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die Welt, und wissen alle, was da geschieht; wir beide gedenken nur an Euch in unsern Gesprächen über das, was ausser dem Kloster ist; Ihr scheint uns da auf der Erde umherzuwandern, wie unser Herr Gott im Himmel. Oft denken wir, wie gerne wir mit Euch lehren möchten, und könnten wir nicht lehren die Heiden, so könnten wir doch Eure Füsse salben, für Euch sorgen; aber wofür braucht Ihr zu sorgen, da Ihr so wenig bedürft und Gott mit Euch ist; Ihr sorgt für uns und alle Welt. Alle Heiligen denken wir uns wie Euch, und die jungen Heiligen, wie der heilige Sebastian, gefallen uns nicht, da Ihr alt seid. Euer weisser Bart ist das Ruhekissen aller Andacht; wie war mir die Sandwüste so paradiesisch, als ich auf Eurem Barte ruhen durfte, als Ihr besorgtet für mein Leben; kein Obdach wäre mir da etwas wert gewesen, so stark auch das Unwetter; ich hörte Euer Herz schlagen, ich fühlte Euren Atem wie Tau an meiner Brust; ich war Euch so nahe. Ach wie seid Ihr nun so gar entfernt; ich denke mir rote und grüne Länder, wo Ihr durchgehet; ich liebe Euch wie meinen Himmel und liebe den Himmel, wenn er so wie Ihr fortwandelt in aller Güte. O möge Euch für die Treue an mir, Maria, die Mutter Gottes, ihr Kindlein eine Stunde in die arme geben, dass es Euch anlächle in der Wüste. Mich segnet Euer Andenken.

3. Der Einsiedler an die Mohrin

Da der König David seine Jugend im Gottesdienste hatte verherrlicht, da begann er zu alten, da begann er zu kalten, und das sahen seine getreuen Diener, und die zogen durch alles Land und suchten ihm eine züchtige Jungfrau, und führten sie zu ihm, dass sie ihn wärmete mit ihrer Andacht, und also ward er wieder jung und ging wieder frisch zu dem Werke des Herrn. Siehe, so hast Du mir getan, und ich bin gestärkt durch Dich in die Welt gezogen; siehe, so tue vielen und andern, die noch mehr Deiner bedürfen, als ich. Es sind jetzund viele Menschen, die tragen einen geistlichen Schein und haben Gott nie scheinbar erzürnet, aber sie sind laulicht, lieblos und gnadenleer geworden; schliesse Dich an sie, zu erwärmen die Kalten, und Reif wird herabfliessen in Tränen und die Flur wird heller und grüner sein, denn jemals. Ein liebendes Herz spricht zu tausend andern, es tut als wilder Adler einen freien Schwung zur Sonne, dass die kalten Herzen inne werden der göttlichen Herrlichkeit. – Auch mir, Du geliebtes Kind, fehlet viel, da ich Dich nicht bei mir sehe; der volle Mond ist gebrochen, die frohe Sonne erloschen, der liebe Ostertag zum stillen Freitag geworden, ach und die heisse Sommerwärme vom kalten Reife verdrängt; doch manche Rose, die sich dem Himmelstau lange verschlossen, gehet im kalten Reife auf, also diente ich jetzt schon mancher andern frommen Seele. – Verzweifele nicht an Deiner Heiligung, höre nur treu die stimme des geliebten Jesus, denn seine stimme ist süss und sein Angesicht lieblich. Ich bitte die ewige Wahrheit, dass sie in Deinem Herzen haushalte, und alles Unreine kräftiglich darausstosse, das je darinnen sich gesetzet. Wie wäre es aber möglich, dass alles Getümmel, das zwanzig Jahre an einem Orte sich gesammelt, in wenigen Tagen ausgestossen sei. Es muss noch manches wandelbare Wetter in Dir aufstehen, ehe die bleibende Heiterkeit sich darin setzet. Darum lässt Christus sein Antlitz leuchten über Dir, dass Du sehen mögest, wo es noch dunkel und unrein in Deinem Herzen.

4. Die Mohrin an den Einsiedler

Heiliger Vater, Euer Brief hat mich gestärkt, dass ich zur grossen Verlobung bin tüchtig geworden. Ich habe mein Gelübde getan; ich konnte kein Haar mir abschneiden lassen wie die andern, denn mein Haar ist nie aufgegangen, das die heisse Sonne frühzeitig versengt hatte, und mein Herz ist trocken geblieben. Ich habe nicht getanzt wie die andern den Tag vorher, ich habe nicht geweinet wie die andern den Tag nachher, als die Tür zuschlug und ich in die dunkle Zelle eingeführt wurde. Ich fühlte mich nicht verändert, nicht heiliger, nicht frommer, und schreibe das der Trokkenheit meines fremden himmels zu. Ihr seid mein Führer, Ihr hörtet mich, als ich im Schandhaus ein frommes Lied sang, das ich nicht verstand, das ich bloss so nachsingen lernte meiner Mutter, ehe ich geraubt wurde. Da tratet Ihr herein und fürchtetet nicht das Gespötte, nicht die Drohungen der wilden Seeräuber; Ihr riefet laut: "Hier ist noch eine arme Seele, die gerettet werden kann, denn sie wendet sich zu Gott." – Und Gott gab Euren Worten die Kraft und erschreckte die Männer und ich folgte wie ein junges Kindlein der Mutter; ich war einer grossen Sünde recht nahe und wusste es nicht; nun ich es weiss, habe ich Euch erst danken lernen; Ihr habt mich an den Himmel abgegeben, aber ich wage nicht hinaufzusehen. Sehet hinauf und betet für mich.

5. Der Einsiedler an die Mohrin

Die Weinstöcke haben Augen gewonnen und geben ihren Geruch; die Turteltaube lässt sich hören in unserm land. Mit welchen Freuden meinst Du, dass sich der Herr in den schönen Weingärten ergeht; ach ihr jungen schönen Weinstöcke des himmlischen Vaters, ihr schönen holdseligen Turteltäubelein des göttlichen Gemahls, gedenket wie