lange Zeit ihr seid wüste gelegen, wie manchen schönen Tag müssig! – O wehe des kalten Windes unnützer Worte! Mein frommes Kind, was soll ich mehr schreiben. Es freuet sich mein Herz über Dein angefangenes heiliges Leben; ehe Du aber erstarket bist, musst Du Dich umzäunen, als ein junges Bäumelein gegen das grasende Vieh. So schaue in Dich, statt der andern Tun und Lassen zu vergleichen, warte der himmlischen Harfen, die im Gemüte, wie die Vögel der Luft, unsichtbar dem in sich Verlornen klingen. Auch sollst du gewarnet sein, so die schönen Weingärten aufblühen, dass auch dann die Bremen und leidigen Käfer beginnen zu stürmen, und wo der böse Geist mit sich selber nicht kann zukommen gegen einen frommen Menschen, da lässt er ihn reizen von seinem Gesinde mit bittern Worten und ihn selbst mit falschen Weissagungen in Lieb oder in Leide. Und darum mein junges Kind, mein zartes auserwähltes Kind, stehe fest in Gott, denn er lässt Dich nicht.
6. Die Mohrin an den Einsiedler
Heiliger Vater! Ich bin demütig und meine Freude ist, allen zu dienen, und doch werde ich verschmähet. Wie können sie mich verachten, da Ihr mich gewürdigt habt der Lehre. Bei der Pfingstprozession traf mich die Reihe ein Fähnlein zu tragen, mit dem Bilde Mariens geschmücket, aber die weissen Schwestern rissen mir die Fahne aus der Hand und ich – wie eine Aussätzige musste ich hinterher allein gehen, denn auch Terese hatte sich da einer anderen gesellt. Und ich konnte vor Scham nicht rot werden, dass sie ein sichtbar strafend Zeichen ihrer Bosheit sähen; ich bin schwarz und von Gott zur Nacht verstossen. Heiliger Vater, wie bedarf ich so sehr Eures Trostes, dass ich auch hier nicht tauge, wo ich meinte selig zu werden; ich muss weinen um andrer Leute Stolz; ist das nicht Hochmut? Ich habe an Euch und an den himmlischen Bräutigam zu denken, und denke immer meiner Mitschwestern, und zwinge mich wohl, für sie zu beten, aber mein Herz wird vom Zorne überwältigt; umsonst geissle ich mein Fleisch – ich hatte einen schlimmen Herren auf der Insel – es ist zu gewohnt der Schläge und fühlt sie nicht mehr. Hörte ich nur ein Wort von Euch, heiliger Vater, so würde ich ruhig sein.
7. Der Einsiedler an die Mohrin
Die Töchter Jerusalems hatten ein Angaffen, dass König Salomos auserwählte Frau schwarz war, und ihm doch wohl unter vierzig und hundert Frauen die liebste. Da antwortete sie ihnen jugendlich: "Ich bin schwarz, aber gar schön wie die Teppiche im Tempel." – Liebe schwarze Tochter, mir ist lieber eine gnadenreiche Schwarze, denn der Schein einer gnadenlosen Weissen; wer sich auf der himmlischen Heide ermaiet hat, der achtet nicht viel auf das zeitliche Maiengewand. Mein Kind, mein Kind, werden Dir auch meine Worte was helfen, da Dein Auge voll wasser, Dein Herz voll Zornes ist. Lieber Gott, es ist so leicht zu sprechen und raten, es tut aber gar wehe, ein Gegenwärtiges zu empfinden. Ach mein Kind, ich muss Dir eines erzählen, dass Du Deines Leides vergessest. Siehe, es geschahe einmal, da war ich in grossen verschmäheten Leiden, da sass ich in meiner Zelle und sah einen Hund, der lief mitten in den Kreuzgang und schleifte da ein Gebetbuch, und warf es nieder und biss darein und spielte damit. Also, liebes Kind, war ich in der Brüder Mund. Das Gebetbuch lässt sich behandeln, wie es der Hund will, aber ich erkannte es und nahm es auf und legte es in mein Käppelein neben meinen Stuhl und schicke es Dir nun zum Troste; höre an diese edle Trutznachtigall meines Bruders Spee; das irdische Geschrei muss dieser himmlischen stimme schweigen, die Dich immerdar mahnt: Hast Du ein Herz wie das meine, so schwinge Dich auf durch Nebel und Schlossen. – Mein Kind, wir sind nicht allein die Verschmähten, die Verstossenen in der Welt, die Mehrzahl des himmlischen Hofes war es einst viel mehr; gedenke der vielen Märtyrer. Sind wir den Leuten unnütz? Das Weidenholz ist auch unnütz; man schnitzet aber nach dessen Absterben heilige Bildnisse daraus, die man werter hält als Zedernholz.
8. Die Mohrin an den Einsiedler
Heiliger Vater! Ihr wandelt wie die seligen Engel unermüdet weiter und beglücket wunderbar alle Menschen, bei denen Ihr zusprechet, sehet aber nicht zurück auf die, welche beglückt sind durch Euch. Es ist auch christliche Milde den frommen Dank anzuhören und den Lohn seiner Taten zu empfangen. – Mir ist der Friede geworden; ja es scheinet Gottes Auge über mir zu weilen und mich mit einem Meere lichter Wolken zu erfüllen; kein Unfall störet mich mehr, und die Schwelle, über die ich erst gefallen, wird mir zu einer Altarstufe, der ich den Anstoss danke, um mich darauf höher zu erheben. Ich bin ungeschickt, es Euch zu sagen, mag auch meine Seligkeit nicht sträflich unterbrechen mit Nachsinnen; mir ist oft, als wenn ich flöge, wie eine Biene und sammelte den seligen Honig ein, ja der Himmel ist mir offen und das neue Jerusalem, wenn ich daran gedenke. Die ungläubigen Schwestern spotten über meine gesicht, weil mein Angesicht schwarz ist; aber mich schmerzt das nicht mehr; ich weiss, dass ich Ihn habe; je mehr ich ruhe, je mehr ich begreife; je länger ich schweige, je mehr