ich alle politischen Laubfrösche, die sich prophetisch schreiend verkriechen, wenn ein Ungewitter naht, und sich das als Weisheit anrechnen: jene ewigen gleich falschen Drehorgeln, die auf allen Messen klagen. Wer den Finger hebt zur wirklichen hülfe, ist mehr wert. Jene aber sind ganz des Teufels, die ihr Zeitalter in eine philosophische Abteilung schrauben, und es nachher durch und durch verdammen. Achten wollen wir um so höher, was in uns, was in der Zeit die probe bestanden, denn die probe war hart."