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Ich merkte jetzt, dass sie durchaus bedauert sein müsse, und sagte: 'Es ist ein Kampf mit dem Schicksale, und wie Jakob nach dem Ringen mit Gott sich erlahmt fand, freilich, so vernichtet sich endlich jeder in so edlem Streite.' Ich weiss nicht, wo ich die Phrase gelesen, sie kam mir nicht aus dem Herzen, zog aber die ganze Aufmerksamkeit der Gräfin auf sich. – Gräfin: 'Wahr, sehr wahr und besonders bei dem Kampfe der Jugend mit dem tod, die welkende Kinderblüte: es ist ein so rührender Anblick, wie das Veilchen am Wege, das der müde Wanderer niedertritt; ihre Klage, wie die letzten Töne einer ablaufenden Flötenuhr, der langsam der Atem ausgeht; wer möchte so eine kleine Leidende nicht wie eine Äterwolke zum Himmel heben, zu Gott blicken, seufzen und fragen: muss die Schönheit, die Unschuld, die Frömmigkeit schon so früh leiden?' – Ich konnte mich nicht entalten, in diesem Augenblicke an die dicken schmierigen Pausbacken der Professorskinder, an ihr bestialisches Schreien, an die Birkenruten, die hinter jedem Spiegel steckten, zu denken, sagte aber mit niedergeschlagenen Augen: 'In den irdischen Leiden der Unschuld zeigt sich ihr himmlischer Friede.' Sei es nun, dass es Täuschung, oder hatte ich mich unwillkürlich selbst gerührt, oder war es ein Nervenzusammenhang, etwas Feuchtigkeit in der unrechten Kehle, oder ein naher Schnupfen, genug es lief mir eine Träne die Backen herunter. – Gräfin: 'Ich sehe in Ihrem Auge etwas Schöneres glänzen, als Diamant'; bei diesen Worten drückte sie und der Florvorhang rollte auf. 'sehen Sie in meinen Augen den Widerschein; vergessen Sie dieses Augenblicks nicht, eine reine Träne badet uns von allem Staube der Welt rein.' – Ich: 'Tränen sind ein Himmelstau, den Psyche mit ihren Flügeln aus dem Kelche der Blumen schüttelt.' – Gräfin: 'Das sind schöne Tränen, aber es gibt auch trostlose, wie die Tropfen der Aloe bitter, Tränen, wie ich sie heute vergossen, es verschwimmt die Welt darein.' – Ich: 'Und sind die Tränen umsonst, ist keine Rettung möglich?' – Gräfin: 'Ich weiss, ich werde es mit der Zeit verwinden, aber warum bin ich Schwächste ausersehen, alles Unglück der Welt zu tragen! Mein werter Freund, es sind nicht die Hammerschläge des Schicksals, nein die Nadelstiche, die immer wiederkehren, woran ich verzweifeln möchte.' – Ich: 'Blicken Sie empor, der Himmel tröstet alle Tiefbetrübten.' – Gräfin: 'Weh meine Nerven! Lydia, lass den Farbenbogen drehen, der Schwindel kommt mir sonst.' – Es drehten sich bei diesem Ausrufe eine Art chemischer Feuerwerke, dem Regenbogen sehr ähnlich; die Gräfin stützte sich matt auf, und ich wollte gehen. – Gräfin: 'Ach Sie wollen mich verlassen, Sie können das Leiden nicht sehen?' – Ich: 'Ich fürchtete nur zu belästigen.' – Gräfin: 'Aber dass Sie dieses fürchten, wie kam das; darüber müssen wir uns noch explizieren; morgen werden wir uns sicher besser verstehen; gute Nacht mein neuer Freund, ich fühle mich noch sehr schwach von dem Schrecken.' – Ich wollte mich entfernen, die Gräfin rief mich zurück: 'Vielleicht erleichtert mich die Musik; Sie spielen Fortepiano, schreibt meine Freundin, ich will Ihnen etwas vorspielen; es ist nichts, aber die Art, wie ich's vortrage, ist mir eigen.' – Die Gräfin setzte sich zum Fortepiano, präludierte mühsam langsam, bald aber gleiteten ihre schönen hände mit grosser Schnelligkeit, und unermüdlich über das Elfenbein; ich stand in tiefer Bewunderung und küsste am Schlusse, nachdem sie wohl zwei Stunden mit ausserordentlicher Kraft gespielt hatte, die hände, das einzige, was mir an der Frau ganz verständlich war. Beim Nachtessen, wo ich zuletzt mit der Gesellschafterin allein blieb, nachdem die Verwandten einzeln hinausgegangen waren, um die Gräfin in den Schlaf zu lesen, fand ich, dass der ernste Ton in dieser ältlichen Mamsell nur angenommen; sie trank gern ihr Glas und lachte dann über die Gräfin. Hier wagte ich es, über den Schrecken mich zu erkundigen, der die Gräfin heute so zerrüttet hätte. Die Mamsell lachte; sie sagte, es wäre kein weiteres Unglück, als dass der eine Kammerdiener sich ein feines Loch durch die Wand gebohrt hätte, um die Gräfin im Badezimmer zu sehen; heute habe sie plötzlich ein glänzendes Auge an einer Stelle der Mauer bemerkt, wo gerade ein heller Sonnenstrahl hingeschienen; sie sei in dem Quergang aus dem Bade gestiegen und habe selbst, beschämt wegen ihrer Blösse, den verzückt hinstarrenden Kammerdiener gefunden, der sich ihr zu Füssen geworfen und eine unwiderstehliche leidenschaft vorgeschützt habe, die ihn schon seit Jahren verzehre; sie habe gegen Leidenschaften viel Mitleid und sei so gezwungen worden, den Menschen, den sie für immer verbannen möchte, dessen Auge ihr ein steter Verräter seiner unverschämten Neugierde sei, um sich zu dulden. Ich musste über die Mordgeschichte herzlich lachen, und trank ein Glas übers andre; die Mamsell schenkte auch nichts der Flasche; die Ermüdung der Reise wirkte nach: kurz, ich erwachte den andern Morgen auf dem stuhl mit bedeutendem Kopfweh, die Lichter waren abgebrannt, die Mamsell lag mit der Nase in ihrer grossen Tabaksdose auf dem Tische und hatte mit ihrem Atem allen Tabak über die Reste