ich mich von ihr und von meinen griechischen Philosophen fort; ich war zwei Jahre beschäftigt gewesen, alle Knoten zu lösen, welche die Faulpelze den griechischen Knaben bei griechischer Sonne geschürzt haben, und fand am Ende, dass ihr ganzes künstliches Netz, worin sie so manchen fisch gefangen, nichts als ein ganz ordinärer Bindfaden sei."
"Nun, nun", sagte der Graf, "das beste Gemälde ist ja, in allzu grosser Nähe betrachtet, nichts als eine Sammlung von bunten Flecken."
"Durch die Mitteilungen der Professorin lernte ich jene Freundin, die Gräfin Limonie näher kennen; sie hatten mit einander eine phantastische Freundschaft gestiftet, einander alles, was sie berührte, frei zu bekennen. Doch schien es, als wenn die Gräfin Limonie nur in der Traurigkeit ein Bedürfnis sich mitzuteilen fühlte; immer entielten die Briefe trübe Klagen über unerreichte unmögliche Wünsche, immer Dank für den mächtigen Trost, den ihr die Freundin verliehen. Es soll gewisse Menschen geben, bei deren Anblick die Wahnsinnigen, wenn auch nicht vernünftig, doch stille werden; es gibt andre, die über jede andre Art Schmerz gleiche Gewalt haben; es gehört dazu eine gewisse Verschiedenheit zwischen dem Kranken und dem arzt, die sich auch reichlich zwischen den beiden Frauen fand. Mit dem schönsten Empfehlungsbriefe meiner Liebesprofessorin in der tasche trat ich in den Ferien, als ich von der Universität abging, meine Reise zu der Gräfin Limonie an, die sich auf ihrem Gute, welches vorteilhaft zwischen den angenehmsten Städten gelegen, während des Sommers aufhielt. Ich war zu Pferde und allein, als ich mich dem Gute näherte, ich fragte einen Mann in ordentlichen Kleidern, der Dünger am Wege abladete, wo der Weg zur Gräfin ginge. Der Mann sah mich an und sagte: 'Wollen Sie selbst zu meiner Schwester?' – Ich freute mich seiner Bekanntschaft und bejahte seine Frage. – 'hören Sie', fuhr er fort, 'da gebe ich Ihnen den wohlgemeinten Rat, ziehen Sie sich ganz um, oder sie spricht nicht mit Ihnen; der Geruch von Pferden macht ihr Krämpfe; ich habe sie seit Jahren nicht im Zimmer gesprochen; es ist eine Närrin, aber sie ist nun einmal so.' – Ich dankte ihm befremdet für die Warnung; er zeigte mir den Weg und ehe ich auf den Schlosshof ging, zog ich mich, seinem Rate gemäss, im wirtshaus ganz um. Dort erfuhr ich, dass der Bruder alle Güter der Gräfin verwalte, und von ihr wie ein Lasttier gebraucht und verspottet werde. Ich begab mich zu ihr. Der Türsteher nahm bei aller Höflichkeit doch eine sehr umständliche Untersuchung mit mir vor; ich gab ihm das Empfehlungsschreiben der Professorin ab, worauf mich der Mann in ein recht artiges Zimmer führte bis das Schreiben gelesen. Dies schien kaum vollendet, so führte mich ein Kammerdiener mit sehr vielen Verbeugungen in ein prachtvolles Zimmer und erbat sich meine Befehle, was ich zu meiner Erfrischung bedürfe. Ich verbat mir alles; es dauerte aber nicht lange, so wurden mancherlei Erfrischungen, Schokolade, Kuchen, Wein gebracht, die Türen blieben halb geöffnet und es schien mir deutlich, dass ich aus der Ferne von allerlei Leuten beobachtet werde. Nach einer Stunde kam eine Gesellschafterin der Gräfin mit vielen verbindlichen Grüssen von ihr; ich wurde eingeladen, wenn ich nicht mehr ermüdet von der Reise, oder sonst durch keine Kränklichkeit verstimmt wäre, nach dem Gesellschaftssaale zu kommen, wo ich mehrere Verwandte der Gräfin versammelt finden würde; sie selbst könne erst am Abend sichtbar werden, weil sie gestern ihre Andacht gehalten und heute sehr erschreckt worden wäre. Ich erkundigte mich mit Teilnahme nach der Ursache dieses Schreckens, ich konnte aber nichts erfahren. Die Gesellschaft fand ich recht lustig, sobald sie die Gräfin vergass, kaum wurde ihrer aber erwähnt, so nahm jedes eine ernstafte Miene an, wie einer, der in der Kirche sich vergessen und leise vor sich ein Liedchen gepfiffen; es wurde von ihr, von ihrem Schrecken, von ihrer Güte gegen den Unglücklichen gesprochen; ich verstand nichts davon, und man wollte es mir auch nicht aufklären. Abends wurde jeder einzeln in das Zimmer der Gräfin gebracht, ich zuletzt. Das Zimmer war durch eine dünne Florwand in zwei Hälften geteilt; ich trat diesseits ein, sie lag jenseits geschmückt mit kunstreichem Kopfaufsatz auf einem langen Schäferstuhle, ihre Füsse waren mit einer Spitzendecke zugedeckt. Erst brannte nur ein kleines Licht auf dem Tische ihr zur Seite, doch brachte der Druck ihrer Hand einen hohen Feuerstrahl hervor, der sich in einem brennenden Bogen niedersenkte: es war Spiekwasser, das künstlich durch die Flamme gedrückt also brannte und duftete. Sie sagte mir, dass ihre Scham es den Tag notwendig gemacht hätte, sich von der Gesellschaft zu trennen; ich möchte die Scheidewand von Flor verzeihen, ich wäre ihr sonst so ganz willkommen wie der kühlende Hauch des Abends; sie glaubte in mir die Seufzer ihrer Freundin zu hören, die so viel, so unendlich viel bei ihrem kranken kind gelitten. – Ich Unglücklicher, der den rechten Ton noch nicht treffen konnte, sagte ihr zur Berichtigung, die Krankheit sei ein unbedeutender Husten gewesen und die Professorin habe keinen Augenblick darum besorgt geschienen. – Gräfin: 'Ja, daran erkenne ich meine Freundin, an dieser Selbstverleugnung und edlen Verstellung, um ihren Freunden allen Schmerz zu verbergen; es ist eine starke Frau, aber dieser Kampf mit ihren Gefühlen muss sie doch endlich erschöpfen.' –