1810_Arnim_005_49.txt

gemein aussehen könne. Und der verruchte blick: die idee ist mir ganz verhasst, ich habe ihn erst allmählich deswegen angesehen; ich dachte erst später darüber nach. Wenn du niederkommst in neun Monaten, so erkenne ich das Kind nicht an, und den verruchten pfaffen lass ich als einen Zauberer verbrennen."

Eilftes Kapitel

grosser Streit zwischen dem Grafen und der Gräfin

Es war allerdings etwas Scherz in dem Eifer; aber der Graf fühlte doch wirklich so eine Art wunderlicher Eifersucht gegen diesen geistigen Verführer, ungefähr so wie mancher einfache Mann gegen die gelehrten Bekannten seiner gelehrten Frau. Die Gräfin versicherte ihm, sie halte ihn für hypochondrisch krank; den ganzen Tag habe er nichts getrieben, als ihr jedes Vergnügen abzudisputieren, und jetzt wäre er sogar eifersüchtig auf einen Mann, dessen breites glänzendes Gesicht sie gar nicht ansehen möchte; ob denn nicht jeden Tag schönere Männer in zierlicher Uniform bei ihnen durchmarschierten? – Der Vorwurf krank zu sein, brachte den Grafen ganz auf, der sich von Kopf bis zu Fuss kerngesund fühlte; der Ärger wollte sich Luft machen: "Siehst du", fiel er ein, "ob ich nicht recht habe, eifersüchtig zu sein, also siehst du doch nach schönen Männern und eine züchtige Frau muss eigentlich gar nicht wissen, ob ein andrer Mann als der ihre schön ist; auch nach Uniformen siehst du; es ist merkwürdig, wie ein paar bunte Farben, ein paar Tressen, alle Weiber bestechen, derselbe Mensch in Uniform ist ihnen nicht mehr derselbe." – "Du bist unerträglich", sagte die Gräfin, "wenn Leute von so schlechten Sitten, von so törichtem Argwohn, wie du, in der Uniform wären, wir Frauen würden sie schon zu unterscheiden und zu meiden wissen." – "Ich will dir zuvorkommen", sagte der Graf, sprang fort in sein Zimmer, und die Gräfin weinte stille vor sich; ihr beleidigendes Wort war ihr leid, denn es war ihr erster grosser Streit; aber sie war zu stolz, um ein besserndes Wort nachzurufen. Der Graf war aufs Feld gelaufen und die Gräfin ass allein zu Nacht, und liess die tolle Ilse dann zu sich kommen, die ihr lächerliche Geschichten erzählte, wie sie einmal einen Schäfer, der mit seinem Mädchen in einem Schäferwägelchen geschlafen, vom Berge herab in einen kleinen Teich habe rollen lassen, dass die beiden notgedrungen in ein kühles Bad hätten gehen müssen, und Tausende dieses Schlages, die sie an der Schnur hatte; sie musste die Gräfin ins Schlafzimmer begleiten, als es spät wurde, und der Graf noch immer nicht heimkehrte.

Der Graf hatte in seinem Ärger allerlei Geschäfte gemacht, auch manchen Arbeiter sehr unverdient gescholten. Er wollte es nicht sich selbst gestehen: die vielversprechende Ehestandsglückseligkeit, die nach seiner Überzeugung alle Unruhe aus seinem Herzen tilgen sollte, fand sich doch in gewissen Stunden unwirksam; auch sie war kein fest bestehender Zustand, sondern musste immer neu wiedergewonnen werden; er sah ein, dass wohl manches in seiner Frau zu berichtigen sei, was er längst für ausgemacht in ihr gehalten; dagegen fand er aber auch für manche ihrer Äusserungen eine bessere Deutung. Ganz verzeihen konnte er doch ihre letzte Beleidigung nicht; als er spät nach haus kam, wollte er sich deswegen nicht gleich zu ihr begeben; sicher meinte er, sie würde ihn aufsuchen, nachdem sie ihm vom Meiden gesprochen. Er wartete, aber sie kam nicht, ungeachtet er noch Licht im Schlafzimmer sah; wäre er dahin gegangen, so wäre er vielleicht heftig gegen sie geworden. Er blieb also zum ersten Male von ihr weg, streckte sich auf sein Sopha, deckte den Mantel über sich hin, und schlief erst spät ein.

Zwölftes Kapitel

Versöhnung. Lorenz, der Edelknabe und Rosalie, die

Kammerjungfer

Der Graf erwachte beim ersten Morgenschimmer. Alles ruhte noch im schloss, doch hörte er allerlei Stimmen auf dem hof; leise schlich er sich ans Fenster und horchte durch die sacht geöffnete Fensterspalte. Er sah Dolores im Fenster, so reizend, so wunderbar reizend, wie sie im Morgenschein ganz eigentümlich rot schimmerte: sie sprach mit einem armen Edelknaben, der seit einiger Zeit zur feineren Aufwartung der Gräfin vom Grafen angenommen worden, und mit ihrem ältern Kammerfräulein Rosalie; und bald erklärte es sich, dass die Gräfin beider Liebschaft belauscht habe, während jene ihr Bad bereitet hatten; erst schalt sie ein wenig ihre Sorglosigkeit und fragte sie, wovon sie leben wollten; dann, ohne ihre Antwort abzuwarten, warf sie einen Geldbeutel ihnen zu, befahl ihnen, gleich am Tage ihre Hochzeit zu machen, und seufzte zu ihnen mit einer schönen Träne: "Seid glücklicher als ich!" Dieser Ausruf der schönen Frau durchschnitt des Grafen Herz. Warum war sie nicht glücklich, sie vermisste ihn; einige Stunden Trennung von ihm machten sie unglücklich. Nein, er hielt sich nicht, er eilte in das Zimmer seiner Frau und statt ihr zu verzeihen, bat er sie tausendmal um Verzeihung. Sie war nicht eigentlich böse, nicht hart, nicht grausam und ihre Versöhnung war so leicht, so schön, dass beide den ganzen Tag nicht von einander lassen wollten, wie an ihrem ersten Vermählungstage. Doch sie mussten sich trennen, um Bestellungen zum Feste der beiden jungen Leute zu machen; der Graf nahm alle Verantwortung wegen des versäumten dreimaligen Aufgebots auf sich; er sendete drei seiner Kutschen in die nächste Landstadt, wo ein paar Dutzend adliger Fräuleins in einem protestantischen