1810_Arnim_005_65.txt

das Kind sich dehnt geschwind,

Will sich zeigen von der Rasse,

Was ihm Herrliches bescheret,

Zeigt sich höher, sicher währet.

Nicht die Geister zu vertreiben,

Steht des Volkes Geist jetzt auf,

Nein, dass jedem freier Lauf,

Jedem Haus ein Geist soll bleiben:

Nein, dass adlig all auf Erden,

Muss der Adel Bürger werden.

Sie wollte ihm diese Grundsätze, die sie für anstössig erklärte, widerlegen, aber es war das erstemal, dass er mit Ernst an die Schranken erinnerte, die einer Frau zugemessen. Sie war überrascht davon, aber nicht überzeugt, besah einige Augenblicke ihre schönen Nägel, die so angenehm rötlich glänzten, und auf deren jedem ein aufgehender Mond zu schauen war; dann sagte sie spottend: "Du bist heute wohl so ernstaft, weil du Gerichtstag halten lässt. Hör Karl, einen Gefallen musst du mir tun: siehst du wohl die alte Frau, die dort mit einem zugebundnen Teller um das Schloss schleicht, es ist eine gute Alte, sie heisst die Petschen und hat eine böse Schwiegertochter, die schlägt sie jetzt, nachdem sie dem Sohne ihr Haus und ihren Garten abgetreten hat." – "Woher weisst du das?" fragte der Graf. – "Von meiner Ilse", antwortete die Gräfin, "die arme Frau bringt ihr für mich kleine Birnen zum Geschenk; sie hat mich so lieb." – "Ich will aufmerksam zuhören", meinte der Graf, "aber in die Aussprüche mische ich mich nicht; ich suche die Leute zu deutlicher Erklärung zu bringen und ihnen Gerichtskosten zu ersparen, alles übrige ist dem Gerichtshalter überlassen, der mit seinem Eide den Gesetzen strenge gebunden ist. Überhaupt hasse ich dies Gerichtswesen des Adels sowohl wie der Fürsten, die Gerichte müssen im ganzen land von den tätigen Gewalten unabhängig sein, ganz auf freier Wahl beruhen und wo Richter nicht genügten, müssten Geschworene zu hülfe kommen, nur dadurch würde eine nationale Gesetzgebung entstehen, die alles Fremde, alle unnütze Weitläuftigkeit und drückende Kosten aufhöbe. Ich schwöre dir, dass mich oft, wenn ich für einige elende Zeilen, die eine ganz überflüssige Formalität entielten, ein paar Taler zahlen musste, eine Wut packte, das Tintfass dem Justizkommissar in die Zähne zu schlagen, oder dass ich jeden Augenblick wartete, ob nicht ein Himmelsstrahl ihn und sein ganzes Aktengeschmiere aufbrennen würde. Wenn ich das so fühle, wie viel schärfer schmerzt solche Ausgabe die Ärmeren, die vielleicht eine ganze Woche vom Morgen bis in die Nacht für dieses Geld arbeiten mussten. Dazu kommt noch, dass bei den vielen fremden Worten, bei der Heimlichkeit der Verhandlung ihnen die Rechtspflege wie eine Art Magie vorkommt, wie eine Art Zauberspiel, wo der Zufall entscheidet, wogegen sie sich listig verkriechen.5 Die Heimlichkeit der Verhandlung habe ich aufheben können; der grosse Saal gestattet jedermann den Zutritt, durch Schranken sind die Zuhörer von den Klagenden getrennt; mein Gerichtsverwalter ist auch ein braver Mann, der freundlich jedem den Grund des Rechtes deutlich macht; aber das eine fühl ich sehr beschwerlich in jedem kleineren Kreise der Justizverwaltung, es ist sehr schwer sich alles Rechtsentusiasmus zu erwehren; so wie du für die Alte moralisch eingenommen bist, so bin ich's für andre. Heute kommt ein wunderlicher Fall vor. Ein Schneider hat von einem Mädchen, das seine Hand ausgeschlagen, schlecht gesprochen: das kommt bei einem Kindtaufsschmause zur Sprache; die Eltern ärgern sich darüber, holen eine Stiefelbürste und gehen beide in das Haus des Schneiders, stellen ihm recht ernstlich seine Bosheit vor, dass er mit seinem mund den guten Ruf des Mädchens befleckt; sie versichern ihm, er habe einen unreinen Mund, sie müssten ihn erst putzen, und fahren mit den schmutzigen Stiefelbürsten, nachdem er sich mit dem Bügeleisen vergebens gewehrt hatte, ihm in den Mund, dass ihm die Nase blutet." – "Nun da geschah ihm recht", sagte die Gräfin. – "Ich fühle das auch", fuhr der Graf fort, "und doch müssen sie bestraft werden; die Art, wie sie ihn straften, war widerrechtlich." Der Graf wurde jetzt abgerufen, der Hof stand schon gedrängt voller Leute, die sich hier vor den letzten Stufen des Gerichtssaals noch ärger verhetzten; viele redeten vor sich, manche waren bleich der Entscheidung harrend, der grosse Gerichtsdiener schritt mit Wichtigkeit umher und erteilte bedeutsam seinen Rat, während er den Gefängnisturm lüftete und die alten Gerichtswerkzeuge, spanischen Mantel, hölzerne Fiedel und Halseisen, ungeachtet sie nie mehr gebraucht wurden, sonnte, und zum Schauder aller ausstellte; jeder Bediente des Schlosses erschien den Leuten als eine mächtige Protektion; er wurde beiseite genommen, von dem streitigen Fall unterrichtet, die hände gedrückt und ein Schnaps zugetrunken; nun forderte der Ruf des Gerichtsdieners die Parteien vor und die ganze Protektion war vernichtet. – Der Graf wartete ungeduldig auf die alte Frau, die ihm von der Gräfin empfohlen; sie kam mit vielen Höflichkeitsbezeugungen; ihr Sohn, ein kleiner magerer Leineweber, und eine sehr rüstige Schwiegertochter traten ihr entgegen. Es sei uns hier vergönnt, die Leser mit einem sehr traurigen Familienverhältnisse bekannt zu machen, das unter den ärmeren Klassen auf dem land häufig hervortritt, wo ein kleines Eigentum, Haus und Garten, selten geeignet ist, mehr als eine Familie zu erhalten. Die Eltern, welche zur Arbeit zu schwach werden, nehmen dann gemeiniglich eins ihrer verheirateten Kinder zu sich, sie bedingen sich ein Dritteil der