, der sie beide trennte, in die Kulissen. Was ist alle andre Schauspielkunst gegen die schreckliche Wahrheit solcher Darstellung. Alle waren beklommen, es schien etwas Grausenvolles sich zu entwickeln; keiner wagte es, zum Nachbar zu sprechen; allen klopfte das Herz. Maria fühlte sich so heiter in ihrer Rolle, weil sie dadurch vom ersten liebevollen Kusse wieder beschenkt worden. In der Zwischenzeit bis zum letzten Auftritte blieb Hollin so weit in der Kulisse vorstehen, dass niemand mit ihm reden konnte. Nun kam die Unterredung zwischen ihm und Leicester: der schreckliche Verrat des letzteren; sein Edelmut zog unwiderstehlich aller Menschen Neigung zu ihm hin. Mit welcher Verachtung wendete sich Hollin zu der Wache, die ihn fesseln will: 'Was willst du, feiler Sklav der Tyrannei, ich spotte deiner, ich bin frei!' Wie geschickt erwehrte er sich der Eindringenden und rief dann: 'Geliebte, nicht erretten kann ich dich, so will ich dir ein männlich Beispiel geben. Maria, Heil'ge bitte für mich und nimm mich zu dir in dein himmlisch Leben.' – Bei diesen Worten durchsticht sich Mortimer mit dem Dolche. – laut riefen alle Beifall, riefen Bravo; da ruft einer aus der Wache, der ihn aufheben will: 'Jesus, er zuckt fürchterlich und ist voll Blut.' Entsetzen überfällt alle, lähmt alle; nur Maria, in dem glücklichen Wahne, alles sei nur Täuschung, wagt es hinzublicken. Hollin winkte ihr sich zu nähern und sagte fest: 'Meine Augenblicke sind wenige, täuschende Kunst hat mich hingerafft; Odoardo wird für dich sorgen, bleibe ihm treu!' – Odoardo hielt den Dolch fest, den Hollin bei diesen Worten aus der Wunde reissen wollte, er sah als geschickter Chirurge, dass er dann im Augenblicke sterbe; wer will seinen Schmerz als Freund dabei fühlen; fast fürchten wir uns vor der Stärke des eignen Mitgefühles; Maria erwachte aus der ersten Betäubung, die sie neben ihm hingestreckt; sie beschwor ihn, für sie, für sein Kind unter ihrem Herzen zu leben; die Wunde schien nicht gefährlich; es entwikkelte sich der ganze schreckliche Irrtum, der ihn verwirrt hatte; seine Liebe und Freundschaft kehrten aus der Ewigkeit zurück, wohin er sie schon verbannt hatte. Er liess den Vorhang niederziehen, liess alle Fremden entfernen, flehete bei Mariens Vater um Verzeihung, dass er die heiligen Rechte bürgerlicher Ordnung und göttlicher Einsetzung leichtsinnig gebrochen; er wollte sich ihrer guten Folgen für Marie und ihr Kind nach seinem tod noch erfreuen, ihnen sein Vermögen sichern. Ein Geistlicher, mit Hintansetzung einiger Bedenklichkeit, trauete ihn mit der bewusstlosen Maria durch die einfachen Worte: 'Was Gott zusammenfügt, soll der Mensch nicht trennen.' – 'Amen!' sagten alle. Hollin rief aber: 'Ich habe es doch getan, Odoardo, edler Freund, sorge für sie – der Liebe Leben – ewig!' Bei diesen Worten zog er den Dolch aus seiner Wunde; das Blut strömte heftig, sein Kopf sank nieder, er war tot.
Marie drückte ihm in der schrecklichen Fühllosigkeit des unsäglichen Schmerzes die Augen zu. Odoardo musste sie gewaltsam von der Leiche wegreissen. Er grub seinem Freunde ein Grab ausserhalb der Kirchhofsmauer im Flugsande. Maria starb eine Woche später in der frühzeitigen Geburt mit dem kind zugleich. Auch sie begrub er ausser der Kirchhofsmauer neben ihm, und das Kind zwischen ihnen und alle Rosen und andre Erinnerungen ihrer Liebe. Nachdem er alles, was er liebte, begraben, ging er in ein Kloster. Sein böses Schicksal ging nicht mit ihm ein; er verlor Gedächtnis und Erinnerung, wurde froh wie ein Kind und las oft lächelnd die Briefe seines Freundes, als sei es ihm eine fremde geschichte."
Bei den letzten Worten dieser Erzählung des Grafen stand der Prediger auf, entfernte sich langsam, indem er einen offenen gang hinunterschritt. Die Gräfin sah ihm nach, lachte und fragte: "Er ist es doch wohl nicht gar selber, dieser Odoardo?" – "Ehre den Schmerz", antwortete der Graf. – "Ich weiss nicht, wie du mir heute vorkommst", meinte die Gräfin, "ganz anders wie sonst; ich bin meiner natur gemäss lustig, hasse alle elende Sentimentalität; es tut mir leid, dass Herr Hollin gestorben; könnte ich ihn retten, so tät ich's, aber den schönen Nachmittag soll er mir nicht verleiden." – Der Graf ging dem Prediger nach und brachte ihn sehr bald ganz ruhig und gefasst zurück. Die Gräfin fragte ihn: da er den Ehestand so lebhaft verteidige, so müsse er wahrscheinlich recht glücklich verheiratet sein. – "Ich bin nicht verheiratet", antwortete er, "aber ich bin versprochen, muss aber noch sechs Jahre auf meine Vermählung warten, und wer weiss, ob dann noch etwas daraus wird. Mein Leben ist sonderbar, aber vorwurfsfrei; ein Kind von zehn Jahren, das Kind eines armen Handwerkers, gewann, als ich noch Hofmeister war, meine ganze Zuneigung: noch weiss sie nichts davon; sie ehrt mich als Wohltäter und ihr liebes bedeutendes Gesicht senkt sich oft demütig zum Handkusse, während es mein ganzes Wesen beherrscht. Ich bin meiner selbst gewaltig; ich bin gewiss, dass ich dem lieben Mädchen nichts von meinem Wohlwollen entziehe; sie mag mich oder einen andern in rechter Zeit erwählen, ihre Neigung mag sie frei erklären, nie soll ein Vorwurf von mir sie bestimmen