Kuss, der auf der Oberfläche der Hand haftete. Das war gegen die Art der Gräfin; er sah sich um, und fand die tolle Ilse, die ihm Hut und Stock brachte, die er gestern im Zimmer der Gräfin vergessen hatte und ihn mit dieser demütigen Gunst gar rührend anblickte. Der Graf war in Verlegenheit, seine Gesinnung gegen das weibliche Geschlecht hob im wirklichen Leben alle Standesverhältnisse auf; sie küsste ihm noch einmal die Hand und drückte sie an ihre Brust, deren Pochen er fühlte; er konnte ihr noch kein Wort sagen, sondern klopfte ihr mit den Händen die Backen, und murmelte so etwas: "Sie ist ein gutes Kind!" Ilse richtete sich jetzt aus ihrer gebeugten Stellung auf, und fragte: "Haben der liebe gnädige Herr was zu befehlen?" – "Nichts liebes Kind", sagte er, und doch brauchte er Licht, um seinen Brief zu siegeln. Sie verliess jetzt das Zimmer mit einer tiefen Verbeugung, und er ging verwundert auf und ab, wie eine neue Schmeichelei so wunderliche Macht über ihn habe ausüben können; er konnte dem Mädchen nicht mehr Böses nachsagen, wie er bisher getan; jede Zuneigung, auch die unerwiderte, hat in einem guten Gemüte etwas Verpflichtendes, und jede Abneigung erscheint darin wie ein Unrecht. Die tolle Ilse war wirklich in den Grafen verliebt, wie gemeiniglich alle Dorfmädchen in einen schönen Gutsherrn; sein Einfluss ist ihnen deutlicher als in den Städten die ganze Macht eines Fürsten, er ist ihnen auch in guter Art viel überlegener; selbst die allgemeine Meinung gibt einer solchen Verbindung eher etwas Ehrenvolles, und die Kinder, die daraus hervorgehen, werden mit einem Stolze wie junge Halbgötter angesehen, mehr als eheliche Kinder geschmückt und begünstigt. Es ist ihnen ein geheimer Stolz, wenn Sonntags Morgens die Knechte zu ihnen kommen und an den Kasten treten, wo sie den Sonntagsstaat heraus nehmen, mit manchem bunten Silberbande zu prunken, das sie noch wohl an die Mütze stecken könnten; solch ein Band ist oft mit dem Teuersten bezahlt, und wüssten sich nur die neidischen Mitmägde recht verständlich zu machen, sie bezahlten gern eben so teuer; aber eben in dieser Unverständlichkeit liegt viel sogenannte Tugend auf dem land. Es ist ein Vorteil unsrer zeiten, dass sie die Verschiedenheit der Stände, wenn auch nicht aufhebt, doch sittlich unabhängiger von einander macht; so wird auch die sklavische Liebe der Volksehre weichen.
Achtzehntes Kapitel
Adel. Der Gerichtstag
Solche Reihen gleicher Tage, von aussen still, voll abwechselnder innerer Bewegung, überspringen wir, denn das Glück lehrt nicht: es ist ein Geheimnis. Selbst einen schönen guten Morgen, wo der Graf die Nachricht von seiner Frau erhielt, dass sie sich von mehreren Nachbarinnen überzeugen lasse, sie sei in gesegneten Umständen, wollen wir ungefeiert lassen. Doch waren sie beinahe über den Namen des Kindes in Streitigkeiten verwickelt worden, da die Gräfin einige Lieblingsnamen aus Wallers Gedichten, die sie besonders achtete, in ihre Familie einführen wollte, und der Graf unabänderlich darauf bestand, dass man in einer Zeit, die so wenig Bestehendes hervorbringe, das Angeerbte durchaus bewahren müsse, wo es nicht dagegen anstiesse, denn es ruhe Segen darauf. In diesem gespräche entwickelte sich eine Verschiedenheit politischer Ansicht, die beiden gleich unangenehm war, weil sie ihnen eine Quelle der Unterhaltungen aus den Zeitungen verschloss. Die Gräfin, ohne irgend stolz aristokratisch zu sein, hatte doch ihre früheren geistig bestimmenden zeiten unter der eigensinnigen Klasse von Leuten zugebracht, die sich damals in Deutschland bildete, welche blind an eine notwendige Rückkehr derselben Verhältnisse glaubte, die lange ihnen bequem gewesen. Der Graf, der erst auf Universitäten eine bestimmte politische Ansicht gewonnen, hatte dagegen den Kopf voll rascher Weltverbesserungen, weil ihm manches Bestehende in dem Unterrichte verhasst geworden, insbesondre war es aber sein Lieblingsplan, alles Gute und Ehrenvolle, was sich in den adligen Häusern, nach seiner Meinung entwickelt habe, allgemein zu machen, alle Welt zu adeln. Beides stritt notwendig gegen einander; dem Grafen war es ein angenehmer Gedanke auf Du und Du mit aller Welt zu sein, der Gräfin war jede Vertraulichkeit niederer Klassen unerträglich, und die tolle Ilse wusste schon dadurch sich ihr einzuschmeicheln, dass sie jeden Vorwitz durch tiefe Demütigungen, durch ein schnelles Rockküssen oder Niederknieen gutmachte. Diese Gesinnung kam erst bei dieser Veranlassung zur Sprache, weil der Graf seine Meinungen über die allgemeineren begebenheiten, in deren Kreis er nicht eingreifen konnte, nur bei einem bedeutenden Anlasse aussagte. Als ihm die Gräfin heftig widerstritt, glaubte er, sie verstehe ihn nicht ganz, wollte sich aber mündlich darüber nicht weiter einlassen, sondern schrieb ihr in ein Gedenkbuch, das er im haus gestiftet und wo beide das Bedeutendste einschrieben, was dem ganzen haus begegnete, neben der frohen Hoffnung auf ein Kind:
Still bewahr es in Gedanken
Dieses tief geheime Wort,
Nur im Herzen ist der Ort,
Wo der Adel tritt in Schranken,
Wenn die Tugend in den Nöten
Hellaut rufet mit Drommeten.
In den Schranken stehen die Ahnen,
Wenn der Zweifel Kampf beginnt,
Wie aus Fels die Quelle rinnt,
Frischend ihre Geister mahnen,
Geister werden zu Gedanken,
Halten fest, wo alle wanken.
Geister sind in jedem haus,
Wecken aus dem Schlaf den Mut.
Also rinnt das edle Blut,
Geistig wie der Wein beim Schmause,
Dass vereinet, die getrennet,
Eine Lieb in allen brennet.
Immer mit dem grössten Masse
Misst des Hauses Geist das Kind,
Und