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die Sonne jagte durchbrechend das Wolkenmeer vor sich fort, dass eine Welt in der Reinheit erster Schöpfung vor ihnen lag, und als sie sich vom Glanze abwandten und hinter sich blickten, da sahen sie sich selbst in ungeheurer Grösse auf den Wolken, dass sie in sich tief erschauderten. Der Rat und die Studenten, die beim Kaffee den Sonnenaufgang versäumt hatten, kamen dazu und freuten sich über die Lufterscheinung des sogenannten Brockengespenstes, wovon sie alle gehört hatten. Lenardo spielte eine lächerliche Tragödienszene als Schattenspiel in den Wolken. – Da Hollin bald enger mit Marien verbunden wird, so scheint es nötig, ihre frühere geschichte zu charakterisieren. Nie gab es ein ergebneres Mädchen: der Ausdruck lässt sich durch keinen andern erklären; sie setzte sich allen nach und wo sie liebte, wusste sie nichts Höheres, als ganz demütig zu dienen, den leisesten Wünschen des Geliebten ohne Überlegung und Rücksicht entgegen zu kommen. Schon ihre Kinderfrau sagte ihr deswegen, sie werde noch viel Not erleben; mit gleicher Ergebenheit liebte sie Mutter, Bruder, und Vater, so streitig jene drei unter einander waren; jedem tat sie einzeln wohl, schmeichelte und half jedem; waren sie beisammen, dann ging ihre Verlegenheit an, die ein sehr verschlossenes Leben in ihr hervorgebracht hatte. Unserm Hollin fühlte sie sich eigen, noch ehe sie ihn gesehen, und seit der Zeit war ihr stetes Bemühen, ihm das zu beweisen, doch lange vergeblich, da seine Bescheidenheit sich solch eine Eroberung nicht beizumessen wagte. Aber sie reisten jetzt weiter mit einander, waren oft allein, durchkrochen die Bielshöhle zusammen, und verstanden sich ohne einander etwas Bestimmtes gesagt zu haben; alles war abgemacht, doch musste alles geheim gehalten werden, weil Hollin ohne Amt in den Augen des Vaters für keinen Freier gelten konnte. Bald sollte auch der ganz offenen Freundschaft gegen Odoardo ein Geheimnis aus dieser Liebe werden, denn die Liebe hat höhere Geheimnisse. Maria verweilte einige Zeit mit ihren Eltern bei Freunden in der Nähe von Blankenburg; um Marien desto ungestörter allein zu sehen, nahm er von den Eltern Abschied und versteckte sich in der Nähe in einer öden Försterhütte unter dem angenommenen Namen eines bekannten Malers, und als er die erste Nacht weit entfernt von ihr schlief, träumte er die ganze Nacht, er liege verkehrt in seinem Bette. Maria ging oft allein aus, dies fiel niemand auf; an einem der schönsten Morgen traf sie mit dem Geliebten zusammen auf dem Wege nach der Rosstrappe: sie gestützt auf ihn, er umschlungen von ihr, so strichen sie in leisem Geflüster durch das dichte Buchengebüsch; es war Sonntag und niemand begegnete ihnen. Auf einmal wurde es hell über ihnen, sie taten aufjauchzend noch einige Schritte und standen dann auf der Spitze der Granitwand, die schroff aufgerichtet steht zwischen dem Toben und Blühen freier natur im eingeschlossenen grünen Tale, von Wasserfällen durchschnitten, und zwischen dem gesetzten Wirken der Menschen, von welchem das dumpfe gleiche Stossen des Eisenhammers an der andern Seite entgegenschallte. Und sie gedachten mit Rührung der schönen Königstochter, die von einem verhassten Freier verfolgt ihr Ross mutig über den Abgrund spornte und ihm entkam. Noch war der Tritt des Rosses im Felsen zu sehen; der Regen hatte den Eindruck erfüllt und Maria liess eine Träne dabei fallen; auch sie erwartete bei ihrer Rückkehr ein verhasster reicher Freier und sie fühlte nicht Kraft in sich, den Bitten von Vater und Mutter zu widerstehen. Erst hier erfuhr Hollin diesen geheimen Kummer, der in den festen Schranken bürgerlicher Ordnung und Weltsitte ihr schönes Leben aufzehren wollte. Zu uns! deutete ihnen das Rauschen des Baches unter ihnen die tiefe klarheit des Tals, das dichte Grün, die Stimmen der Vögel in ihrer Sicherheit: ergebt euch der natur mit aller ihrer Schönheit in allen ihren Schrecken; hier unten lieget die goldne Krone der schönen Königstochter, die ihr im raschen Sprunge vom haupt fiel, euch ist's bestimmt sie zu finden, die lange aufgegeben ist. 'Ich steige hinab', sagte Hollin, 'und will da einsam mein Leben beschliessen, wenn du mir nicht folgst, Maria.' – Und so stieg er rasch voran, und bezeichnete ihr die Stufen und sie folgte ihm wie eine junge Gemse der alten, so kindlich ergeben und treu in der Gefahr nach. Und wie sie unten ins Tal kamen, da schien ihnen alle Welt anders, sie glaubten sich im Paradiese und die einzigen Menschen auf Erden; sie lagerten sich unter einer Laube, wo ein Reh aufgesprungen war; die Schranken des Lebens öffneten sich, er fand und raubte die Myrtenkrone, der ewige Bund wurde geschlossen. Sie waren eins, aber dieses Einssein war ihr alles; sie hatten die Welt vergessen, auf der sie so sanft ruhten, den Himmel, der sie so mild gedeckt hatte und der nun furchtbar schwarz über ihnen gewitterte und seine Regenschauer sandte. Mit Anstrengung aller Kraft brachte Hollin die Halbohnmächtige nach haus. 'Der Liebe Leben währt ewig!' rief er ihr scheidend; sie konnte in diesem Ungewitter leicht einen Grund ihrer verzögerten Rückkehr angeben. Sie kehrte noch mehrmals zu ihm zurück, so lange die guten Tage dauern wollten, und doch kam endlich der schwere letzte Tag, wo Hollin ihr nochmals unwandelbare Treue gelobte und ernstes Bestreben nach einem bürgerlichen Unterkommen. Als Hollin nun nach der Universität zurückkehrte, war es Nacht; einzelne Lichtfenster blickten im Tale, die Türme sahen finster über die dunkle Häusermasse hinaus, das wasser unter ihm glänzte und