recht!" rief die Gräfin eifrig. – "Sie haben recht", entgegnete der Prediger; "ich leugne, was er von dem Hinaussetzen der Liebe über äussere Verhältnisse sagt, insofern sie doch nicht aus der Welt hinaus versetzen kann." – "Das meinte ich nicht", antwortete die Gräfin, "aber mir sind viele Beispiele bekannt, dass Ehen bloss der Ausstattung wegen gestiftet wurden, die sehr glücklich ausschlugen; das Entgegengesetzte sah ich oft bei Liebenden." –"So etwas muss man nicht sehen!" brummte der Graf vor sich.
" ... Lenardo genas, und Hollin zog sich von dem grossen Studentenhaufen zu seinen Büchern zurück; der Wunsch andre zu bilden, misslang ihm fast gänzlich, denn er wollte alles in der natur übereilen. Einsam durchstrich er zum erstenmal die schnell aufgrünende Frühlingsbühne, schwelgte an jedem neu grünen Blatte und im Laufe der krummen Fusswege kam er über eine brücke auf eine Insel; im Gefühle der Einsamkeit liess er sich einen kleinen Geiger kommen, setzte sich in eine Laube und knackte Nüsse, die meist hohl waren; sein Herz war voll. Lenardo schreckte ihn heranspringend mit den Worten auf, er werde gleich seine Schwester zu ihm führen, die heute angekommen; sein Vater sei versöhnt, Hollins Brief habe das ganze Haus entzückt, alle wären begierig ihn kennen zu lernen. Er sprang fort, ohne Hollins Antwort zu hören, der ihm versicherte, er könne in dem Augenblicke mit keinem weib reden. Hollin warf aus Verdruss Tisch und Bank um, liess den Kleinen ein Schandlied musizieren und lief in das Dickicht. Bald kam Lenardo mit seiner Schwester und noch einem Mädchen. Lenardo erklärte ihnen lachend den wunderlichen Hass seines Freundes gegen alle Weiber; beide schienen dadurch etwas beleidigt. Alles das sah Hollin aus dem Dickicht und für seinen Hass und für seine Ruhe sah er zu viel; beide verschwanden im Augenblicke. Was hätte er jetzt dafür gegeben mit Marien sprechen zu dürfen; aber er hatte sie beleidigt, was hätte er ihr sagen können; ihr Bild schwebte ihm noch deutlich vor, als sie lange fort war, und am Abend trieb er sich vor ihrem Fenster herum und meinte, wo ein Schatten durch die Gardinen der erleuchteten Fenster dunkelte, da stehe sie, und da meinte er etwas zu sehen. – Lenardo reiste den nächsten Tag mit seiner Schwester und seinem Vater fort; nach seiner Weise hatte er vergessen, irgend jemand davon zu sprechen; niemand wusste wohin. Hollin ärgerte diese Nachlässigkeit, denn er konnte nicht Ruhe finden, bis er die Beleidigung gut gemacht, der er selbst diese stille Abreise fälschlich zuschrieb; er entschloss sich zur Zerstreuung den Harz zu fuss zu durchstreichen und es gelang ihm wenigstens auf den wilden Höhen, in den grossen Ansichten der natur sich selbst mehr zu vergessen. Eines Tages kehrte er in Goslar spät abends ein; die Altertümlichkeit der Stadt machte ihn selbst alt; er ging durch die engen Gassen, von fliessendem wasser durchschnitten, vor dem rataus voll bunter Schnitzwerke, vor der alten Kirche, mit wunderbaren Bildern geziert, vorbei; ihm ward ein so wohltuendes Gefühl durch alle Adern gegossen, als kehre er nach abgebüssten Sünden von einem Kreuzzuge heim, als werde ihm morgen des Glückes Sonne einmal wieder scheinen. Im Gastofe fand er einen trüben Brief von Odoardo; 'Werters Leiden' waren dem in die hände gefallen, und fühlte er auch nicht das zerstörende, sich selbst wiederkäuende Ungeheuer in der Welt, so fühlte er doch, bedrängt von lästiger ärztlicher Praxis, die er für seinen Vater übernommen hatte, eine ewig leere lieblose freudelose Bewegung, ein törichtes ermüdendes Spiel aller Naturerscheinungen, eine ewige Wiederkehr der Jahre, derselben Blüten, derselben Menschen, ihrer Verhältnisse, weswegen man in alle Ewigkeit hin in demselben Sinne, aus derselben Apokalypse prophezeien könne. 'Wir müssen so laufen', schrieb er, 'damit die Schuhe ausgetreten werden, und sind sie ausgetreten, so sind sie zerrissen, und die neuen drükken wieder; die Unendlichkeit steht, lacht dazu verzweiflungsvoll aus der Ferne und wir können ihr Angesicht nicht erblicken. Und denke ich Deiner Freundschaft, sieh, da füllt sich meine Seele mit Herrlichkeit wie der gehemmte Strom vor mir, in welchem noch eben ein armer Junge nach Lumpen suchte, mit klarem wasser, nachdem die Schleusen erschlossen sind. Wie ist alles so voll und so leer, so freundlich und traurig zugleich: alles Tag in Nacht. Im Lichte der Freundschaft glänzt die Spitze unsres Hauptes in klarheit, aber die Augen trauren schon in der dunkelen Nacht. Tausend Menschen leben in Feindschaft eng beisammen; die wenigen, welche ihr Inneres austauschen und Freude zeugen, sie treibt der starke Bogen des Schicksals in alle vier Weltteile. Und wie wenige dieser verschossenen Pfeile erreichen ein Ziel! Gibt es ein Ziel? Könnte ich diese Welt der Bewegung nur aus mir los werden – alle Abend denke ich mit Freude und sehnsucht an den Tod einer Gräfin, von der erzählt worden, wie sie ruhig zu Bette gegangen, und in Selbstverbrennung vernichtet, ohne Verletzung ihres Bettes und ihrer Umgebung, in ein Aschenhäufchen verwandelt wiedergefunden sei.' – Hollin antwortete gleich seinem alten Schulfreunde zur Aufmunterung und Warnung: 'Dein Brief war Selbstmord. glaube mir nur dies, die meisten Menschen sind Selbstmörder, und Du gehörst zu den vielen, die es verachten ihr Leben durch einen mächtigen Giftbecher zu enden, aber das Gift gierig in tausend schönen Lebensblumen aufsuchen