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des Verlöbnisses versäumt hätte, wie sie noch jetzt alle Tage zum Essen zu spät käme und von der Äbtissin in Strafe genommen würde, ja selbst zu dieser Fahrt, zu welcher sich alle gefreut, sie eine halbe Stunde habe warten lassen. – Mirrha leugnete das nicht, "aber", fuhr sie fort, "ich kann es nicht lassen und glaubt ihr, dass ich nur mit Aufopferung dieser Gewohnheit eine glückliche Ehe hätte erreichen können, wahrhaftig sie wäre mir so unerreichlich geblieben, wie der Himmel auf Erden. Von meiner ersten Kindheit hatte ich diese Gewohnheit; wenn es nicht gerade Zeit war zum Aufstehen, so machte ich mir noch ein andres Geschäft: spielte, strickte im Bette; erst, wenn die Glocke schlug, wo ich in der Lehrstunde sein sollte, konnte ich zu dem Entschlusse kommen, aufzuspringen; dann eilte ich mit der grössten Hast, verwarf darüber Kamm oder Fingerhut, und musste suchen; während des Suchens geriet ich auf etwas, das mich unterhielt, ein Buch zum Beispiel, fing halb angezogen an, darin zu lesen, bis mich heftige Verweise von meinem Zimmer trieben, wohin ich sicher wieder ein paarmal umkehren musste, weil ich immer das Notwendigste vergessen hatte. Als ich verliebt war, da nahm dieses Übel zehnfach zu, in jedem Geschäfte fiel mir zehnerlei von meinem Bräutigam ein, was er mir gerühmt hatte, ein Kleid, eine Arbeit, ich musste es besehen, oder eine Stelle aus seinen Briefen, die musste ich nachlesen, von einem las ich zum andern bis zum ersten, und dieses unglückselige Lesen war es, was mich eine Stunde lang in meinem Zimmer zurückhielt, während alle zur Verlobung feierlich versammelt waren. Niemand glaubte mich auf meinem Zimmer, weil ich schon unten gewesen war; meine Mutter rief mit grosser sorge im Garten umher, ich war aber in meinen Briefen so vertieft, dass ich es nicht hörte. Mein Bräutigam war zu argwöhnisch, um dieses Ausbleiben einem Zufalle zuzuschreiben, er ritt fort und reiste in der Stunde noch in die weite Welt, um seinen Schmerz und die Lächerlichkeit für andre zu vergessen, die durch dieses öffentliche Verschmähen auf ihm haftete. Er hat mir viel Tränen gekostet und du Lila hättest mich nicht daran erinnern sollen, während du selbst auf keine klügere Art um deine drei Freier gekommen bist." – Wir drangen in sie zu erzählen; fräulein Lila mochte ihr zuwinken, so viel sie wollte. – Mirrha fuhr auch ruhig fort: "Es ist ja gar kein Vorwurf für dich, liebe Lila, du hattest dich bloss von unsern Modedichtern anführen lassen, die alle Liebe über einen Kamm scheren, und weil sie wahrscheinlich nie selbst eigentümliche, sondern nur eingebildete Liebe erfahren, alle ihre Kopien nach einem Paar ganz einzelner Originale machen, die aller Welt durch den Zufall besonders kund geworden. Da meinen sie, die erste Liebe müsse plötzlich beim ersten Anblicke auflodern, keine Ruhe lassen, keinem Zweifel Raum geben; es soll keinen Augenblick geben, wo man weniger verliebt sei, wo ein anderer einem in die Augen fiele, wo man einem andern gefallen möchte. Sehen Sie, solch ein strenges Liebessystem beherrschte Lila; sehr brav war sie entschlossen, niemand zu heiraten, den sie nicht liebe, aber dass sie ihn nun gerade so lieben wollte, das war zu viel; immer glaubte sie, wo ihr jemand wohlgefallen, ihr sei der grosse Wurf gelungen, und traurig fühlte sie wieder im nächsten Monate, dass sie immer noch nicht genug liebe; und so entliess sie einen Freier nach dem andern: denn, unter uns gesagt, sie war wunderschön und eigentlich jedermann in sie verliebt." – Lila klatschte strafend den vollen rücken der Erzählenden, und sagte: "Neulich, als ich mich im Spiegel betrachtete, da fand ich, dass Augen, Mund, Kinn und Backen noch nicht hässlich, aber die le nez, die le nez, ich weiss nicht, wie mir die Nase so besonders hervorgewachsen, als sähe sie sich immer weiter in der Welt um, doch habe ich das schon öfters bei alten Jungfern bemerkt, die Nase wächst ihnen zu einer ungeheuren Grösse." Wir lachten alle über das gutmütige Mädchen, die so heiter über sich selbst spotten konnte, nur eine blasse fräulein Walpurgis blieb ungerührt. Der Graf bat sie um ihre geschichte, wenn es ihr nicht schmerzhaft sei. "Keinesweges", antwortete sie; "allzu bekannt, um sie in meinem Herzen zu verschliessen, teile ich sie gern meinen Bekannten mit, dass sie mir um so leichter gewisse unangenehme Minuten verzeihen. Ich war in früheren Jahren sehr heiter, leichtsinnig und mutwillig; in keinen Menschen, selbst in die, welche ich liebte, ging ich tief genug ein, um ihre heimlicheren, oft wesentlichsten Charakterzüge kennen zu lernen. So war ich auch einem jungen Edelmann verlobt und herzlich in ihn verliebt, ohne dass ich glaubte, was er mir sagte, könne ernstafter, bedeutender sein, als was ich ihm zu sagen hätte; ich schwatzte froh in alles hinein und bemerkte nicht, wie er verlegen wurde, wenn ich oft querfeldein über die wichtigsten Gegenstände, über Politik, über Kunstwerke meine Worte auslaufen liess; es bedeutete mir gar nichts, denn ich hatte damals ein solches Bedürfnis zu reden, dass ich oft allein mit den Wänden konversierte. Worum er mich gebeten, vergass ich eben so leichtsinnig, wie alles das, worin er mich belehrte, und