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umgeblickt, ob Hollin nicht komme, und als der Vorhang aufging, selbst ein Kleid angelegt, das der Rolle bestimmt war.

Maria rührte durch ihr Elend als Stuart ungemein; sie war so ruhig, war so gewiss, dass Hollin seine Rolle spielen werde, und wirklich trat er unerwartet zu dem Auftritte heraus, wo er sich ihr als treuester Freund offenbaren sollte. Unser Freund, durch die Schönheit seines kräftigen Baues, durch den vorteilhaften alten Anzug gehoben, erregte allgemeines aufsehen; das Rollen seiner Augen wurde als erste Teaterverwirrung aufgenommen, man machte ihm mit Händeklatschen Mut, und Lenardo sprang triumphierend ins Parterre, um den Dank für seinen Scherz in Empfang zu nehmen. Auch Maria war bei seinem Anblicken selig erstaunt, doch gewannen beide bald genug Geistesfreiheit, um ihre Rolle auszuspielen. Mit überirdischer Heiligkeit sprach er die Rede, von der hohen wirkung des grossen Kirchenfestes. Hollin schien nur gekommen, Marien noch einmal, zum letztenmal zu sehen, und nun sah er sie in aller Schönheit, in allem Glanze, mit dem ganzen Zauber der Kunst; er fühlte erst jetzt alles Treffende seiner Rolle auf sich; er glaubte eine höhere Macht in diesem wunderbaren Zufalle und überliess sich ihrer bösen Gewalt. – Am Schlusse seines Auftrittes verschwand er; Odoardo wollte ihm nach, aber Lenardo stellte sich vor ihn und hinderte es, weil Hollin ihm geschrieben, er bäte sich aus, ihn während der Vorstellung gegen alle Anreden zu schützen; er habe die Rolle so schnell gelernt, dass er jede Pause zum Wiederholen strenge benutzen müsse. – In dieser Zwischenpause scheint er das Folgende in sein Taschenbuch geschrieben zu haben: 'So ruhig heilig traurig konntest Du vor mir erscheinen, Maria, meinen blick ertragen? – Du spielst im Leben auch zur Schau! – Mir ward in Deinem blick so weh und bang; die Engel und die Teufel alle, sie schienen von Dir loszulassen, mich zu umdrängen, mich zu fassen, die Liebe und die Rache rangen auf, die Allmacht riss mich fort: Soll durch den Tod sich Liebe lohnen, muss Liebe in dem tod wohnen! – Die Sterne gehen in ew'ger Nacht, sie drängen unaufhaltsam fort, sie schweben in einem engen raum; das Leben kämpft und erlöscht im Leben; bald ist die Bühne voll, es freuen alle sich des vielen Glänzens; die eine Bahn von Ost nach West strebt jeder zu durchlaufen; sie wollen alle sich erstickenverzweifelnd bricht dem Helden nun das Herz, der seine Bahn an ihre Bahn geknüpft. Wohl dann, bin ich kein Held, ich sterbe doch als Held! ich opfre mich, weil ich nichts anderes zu opfern hier vermag. Auf ewig soll ich von euch scheiden. Noch einmal will ich ihn, den Saum des strahlenden Gewandes, küssen, das Deinen Mond, Maria, blau umflattert; noch einmal streb ich, mich dem Ring der Kette anzuschliessen, die mich so lange hat umschlossen. Der Ring zerspringt; es klingt der laute Beifallsjubel der künstlerischen Freunde; Verzweiflung packt mich, Wut reisst geisselnd mich durch Meeresflut. Ha Kunst, du hast gesiegt! Jetzt wirft mich Nordwind auf die öde Felsenspitze; gefesselt lieg ich und kann nichts erfassen; es schimmern über mir die kalten Morgennebel und die Gestaltung all ist fern. Noch liebevoll geb ich den wolkigen Gestalten Namen; schliess Freundschaftsbündnis mit den dunklen Armen, deren schwarzer Ring durch alle Winde standhaft kämpft; da mein ich schon, ich find ihn wieder, den verlornen Ring; ich fass nach ihm mit beiden Armen, da schleudert er des Blitzstrahls zackig rollende Schlangen auf mich herab. Ich lebe nicht mehr, da hallt's im Widerhall der Felsen: Soll durch den Tod die Liebe lohnen, wird Liebe in dem tod wohnen ...'" "Das verstehe ich nicht", unterbrach die Gräfin den Erzähler. Den Grafen musste heute alles ärgern, auch das fühllose unterbrechen der Erzählung. "Es ist ja so klar: er zeigt durch den verhängnisvollen schwarzen Gewitterring die neue unechte Verbindung an, die zwischen ihm und Maria im Schauspiele dargestellt wird. ... Sie erinnern sich wohl, dass Mortimer in seiner Liebe zu Maria Stuart einen glücklichen, aber elenden Nebenbuhler an Leicester hat, den Odoardo spielte; Leicester wünscht Maria zu retten, doch ohne eigne Aufopferung; er hat den Mortimer in Verdacht, dass er gegen Marien kundschafte, Mortimer gegen ihn; eine Unterredung voll gegenseitigen Misstrauens konnte Hollin nicht ohne Bitterkeit ausführen. Odoardo wurde beklommen und wusste nicht warum; wäre er festeren Entschlusses gewesen, er hätte Hollin aufgesucht, als er eben in seinem Zimmer geschrieben: 'Gott segne euch mit allem, was ihr liebt! erleuchte euch nimmer, dass ihr eure Fehler nicht seht, behüte euch vor jeder Erinnerung an mich in alle Ewigkeit!'

Nun begann der dritte Akt des erregenden Spiels mit aller seiner Schönheit. Maria übertraf alle Erwartung. Nach der unseligen Unterredung mit Elisabet, trat unser Mortimer mit Heftigkeit auf; er schien mit dem Leben zu ringen, als er ausrief:

Was ist mir alles Leben gegen dich

Und meine Liebe! Eh' ich dir entsage,

Eh' nahe sich das Ende aller Tage.

Maria rief wie aus eigner Seele: 'Gott, welche Sprache Herr, und welche Blicke!' – Und wie er sie umarmte und wie sie ihn zurück stiess: es ist unwiderstehlich wahr und reizend gewesen. Mit welcher Gewalt warf er einen Sessel