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rauschte über das Wehr, Gesang schallte an einer Seite; im ganzen herrschte tiefe Ruhe und keiner dachte seiner. Und da grauete ihm, wie er dachte, dass andre noch Lust am Leben bewahren könnten, die nicht lebten wie er; er fragte sich, womit er dies Glück vor allen andern verdiene. Alles schwieg umher, auch zwei Nachtigallen, die bis dahin wetteifernd geschlagen; ihm war, als hätten sie sich tot gesungen, weil nichts ihr Glück ganz sagen und verkünden könne. – Bald eilte er von der Universität nach der Hauptstadt; die bürgerliche Ordnung, die er erst kühn gebrochen, suchte er jetzt auf, um darin Schutz, Unterhalt und Ruhe für sein Glück zu finden. Er gefiel allgemein; seine Kenntnisse waren eben so gründlich als mitteilbar; der Strom der Gesellschaft erfasste ihn von allen Seiten und er spielte mit jeder Welle, denn alles war ihm neu, und er trauete jeder.

Sie erinnern sich, dass eine Bekannte von Marien sie damals auf der Insel begleitete, wo Hollin sie so unhöflich abgewiesen hatte; dieses Mädchen, deren Namen ich verschweige, die hässlich und boshaft, dennoch das Vertrauen von Marien gewonnen hatte, hielt sich in der Hauptstadt auf, und wurde von Marien erwählt, den geheimen Briefwechsel zu bestellen. Sie hasste Hollin seit jenem Tage, und nun hörte sie in dem gemeinen Stadtgeschwätze, wie er verschiedene sehr verdächtige Frauen besuche, wie er mit verschiedenen Mädchen versprochen sei; darum hielt sie die ersten Briefe Mariens zurück, und berichtete ihr alles so bedenklich, dass Maria sich nicht trauete, wieder zu schreiben. Hollin, ohne allen bösen Willen und Absicht, in aller schlechten Gesellschaft rein und einzig mit seiner Marie beschäftigt, konnte dieses Stillschweigen nicht begreifen. Mariens Freundin leugnete ihm alle Aufträge ab, Briefe an sie zu bestellen. Endlich schrieb er an Odoardo, er möchte ihm doch von Marien Nachricht geben. Odoardo suchte mit grosser Feinheit Bekanntschaft, fand nie eine gute gelegenheit, mit Vorsicht sich zu erklären, und konnte ihm weiter nichts schreiben, als was die Stadt wusste, dass die Heirat Mariens mit dem reichen Kaufmanne rückgängig geworden; dabei warnte er seinen Freund, keiner flüchtig feurigen Gewalt eines Frühlingsaugenblickes über seine ganze Zukunft die Zügel zu geben. Maria sei kein Weib für ihn; sein umfassender Geist würde ihres kleinen häuslichen Kreises bald überdrüssig sein; die Schönheit werde bei einer gewissen Geistesbeschränkung undenklich verhasst. – Hollin lachte des Briefes; er kannte seine Marie besser; aber der Brief verschloss ihn gegen den Freund, sein Urteil schien ihm hochmütig; liess er aber seine Empfindlichkeit aus, so konnte jener das Geheimnis erraten, das er ihm mit Mühe verbarg. Er schob seinen Brief auf, bis eine Krankheit, die er rettend bei einer grossen Feuersbrunst sich zugezogen, ihn längere Zeit dazu unfähig machte. Kaum war er so weit genesen, so schrieb er in erster Freude dem Freunde; die Versündigung an Marien verwies er ihm mit wenigen Worten; dann erzählte er ihm seine Krankheit ausführlich, insbesondre einen schweren Traum, der ihn sehr gequält. 'Bald sah ich viele Erscheinungen umher', schreibt er, 'Maria in einem schwarzen Kleide, eine Königskrone auf dem haupt, trat weinend zu mir und legte eine warme Hand auf meine Stirn; Du warfest Dich schmerzlich bei mir nieder, es standen viele alte Krieger umher, man trug mich fort; die Leichenfrau war mit mir beschäftigt; ich sah mich selbst, wie ich in dem schwarzen Sarge mit zinnernen Griffen lag. Da schoss es mir urplötzlich in den Sinn; aber ich sähe ja das alles, wie könne ich tot sein; ich schauderte vor dem Gedanken, lebend begraben zu werden; ich wollte den Trauernden umher mein Leben kund tun. Aber keinen Arm konnte ich heben, mein Mund war geschlossen, nur mit den starren Augen blickte ich, um Schonung von Euch zu fordern. Da kam Marie und drückte auch diese Augen mir zu und liess eine Träne darauf fallen. Ich fühlte ihren Schmerz und den meinen, sie zu verlassen; ich konnte Euch und mich nicht mehr retten; der Sargdeckel wurde zugeschlagen, die Träger hoben mich, die Schüler sangen: Ach wie herrlich, ach wie labend ist nach einem heissen Tage, solch ein schöner kühler Abend; das Geläut der Glokken klang durch und das Weinen der Lieben, die mich begleiteten. Da sammelte ich meine letzte Kraft, Euch ein Zeichen meines Lebens zu geben, und erwachte zum Genesen.' – Mariens Freundin war unterdessen beschäftigt gewesen, ihr jede Stunde zu verkümmern; von ihr erfuhr sie, er sei durch Ausschweifungen gefährlich krank; eine sehr verrufene Frau pflege sein. Dieser Pflege, es ist wahr, dankte er sein Leben; aber diese Pflege war bloss Folge jener Güte, die fast das einzige Löbliche ist, wozu der Sinn durch ein leichtsinniges Hingeben geweckt wird; der herrliche Mann tat ihr leid, ob sie ihn gleich nie näher gekannt hatte. Sie wissen noch nicht, in welchem Grade Marie aus dem Himmel ihrer Liebe gestossen, auch in allen andern Verhältnissen durch die falschen Nachrichten der Freundin unglücklich wurde; Sie wissen nicht, was Marie sich und der ganzen Welt gern verheimlicht hätte, dass sie in wenig Monaten von den Folgen jener schönen Besuche im einsamen Gebürge entbunden werden sollte, die jetzt ihr Inneres doppelt zerrissen. Lenardo quälte sie dabei mit einem besonderen Ansinnen; er hatte die eben erschienene 'Maria Stuart' Schillers so lieb gewonnen