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des Desserts geblasen. Ich schlich mich leise auf mein Zimmer, später hörte ich, dass Mamsell wegen ihrer Ohnmacht, von der Gräfin herzlich bedauert wurde. Ich hatte von dem halben schlafe wirklich eine leidende Miene und konnte mich nicht gleich wieder in die Sprache der Gräfin versetzen, die mir gewaltige Beschreibungen von einem Sturmwinde machte, der Nachts vor dem Fenster wie ein Riese vorüber gerannt und die Nacht verfolgt habe, bis sie ihre Sternenkrone fallen lassen; da sei die Sonne aufgegangen und die Beschämte habe sich mit ihm in eine Höhle unbewusst geflüchtet. Dergleichen poetische Prosa war mir noch nicht ganz geläufig und ich meinte in mir, das möchte wohl jenes schreckliche Schnarchen der Mamsell gewesen sein, das allen Tabak über den Tisch geblasen. Da die Gräfin sah, dass ich nicht antwortete, so beschloss sie sich mit mir zu explizieren; sie explizierte zwei Stunden, ich wusste nicht was; zu meiner grossen Qual diente es gewiss, denn es war schönes Wetter; aus Ärgernis küsste ich sie, das sollte wieder expliziert werden. Ich armer Unglücklicher war nahe daran, mich aus dem Fenster zu stürzen. Sie erzählte mir nun so vieles, was ihr eigen sei, dass mir die ganze Welt uneigentlich vorkam; das Eigenste war aber, dass sie eine unwiderstehliche Schwachheit für mich seit dem ersten Abende gefühlt hätte, die mir aber ganz unbekannt blieb, weil ich in ihrer Nähe immer in meine lächerliche Rolle verfallen musste. Um nicht zu weitläuftig zu werden, will ich statt einer ausführlichen Erzählung der einzelnen Angriffe und Ausfälle, nur die Hauptstellen aus dem Belagerungsjournale entlehnen, das sie mit grosser Aufrichtigkeit ihrer Freundin, der Professorin, jede Woche überschickte und das ich nachher zu lesen bekam, als ich aus Überdruss über das langweilige Leben zur Universität zurück kehrte. Eines Tages schrieb sie: 'Meine Schwachheit für ihn ist leider nur zu gewiss, ein Zittern wirft mich nieder in seiner Nähe; gestern las ich ihm eine Beschreibung des Schlafes vor nach dem Englischen, und er schlief ein; wie ist er so ganz in meiner Gewalt.' Bald darauf: 'Wehe mir, die Jahreszeit, die Einsamkeit, alles erleichtert ihm seine Kühnheit, ich wollte einen stolzen Ernst gegen ihn annehmen, aber meine Blicke verraten ihm meine Schwäche; was sind wir Menschen mit einem weichen Herzen, und doch ohne dieses Herz, was wären wir!' Einige Tage später: 'Seltene Tugend eines Jünglings seines Alters, seiner Schönheit, in unsrer Zeit; er vertraute mir heute, dass er noch nichts vom Glücke der Liebe wisse; ich gab ihm einen Kuss, dass er ihm ein Siegel der Tugend werde; wehe mir, wenn ich ihm die Ruhe raube, dem Armen, der so früh schon seine Eltern verloren hat.' Zuletzt schrieb sie: 'Noch ein Tag wie dieser in der Sommerlaube und ich bin verloren; morgen schreibe ich Dir vielleicht: Es ist geschehen, ich atme kaum, – ich denke nicht, voll Schlaf und Traum ist mein Gesicht. Nun gute Nacht, nun guten Tag, ich bin verwacht, nichts mehr vermag.' –

Ist das Journal über ihren Seelenzustand nicht wie der Bericht des englischen Kapitäns über sein brennendes Schiff, den er von Stunde zu Stunde ans Land schickt, bis er mit dem letzten aufgeflogen? Doch dazu liess es meine qualvolle Langeweile nicht kommen; von ihrer Neigung zu mir hatte ich gar nichts vernommen, denn ihre Liebe bestand gegen alle eigentlich nur darin, sie recht strenge in ihre verrückte Art und Weise zu zwingen. Ganz zermartert von allen Explikationen des vorigen Tages zog ich frühmorgens an jenem bedenklichen Tage meine Stiefel an und ritt davon, nachdem ich einen Brief zurückgelassen, worin ich allerlei verblümte Worte von der Macht des Frühlings gesagt hatte, der mich zu ihr und von ihr zöge; ohne die Seelengrösse zu haben, die ihren Flug erhebe, hätte ich doch den Wunsch, ihr zu folgen, und so sei ich in ihrer Nähe wie ein sterblicher Mensch an einer Göttertafel. – Sie nahm das alles in ihrer Manier auf, als fliehe ich sie, um nicht ihre Keuschheit durch sinnliche Anmutungen in Gefahr zu setzen; sie hielt mich für einen der grössten Tugendhelden. So schrieb sie an meine Professorin und ich kühlte meine Eigenliebe, als ich bei ihr über die grosse Freundin spotten konnte. Das sei für heute genug."

Wirklich war es auch dem Grafen überflüssig genug. Er hatte während der letzten Erzählung einen solchen Widerwillen gegen den Prediger bekommen, dass er ihm beim Abschiede wie ein kalter Satanas erschien, der nach seiner Frauen Unschuld strebte, als er ihr noch einmal seine Prophezeiung wegen des Kindes vorschwatzte. Als er allein war mit seiner Frau, drückte er diesen Widerwillen ohne Rückhalt aus; sie begriff ihn gar nicht; sie hatte die Erzählung ganz unterhaltend gefunden. "Nun", sagte der Graf, "das muss wohl von seinem verruchten Anblicken gekommen sein; allerwärts sah ja seine böse Lust und seine Eitelkeit hervor, und dabei wette ich, die Hälfte ist nicht so wahr; das hat er sich alles weis gemacht, um in sein armseliges Leben doch irgend eine Begebenheit einzuflicken; um doch auch sich ein Gefühl zu machen, lügt er sich die Haut voll. So lange er von andern erzählte, war er erträglich, kaum sprach er von sich, da war mir's, als wenn man einen berühmten Poeten von Angesicht sieht; man glaubt nicht, dass er so