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. Seit nun die webende Zeit uns einte, priesterlich

segnend,

Was die liebende Brust früher gesegnet in sich, Da vergass ich so oft den Faden, vergass auch die

Lehre,

Denn das Eigenste ist, was sich am leichtsten vergisst. Heute vergass ich ihn ganz, als zürnend ich aufsprang

vom Bette,

Und im flatternden Hemd schimpfte die rastlose Frau, Die den Mund nur verschliesst beim ersten Krähen der

Hähne,

Um zu sagen die stunde, die mich zum Webstuhl

verbannt.

"War es schimpflich dem Gott", so rief ich, "zu

spinnen beim weib,

Ich ertrüg es so gern, denn ich säh dich dabei. Doch so muss ich zum Webstuhl, zu schauen die

seidenen Faden

Und du selber, du spinnst mich wie den Seidenwurm

ein,

Förderst dies flüchtige Rädchen vom Morgen bis

wieder zum Abend,

Wäre dies Rädchen entzwei: würde die Liebe mir neu; Kurzweil wird dir zu lang, die lust'gegen Gesellen mir

werden

Alle jetzunder so fremd, fremd wird der kühlende

Wein;

Früh muss ich weben und spät noch, was du

gesponnen geschäftig;

Müssig ins auge dir zu schaun, wär mir ein süsser

Geschäft.

Wozu hilft mir das Geld, du sammelst sorgsam den

Kindern,

Ich bin ein dienender Greif, der die Schätze bewacht." Wütend ergriff ich das Spinnrad und wollte durchs

Fenster es schmettern,

Doch der Faden wie Gold glänzte im Morgenlicht

hell,

Und die Kinder, sie beteten laut im Bettchen

zusammen,

Was der Ältste gesagt, spricht ihm der Jüngere nach. Und ich horchte, er sprach: "Du Kleiner falte die

hände:

Mutter, das tägliche Brot, Vater, gib es auch heute!" Und sie reichte den beiden ein Brötchen mit Butter

bestrichen,

Das sie am Abend sich selbst hatte vom mund

gespart.

"O du goldene Frau", so rief ich, "daurend in Elend, Ja du spinnest in Gold Fäden zum Leben mir fest; Zeit, die vergangen mir sonst in die Launen, die lässt

mir Gewebe,

Und zur Zukunft ich werf ruhig mein webendes

Schiff.

Jegliches mehrt sich bei dir, als ruhte ein göttlicher

Segen,

Wo du helfend mir nahst, wo du tröstend mir hilfst. Unsere Enkel dereinst, sie sollen erstaunen des

Werkes,

Das in gemeinsamem Fleiss wir zusammen

vollbracht."

Mit sorge erkundigte sich der Graf nach Wallers Umständen, ob er wirklichen Mangel leide, und erbot ihm seine hülfe. Waller versicherte ihm, er lebe recht gut von Schriftstellerei und Schulden und werde auch seine hülfe noch ansprechen; nachher berichtete er, dass seine Frau nach dieser Elegie sich entschlossen habe, ihn auf den Fussreisen zu begleiten, die er schon lange zur Einsammlung poetischen Stoffes projektiert gehabt; doch diese Märsche hätten, statt ihr vorteilhaft zu sein, wie er erst gehofft, ihre schwache Brust vernichtet; endlich habe er ihr ein Pferdchen anschaffen müssen, und fürchte sehr, dass sie bald auf Charons Nachen in das allerpoetischste Land der Welt, in die Hölle fahren werde, denn selig könne sie aus Mangel an wahrer Religiösität nimmermehr werden; aber das sei auch eben ihr Verdienst, dass sie für sich bestehen könne ohne Gott, wenn sie nur einen Mann hätte. – Ehe sich noch irgend jemand nach dem eigentlichen Sinne solcher Voraussetzung fragen konnte, hatte er sich schon wieder durch einen geschickten Sprung zum Allerfremdartigsten hingeworfen; er hatte ganz die Art trostlosen Verstandes der Etymologen, die mit wenigen lächerlichen Übergangstönen die verschieden lautendsten Worte aus einer Wurzel ableiten; der Zuhörer wusste nie, ob er einem mehr gab oder mehr nahm; er suchte nämlich seinen eignen Verstand jedem aufzudringen, indem er jedem den eignen nahm, oder verkümmerte. Unsern beiden Landleuten, denen niemand leicht widersprach, war diese Metode ein wahres fest; sie hetzten ihn immer mehr, mussten über alles lachen; er schüttete ihnen den ganzen Vorrat seiner Einfälle und Geschichten an einem Abende aus, die ihm sonst Monate vorgehalten. Es ist eigentlich ein Überfluss davon unter den Deutschen, aber es fehlen ihnen die Menschen, wie Waller, die unter Franzosen so häufig sind, die einen Einfall der Mühe wert halten zu bewahren, oder das Geschick haben, ihn gut nachzuerzählen; überhaupt wird in Deutschland aus einer gewissen Trägheit und Besorgnis zu wenig gesprochen. Wurde er eitel mit Unrecht deswegen genannt, so sagte er: "Eitelkeit ist die Tugend der Kindheit, viele bleiben ewige Kinder und ich bin es nicht, aber ich mag es gern sein. Von Mädchen wird nie Wahrheit gefordert, darum werden ihnen bedeutende Staatsämter versagt, doch findet sich von je unter ihnen viel Wahrsagerei; ich halt's mit den Mädchen und gebe die Wahrheit gerne für die Wahrsagerei; wär ich nicht eitel, um zu loben, wäre ich wahr, so fragte ich euch: ihr bildet euch viel auf eure Liebe zu einander ein, aber die Liebe lässt sich nicht einbilden, wie der Schwindel nicht mit der Vorstellung wegzubringen ist, dass man die Stufen eines Turmes auf ebener Erde ohne Beschwerde ansteigen könne; ihr schwindelt einander aber täglich von ewiger Treue vor, ihr werdet euch auch, wie Schwindelnde, aus blosser Furcht zu fallen, sich übers Geländer stürzen, über die Treue stürzen; Sie machen ein finster Gesicht, lieber Graf, das ist noch recht, dass es Ihnen wenigstens ernst ist; die meisten würden über meine Gotteslästerung lachen. Ob ich wirklich gotteslästerlich bin? Nein, das ist unmöglich, ein gotteslästerlicher