Tagen meines Lebens mein ganzes Wesen erfüllte, das Deine Liebe mir gewonnen. Maria, die Erinnerung der blitzschnellen Stunde im Harze erfüllt mich ganz; bald liebes Lebenswunder, werde ich Dich umfangen, Dich küssen im fremden Namen, aber Dich nicht mein nennen. Du wirst mich zurückstossen. Sei nur recht hart zurückstossend, weiches Herz, verbirg Dich im Königsschmucke, Du Schönste ohne Schmuck und Kleid, damit ich nicht taumle und des ganzen Lebens Wonne in der gedoppelten Liebe der Kunst und der natur, allen zur Schau an mich reisse. Du verstehst mich noch nicht, Herzenskündige; Odoardo wird Dir alles, alles erklären; ich kann jetzt nicht, die Hand bebt mir von Lust. In neun Tagen bin ich bei Dir; eine Ringmauer umfasst uns, aber nicht ein Bett; fräulein Lenardo bist Du und ich Herr Hollin; die Lichter sind angezündet, der Vorhang rauscht auf; warum trauerst Du Maria Stuart, hat Dir die Liebe nichts verraten, kein Traum, keine Ahndung Dich umstrahlet; der Retter ist Dir nah, wie freudig will er für Dich sterben, wie selig mit Dir leben! Wie soll ich meinen Augen trauen? der harte böse Neffe Paulets, der Mortimer ist mein Hollin! Eilende Wolken! Segler der Lüfte, wer mit euch wanderte, mit euch schiffte!'
Dieses laute Vorlesen hatte Odoardo ein Vertrauen geschenkt, wozu er sonst nach seiner rückhaltenden Art schwerlich gelangt wäre. Maria erzählte ihm jetzt, welche Nachrichten sie von Hollin durch eine Freundin empfangen; erzählte ihm von des Freundes Ankunft. Odoardo, freudig dieser Ankunft, schwor ihr bei allen Heiligen, die bösen Gerüchte seien falsche Verleumdung, alles sei Missverständnis und lasse sich leicht heben; er eile Hollin aufzusuchen, um ihn zu versöhnen. Der ungeheure Wechsel von Schmerz in Freude nahm ihr wie den lange Eingekerkerten bei der Rückkehr an die freie Luft Atem und Besinnung; sie fiel sprachlos und bewusstlos in Odoardos arme. In diesem Augenblicke eröffnete Hollin, der sich noch zu einem Versuche entschlossen, alles Rätselhafte in der geschichte aufzuklären, ganz leise die tür; Odoardo war ängstlich beschäftigt, seine schöne Bürde zu ermuntern, er achtete nicht des Geräusches. Hollin starrte, wandte sich um, eilte fort und liess die tür offen, deren frischer Luftstrom die Ohnmächtige erweckte. Odoardo eilte jetzt Marien alle Briefe Hollins zu bringen, wo er von seinem Umgange mit allen den Weibern so offen, so wahr, so unschuldig schrieb, dass sie innig von seiner Treue überzeugt wurde; ihre Freude war das letzte Aufleben, die Esslust eines Todkranken. Dann eilte Odoardo in alle Wirtshäuser, seinen Freund aufzusuchen; wo er wohnte, war er unter fremden Namen aufgeschrieben, und wie wir wissen, hatte er schon seit dem Morgen das Wirtshaus verlassen. Odoardo ahndete ein Unglück, aber er durchstrich die Stadt vergebens; er begegnete Hollin nirgends.
Hollin scheint indessen weit umher gewesen zu sein, sich an den verschiedensten Orten einen Ruheplatz zu suchen, wo er sich schreibend zu sammeln bemüht war; was sollte er tun? Die überall abgerissene Schrift in seinem Taschenbuch zeigte, dass er nirgends mit sich abschliessen konnte. Wahrscheinlich nachdem er die Litanei in einer Kirche gehört, schrieb er hinein: 'Kyrie eleison, Christe eleison, ich habe euch vergeben, Halleluja dem Allerbarmer, er hat die fressende Wut eingedämmt. – Buhlerin, wie Du so leichtsinnig mit mir fromme alte Sitte gebrochen, so leicht wurde es Dir auch mit andern; wie Du Deine Eltern betrogst, so betrogst Du mich. – Musste ich Dich so wiederfinden, Odoardo, liebster Freund, ärgster Feind, in den schändlichen Armen. Odoardo, Du bist unschuldig; eine Umarmung von ihr ist reicher wie der Himmel. Noch einmal will ich sie sehen, sie umarmen, dann fort, fort, über Land und Meer.' Die Zeit der Aufführung kam heran, die Zuhörer sammelten sich. Maria ohne Argwohn kleidete sich fröhlich an; Odoardo vermied es, ihr seine Besorgnisse mitzuteilen. Es begann eine rührende Symphonie, als Hollin unbemerkt im Dunkel in sein gemietetes Zimmer zurückkam und ohne Beihülfe andrer seine Teaterkleider anlegte. Wahrscheinlich während dieser Musik schrieb er zu seiner Beruhigung in die Schreibtafel: ' ... Was es für Töne sein mögen, die aus dem inneren hervordringend den Schmerz des unruhigen Lebens übertönen? Nicht von aussen kommen sie mir, es ist die Trauermusik vor einem Toten. Zuerst der Posaunenklang, in welchem die grossen Orgelgeister erwachen, wie sie allmächtig die Kirchenwände erschüttern, dass die Betglocke leise anschlägt. In diesen lustwandeln Oboen und Klarinetten; es schallen munter Geigen und Zimbeln dazwischen. Da erschallt die erste geweckte Menschenbrust und schwebt im Gesange, empor getragen, aber der Atem geht ihr aus. Wie du so einsam trauerst, Maria, Mutter Gottes, um den verratenen Sohn; kann denn dein Sohn nicht mehr trauern, dass du ihn geboren! Warum durchbricht so selten der Strahl des Auferstandenen diese dunklen Fenster? – Es ist tiefe Nacht übers ganze Land ausgegossen. – Da muss ich in der Finsternis an die blöden Augen schlagen; ich sehe dann funkelndes Morgenlicht. – Sieh, wie die Mauern erbeben, Strahlen auf und nieder schweben, Kindlein mit goldnen Flüglein auf der Leiter herniedersteigen, die Himmelsscharen sich freundlich beugen, Luft, Luft, es öffnet sich jede Gruft, Mariens Auge die Himmelsbläue durchbricht; freudig Erbeben, seliges Leben, ewiges Licht.'
Lenardo hatte indessen mit unglaublicher Ungeduld nach allen Seiten