und einsaugen. Und ist nicht das letzte unwillkürliche Ringen nach Leben, der Todeskampf, das letzte Aufatmen, der Todesseufzer ein eigentlicher Abscheu der natur, das Verdammungsurteil des Selbstmörders. Uns leitet das elende Zeitalter zum Selbstmorde; die meisten folgen und fallen darin, wenn sie auch nicht Hand an sich legen; lass uns mutig und kräftig dem Strome der Zeit entgegen schwimmen; wer in dem Kampfe zur Rettung jedes guten Lebens erliegt, der stirbt für die Freiheit und lebt in ihr. Bist Du aber wahnsinnig in trüben Stunden und kannst nicht anders, und musst so denken wie Werter, so lass Dich anketten in guten Stunden durch eine andre gleiche, weniger anstrengende, Dir mehr angemessene Tätigkeit, als jene ist, zu welcher Dich Dein Vater bestimmt, auf dass Dir die müssige leere Zeit zum Nachdenken verschwinde, die Dir nicht taugt und nie getaugt hat.'
Mitten in dem Schreiben wurde er durch einen Seufzer im Nebenzimmer gestört; das regte ihn an, allerlei sanfte Nachtlieder anzustimmen; es klingelte im Nebenzimmer, er hörte eine weibliche stimme; seine Lust an Abenteuern erwachte; er trat an die tür und fragte mit einer nachgemachten Kellnerstimme: 'Was beliebt?' – Eine alte Weiberstimme antwortete ihm: 'bitte' Er doch den Herrn im Nebenzimmer, dass er seine Nachtmusik bis morgen verspart, wenn wir fort sind.' – Dies Abenteuer machte ihm ungemein viel Spass; aber wie wurde er erschreckt, als er am Morgen vom echten Kellner die Namen seiner Nachbarn hörte; es war Maria Lenardo mit ihrer Mutter gewesen. Beide waren ganz früh mit dem Vater dem Brokken zugewandert. Kaum war der Kellner fort, so sprang er in sich wütend und tief gekränkt in das Nebenzimmer, alle verlassenen Reste ihres kurzen Daseins zu sammeln; sie musste ganz ihm zunächst geschlafen haben, durch ein dünnes Brett geschieden; denn das andere Bett war nach der Gewohnheit älterer Leute hoch aufgestapelt mit Kissen. Er konnte es nicht lassen, er stürzte sich in das glückliche Bett, das sie umschlossen; es war noch erwärmt, und der Duft der Gesundheit erfüllte es ganz und immer tiefer drängte er sich in das Federbett, es schlägt über ihm zusammen, er sinkt in Wohlsein unter. Als er sich zusammengerafft, sich angezogen hatte, eilte er der Gesellschaft mit solcher Eile nach, dass er sie in drei Stunden schweisstriefend erreichte; er wollte sich erst als Fremdling ihnen vorstellen, um kein Vorurteil für sich und gegen sich zu erregen. In der schönen Gegend liess er sich aber so frei aus, dass sein Geheimnis bald seinen Lippen entfiel, von Marien recht zart aufgenommen und mit einem Kranze für alles Verdienst zurückgegeben wurde, was er sich um ihren Bruder erworben. Die Mutter sorgte an einem Ruhepunkte für die Haushaltung aller, und Marie schenkte mit sorgsamen, freundlichen, fragenden Blicken den Tee ein; der Vater botanisierte nachher mit seiner Frau, die nichts davon verstand; Hollin ging mit Marien über Tal und Höhe so selig, dass er über die schöne Gegend kein Wort sagen konnte. Sie kamen bei sternklarem Himmel im neuen Brockenhause an, das wie der Mond am Berge zu ruhen geschienen, woraus ihnen aber Lenardo mit vollem Glase entgegentrat. Er neckte Schwester und Freund; der Vater stellte sich auch jung mit ihm, um sich vor seiner Frau auszuzeichnen. Lenardo brachte eine Zahl steifer Gesellen herein, die in ihren hohen Stiefeln beinahe Arm und Bein auf den Felsen gebrochen hatten; alle wusste er in Tätigkeit zu bringen, sie mussten mit seiner Schwester tanzen; auch Hollin legte seine Hand zum Walzer auf ihren schönen rücken. Dann forderte Lenardo Hollin auf, seine Schwester zur Ruhe zu magnetisieren; das war dem Vater ein sehr willkommenes Experiment, und Hollin musste sich anschicken, mit dem wundervollen Treiben des Bluts in der Nähe der Geliebten, in der ganzen Anspannung des geheimnisvollen Schwungs der magnetischen Bewegung über alle Schönheit zwischen Berührung und Nichtberührung hinzuschweben: der qualvollste Genuss in der ganzen Welt, fast wie aller Umgang zwischen Braut und Bräutigam, die zu vertraut sind, um sich Gewöhnliches zu sagen und sich nicht mehr erlauben dürfen. Einer meiner Freunde klagte mir einst in solchem Zustande, dass ihm von dem ewigen Lächeln dabei die Lippen wehe täten. Hollin lief gleich darauf ins Freie, während der Rat das Einschlafen der Tochter wissenschaftlich erklärte; er ging und stolperte über die Hexenaltäre und als er zurückkam, stand Maria in Nachtkleidern mit ihrem mund gegen die Scheiben des Fensters gelehnt, zu tief in sich versenkt, um zu bemerken wie er still einen Kuss auf dieselbe Scheibe von aussen drückte. nachher stieg er zu den Studenten auf den Turm, und trank der deutschen Freiheit ein Lebehoch! – Am Morgen früh auf, sah er Städte, Hügel, Ströme im Frühscheine durch das Wolkenmeer leise vordringen, sah die Grundsteine vieler Häuser rings, wo jetzt alles unbewohnt nur ein Schauplatz der Neugierde geworden ist, und er dachte sich ein Volk, das diese grosse natur und ihre Beschwerden in täglicher Gewohnheit gebraucht, und fragte sich, ob wohl alle Künste zu dieser herrschaft über die natur wieder hinführen könnten. Ein scharfes Wehen am Himmel verkündete ihm die Nähe der Sonne, er nahte sich dem haus und Maria trat mit einem Brockenstrausse hinaus. Er glaubte, das alles gerade so und alles umher aus einem anderen Leben vorausgesehen zu haben; er sank in stiller Andacht vor ihr nieder und betete unbewusst. Sie berührte seine Stirne mit ihrer Hand, er sprang freudig auf;