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Es beweiset die Verwandlung

In dem Kopf des alten Herzogs,

Weil er sei der Stein der Weisen,

Der Metalle kann verwandeln,

Dass zum Chaos alles kehre.

Als der Herzog dies vernommen,

Wird ihm bange und beklommen,

Sieht, wie schon in den Gedanken,

Alles Runde sich verwandelt

Und die Krone ihm als Mühlrad

Und als Suppendeckel scheinet,

Während viele list'ge Feinde

Nach der einen Krone trachten,

Die auf seinem haupt wackelt.

Klüglich nimmt er an den Jungen,

Sich zum Hof- und Staatspropheten,

Dass er ihm die Krone halte:

Der nun alles weiss, was künftig

Bringt die Welt gar bald zum Ende.

Und so endet mein Gedicht.

Die ungemeine, fast männliche Lebhaftigkeit und Freimütigkeit der kleinen runden Dame hatte alle Zuhörer überrascht; fast schien sie der kleine Mulatte selbst zu werden. Prediger Frank warf heimlich die Frage auf: Woher es komme, dass niemand einen Anstoss an der Erzählung genommen habe, während sie eine andre Frau in gemischter Gesellschaft schwerlich nacherzählen könne. – "Das kommt von der lauten metallenen stimme unsrer Freundin; was sich so laut sagen lässt, ist sicher sehr unschuldig gemeint", sagte der Graf eben so laut, "was in der Welt geschehen, ist auch wieder zu erzählen, nur in der rechten Art, denn wenn sich Gott nicht geschämt hat, es zu dulden, warum wir?" – Die kleine Runde, statt sich darauf einzulassen, machte allerlei Tierstimmen so geschickt nach, dass mehrere erschraken; überhaupt wusste sie ihr Wesen mehr durch Unerschütterlichkeit als durch Witz zu behaupten, und die andern mussten sich drein finden. fräulein Walpurgis, die sich schon während der geschichte des Mohrenknaben wieder bei der Gesellschaft eingefunden hatte, suchte diese luxurierende Lustigkeit, in der sich ihre Freundin leicht übernehmen konnte, wie eine Parze abzuschneiden; sie zog aus einer weissatlassenen, mit Zypressen und Urnen gestickten Brieftasche ein Paket Papiere heraus und sagte: Man sollte nicht allein die Übel protestantischer Stifter rügen, wo die Ehelosigkeit freilich kein Verdienst sei, auch die katolische Zeit ihres Klosters habe andre Nachteile gehabt, das allzu hohe Anrechnen dieses Zustandes habe zu leerem Stolz auf eine vorgebliche Heiligung geführt, wo sogar krankhafte Zustände für Heiligung gegolten. – Der katolische Geistliche gab ihr darin recht und machte die Nonnen aller Art lächerlich. Frank verteidigte sie. – Der Graf sagte: "Ich glaube, die Religionssysteme tauschen sich aus." – fräulein Walpurgis erzählte nun, dass sie alte Briefe in ihrem Kloster gefunden, welche eine Mohrin angingen, die von einem frommen Einsiedler bekehrt, eine Nonne geworden wäre, und einen recht grellen Gegensatz zu jener Mohrengeschichte darstellten. Der Graf nahm die Papiere und wollte sie vorlesen, aber der Prediger Frank fiel schon nach dem ersten Briefe der Sammlung sehr laut ein, indem er seine ganze Aufmerksamkeit auf die heilige Gewalt richtete, die ein Mann auf ein Mädchen ausüben könnte, das selbst noch keine Anlage zur Heiligkeit habe, und erzählte darüber viele Beispiele von Lavater, den er gekannt hatte; er führte diese wirkung auf eine allgemeine Regel zurück, möglichst viel und eigentümlich auf andre zu wirken, um ihnen alle Zeit zur Gegenwirkung abzuschneiden, wenigstens die Besonnenheit dazu; nun sei aber nichts eigentümlicher im Menschen als die heil'ge Äusserung, also beschäftige und verwirre diese andre Leute am meisten; sie habe immer die wirkung eines Einfalls und lasse am wenigsten einen Plan im Betragen durchscheinen, der jedem Mädchen besonders verhasst wäre. – Der katolische Geistliche, der sich Xaver nannte, bewunderte den Scharfsinn Franks; er versicherte ihm, dass er wohl einhundert Kunstgriffe aller Art wisse, um die Leute der Religion zu unterwerfen, und während er ihren inneren Glauben schärfe, schaffe er allmählich, wenn auch nur alle fünf Jahre, etwas von den alten törichten Glaubenslehren weg. – "Aber", fragte der Graf ernstaft, "ist denn unsre Religion, die so viel auf Erden gewirkt, grösstenteils nur eine Sammlung alter Torheiten?" Die beiden Prediger entwickelten im Wettstreite ihrer Menschlichkeiten so viele Mysterien, dass die kleine runde Stiftsdame das Zeichen gab, zu einem allgemeinen Gelächter, das immer stärker anwuchs, trotz aller List des einen, trotz aller Menschen- und Weiberkenntnis des andern.

Sechzehntes Kapitel

Schluss von Lorenzos und Rosaliens Hochzeit

Zum Glück für die beiden Priester begann der grosse Kranztanz, der die vornehmere Gesellschaft wieder mit in die Schranken des Tanzbodens rief; der Graf behielt mit Erlaubnis der fräulein die Briefe: wir werden ihrer nicht vergessen. Der Tanz begann mit aller seiner Fackelnpracht. Die Braut musste mit allen Männern, der Bräutigam mit allen Frauen in der Runde tanzen, bis sie beide zusammentrafen und mit einander verschwanden. Der Graf hatte für diesen Augenblick einen neuen Gesang veranstaltet, in welchem die Gräfin die Braut spielte, die beiden andern Stimmen aber von den eingeübten Dorfknaben gesungen wurden.

Die Braut

Viel schwächer ich mich fühle,

Da mir so nah die Freud,

Als da ich fern dem Ziele

In Leid und Bitterkeit;

Nacht der Nächte, süss und bittre zeiten,

Bald wird seinen Arm der Liebste um mich

breiten.

Die Jungfrau vergehet,

Die Frau dann erstehet.

Der Name des Herrn sei gelobt!

Der Myrtenkranz so lose

Mir schon im Haare spielt,

O Liebesbecher, Rose,

Wie mich dein Duft hier kühlt;

Lieb ist stärker, als der Tod erfunden,

Wie ein Lamm zum Opfer bin ich bunden.

Mein Hemdlein spielt im Winde,

Er ruft mir: Kind, geschwinde;