1810_Arnim_005_53.txt

das hatte ihn endlich zu dem Entschlusse gebracht, mich auf die probe zu stellen. Er sagte mir eines Tages, als Abends ein kleiner Ball in der Stadt gehalten werden sollte, er müsse den Tag verreisen, ich möchte ihm etwas versprechen, woran er sähe, dass ich ihn liebte: ich möchte ihm versprechen, den Abend nicht auf dem Balle zu tanzen. Ich lachte über das leichte Versprechen; der Tanz war gar nicht meine leidenschaft und der Bälle so viele, dass dieses Ausruhen gar keine Entsagung zu nennen; ich versprach es bei meiner Liebe und gab ihm die Hand darauf. Abends auf dem Balle dachte ich der ganzen geschichte nicht mehr; zwar war es mir, als hielte mich bei einer Aufforderung eine geheime Hand, dass ich abschlagen sollte, aber ich hatte einmal zugesagt, und als mir nachher mein Versprechen einfiel, fürchtete ich, lächerlich und beleidigend zugleich bei meinem Tänzer zu werden, der in der ganzen Stadt mit seinem Urteile galt. Ohne sorge tanzte ich meinen schottischen Tanz herunter; als ich unten ausser Atem anlange, steht mein Bräutigam mit ganz verwirrtem Auge vor mir, frägt mich, ob ich ihn sehe, ob ich ihn kenne, ob ich mich meines Versprechens erinnere, das ich eben gebrochen, ob mir je zu trauen sei, nachdem ich in erster Liebe ihn getäuscht? Dann versicherte er mir, ich sähe ihn zum letztenmal und in Gegenwart der ganzen Gesellschaft schwöre er mir, er wolle seiner Ehre verlustig sein, wenn er sich mir je nähere, wenn er je die Verbindung mit mir wieder anknüpfe, von der er sich so viel Seligkeit versprochen. – Bei diesen Worten stürzte er zur tür hinaus, und ich ohnmächtig und in Krämpfen auf den Boden nieder. Noch jetzt, nach so vielen Jahren, empfinde ich, ohne zu wissen, was die Glocke sei, gegen diese Zeit eine Traurigkeit, dass ich mich von den Menschen wegwende." – Sie stand bei diesen Worten auf und ging den gang hinunter. – Jeder äusserte nun seine Meinung über das Verfahren des Bräutigams; die Gräfin nannte ihn einen grausamen Barbaren, von dem sich jede Frau nachher hätte zurückziehen sollen. Der Graf schwor, er hätte es sicher in gleichem Verhältnisse ganz eben so gemacht; wer ein solches Versprechen vergessen könne, den müsse man wieder vergessen können; die Gräfin widerstritt ihm das, nannte dies Vergessen eine Kleinigkeit, ja es hätte selbst nichts zu bedeuten, wenn sie mit Absicht ein so törichtes Versprechen gebrochen hätte, und so gerieten der Graf und die Gräfin in einen lebhaften Streit mit einander. Eine kleine runde Stiftsdame, die eine Störung des ganzen Festes von diesem Streite befürchtete, legte sich auf einmal mit ihrer metallenen stimme so laut dazwischen, und versprach eine so lustige Erzählung, dass niemand mehr der traurigen geschichte denken sollte. Alle baten eifrig um die geschichte und sie begann recht fröhlich zu improvisieren.

Funfzehntes Kapitel

geschichte des Mohrenjungen

Pripert war ein mächt'ger Herzog

Von dem grossen Volk der Pirpen,

Sass auf einem hohen schloss

Bei dem dunklen Karpfenteiche,

Wo die braunen Frösche hüpfen;

Seine Schwester hiess Fikette,

Fidibus sein schlankes Weibchen.

Als die Schwester in den Jahren,

Wo sie könnte sich vermählen,

Denn verliebt war sie schon lange,

Fordert er von seinen Ständen

Ihre Ausstattung ganz schleunig,

Samt und Seide wie gewöhnlich,

Und die Stände bringen beides.

Doch nachdem er es befühlet,

Scheint ihm beides also köstlich,

Dass er es gern selbst behielte,

Um sich einen neuen Schlafrock

Statt des alten, der zerrissen,

Zu der Cour daraus zu schneidern;

Und die schöne junge Schwester

Sendet er nun als Äbtissin

Nach dem grossen Fräuleinstifte,

Dass sie es nicht fordern könne.

"Samt und Seide sind jetzt teuer",

Sagte ihr der gute Bruder;

"Kommen gar viel fremde Prinzen,

Wie es bei der Werbung möglich,

Geht mehr Hafer, Weissbrot, Kuchen

Auf an einem einz'gegen Tage,

Als du isst im ganzen Jahre;

Auch die alten Livereien

Sind dann nötig umzuwenden,

Mancher Knopf geht da verloren,

Mancher Flecken kommt beim Essen:

Darum ist es mehr geraten,

Dass du bleibest unvermählet."

Traurig fährt Prinzess Fikette

Nach dem alten Fräuleinstifte,

Doch gedenkt sie, da zu finden

Holde liebliche Freundinnen,

Denen sie sich kann vertrauen;

Ach was findet sie für alte

Ausgedürrte, ausgeschriene,

Gelbe Tabaksschnupferinnen,

Die im ewigen Gezänke

Ihr das Blau im auge abstreiten;

Alle fluchten wie die Landsknecht,

Kommen stets zu spät zum Singen;

Keine wollte Brot anschneiden,

Keine das Gebet hersagen.

Wenn sie dann in ihren Nöten

Zu dem tapfern Stiftshauptmann

Hat gesendet ihre Diener,

Da begann erst recht die Fehde,

Und der Hauptmann war noch fröhlich,

Wenn er ohne Nägelmale

Zu der Tür hinaus geflüchtet;

Sicher fand er Reihen Zähne

In dem Rocke fest verbissen,

Ziegenhaarige Perücken,

Lappen Flor in seinen Händen;

Ach es sind zu alte Sünder,

Um sich jemals noch zu bessern!

Zählt zusammen ihre Jahre,

Steigen sie zu vielen Tausend,

Bis zu Medern und Assyrern,

Und Metusalem dagegen

Ist ein elend junges Bürschchen.

Also war der Stamm beschaffen,

Also war ihr reines Leben;

Denn unheil'ger ist wohl nimmer

Auf der Erd ein Stift gewesen,

Und geplagter war auch keines.

"Sagt, was spotten denn die Männer

Über uns, die alten Jungfern,

Also frech von allen Seiten,

Ist es nicht die Schuld der Männer,

Unser Wille war es