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ein, immer glaubt das Volk versteckte Kostbarkeiten zu entdecken, wo es verschlossene Türen findet; endlich traten sie nach aufgehauenen Türen in das Zimmer und fanden die Mädchen knieend vor einer Mutter Gottes, sie hatten einen ganzen Tag nichts gegessen; von Furcht gebleicht, sahen sie rührenden Steinbildern gleich; der Anblick erschütterte selbst das rohe Volk. Die Soldaten fragten, warum sie denn nicht zu ihnen gekommen wären, sie hätten ihnen schon etwas geben wollen, und somit warf ihnen jeder ein paar Geldstücke hin, die leichtsinnig erworben, und nahmen dafür ein paar Handküsse; auch sagte einer zu der Gräfin Dolores, sie sei das schönste Mädchen, das er je erblickt, er wolle sie heiraten, sie möchte mitkommen. Er gefiel ihr auch recht wohl, doch wie er so in sie drang, musste er schnell aufsitzen und auf und davon; sie sah ihn nie wieder. – Der Krieg entfernte sich, der Mangel wurde um so fühlbarer aller Orten, je weniger er sich durch unbestimmte Hoffnung und gewaltsame Zerstreuungen vergessen machte. Manche der harten Schuldner waren eben so arm wie die Gräfinnen, die sich jetzt ohne Scheu durch Bearbeitung ihres Gartens zu nähren suchten. Leider waren nur wenige Fruchtbäume, meist wilde Waldbäume und amerikanische Gesträuche darin gepflanzt; diese Bäume, zum Schatten in der Hitze bestimmt, mussten ihnen Feuerung geben, in den Gängen zogen sie Kartoffeln; ein paar Ziegen, die sie sich für Handarbeiten der Klelia kauften, gaben ihnen Milch, einige wilde Kaninchen, die sie in Fallen fingen, eine geringe Fleischspeise. Der alte Bediente, der sie verlassen musste, um ihnen nicht lästig zu fallen, brachte ihnen allerlei Mundvorrat; sie schämten sich nicht von ihm etwas anzunehmen, er hatte ihnen von Jugend auf manches Leckere, das ihnen der Gesundheit wegen vorentalten wurde, heimlich zugesteckt; er brachte auch die artigen Handarbeiten der Klelia ganz heimlich zum Verkauf. Dolores stand meist zu spät auf, um in diesen arbeiten etwas zu leisten, auch hatte sie am Zeichnen und an der Musik so überwiegende Freude, dass sie ausser den notwendigen häuslichen Verrichtungen, selten etwas anderes vornahm. Ihr Zeichenbuch waren aber die grossen weissen Wände im obersten Stockwerke des Schlosses, die sie sehr wunderlich mit allen ihren bekannten Historien in Kohle und Russ bemalte. Zu ihrer Belehrung und Unterhaltung blieb ihnen an Büchern nichts, als was die Schuldner wegen der Altertümlichkeit verschmäht hatten. Doch die Einsamkeit führte sie durch einen Quartanten nach dem andern; meist waren es alte historische Bücher, deren altadelige Gesinnung sie immer mehr gegen die damals allgemein sich regende Ausgleichung aller Stände einnahm; und so entgingen sie der Art neuer frecher Geselligkeit, die mit kriegerischer Sittenlosigkeit gepaart das Leben ärmerer Mädchen des Städtchens erheiterte und verderbte. Der Adel der Gegend war teils entflohen, immer im Wahne dem unvermeidlichen Schicksale zu entgehen, teils zu sehr verarmt und in eigenen Angelegenheiten zu weit verloren, um auf ein paar junge Mädchen zu achten, die in Tagen des Glücks jeden Fremden ihnen vorgezogen; denn ein Vorzug scheint es oft selbst da, wo nur die Artigkeit obwaltet, einem ganz Fremden gelegenheit zu geben, sich bekannt zu machen. Dolores, wenn sie Morgens spät aufgestanden war und zum Stickrahmen ihrer Schwester trat, hatte immer einen wunderbaren Traum im kopf, der ihr grosses Glück versprochen und sie beide belustigte; bald war ein ritterlicher Fürst verwundet in ihr Haus gebracht worden und hatte sich ihr ehelich verbunden, zum Danke, wie sorgfältig sie seine Wunden verbunden; bald hatte ihr von einem Baume geträumt im Garten, unter welchem ein Schatz liegeund dann ging sie wohl hin, grub eifrig und liess auch der Schwester keine Ruhe, bis sie ihr geholfen, und dann gruben sie, bis die Quellen, die durchdringend den Sand nässten, auch ihre Hoffnung zu wasser machten. So lebten die beiden Mädchen, jede in ihrer Art, in den Tag hinein; Klelia betete und arbeitete, Dolores träumte und erlustigte sich, ein Tag kam zum andern und endlich behauptete einer, er fange ein neues Jahr an, und so wieder und wieder, dass sie schon dreimal seit dem grossen Unglücke die Nester aus ihren Gartenhecken ausgenommen, die Vögel gross gezogen und heimlich verkauft hatten, aber kein Fürst kam sich im öden haus ein Lager zu erflehen; selbst die Bettler scheuten sich vor einem haus zu singen, vor dem das Gras aus allen Steinritzen hoch aufgewachsen war. Dolores sah einmal mit einem wunderlichen Aufwallen die geputzten Stadtleute Sonntags vorüber ziehen und sagte zu ihrer Schwester: "Sieh einmal das Mädchen, welches dort geht, ich glaube, wenn man ihr ordentliche Kleider anzöge, sie sähe wie unser eins aus." – "Wie unser einer ordentlich", seufzte die Schwester, "ich glaube, wir könnten beide in den Röcken allein ordentlich gekleidet werden, die das Mädchen zum Überfluss trägt, ihre blanke Mütze schon gäbe ein paar Kleider." – "sonderbar", meinte Dolores, "die Leute wissen nichts Rechts zu ihrem Vergnügen mit dem Gelde anzufangen, da fallen sie auf so abenteuerlichen Putz; hör, ich wollte, wir hätten Verwandte unter den Leuten, ich glaube doch, sie täten mehr für uns als unsre Lehnsverwandten." – "Hör Dolores", erwiderte Klelia, "da habe ich neulich eine geschichte in dem alten buch von Hugh Schapler gefunden, das du immer wegen der alten Sprache nicht leiden mochtest; ich habe mich ganz hinein gelesen und verstehe jetzt fast alles in den alten