seine tiefe stimme, das männlich Vollendete seines Wesens nahmen alle Zuschauer für ihn ein; auch die hohen Herrschaften dankten ihm gnädig. Jedermann musste ihm gut sein, so gar kein böser Hinterhalt war hinter seinen Augen möglich, die so lebendig mitsprachen, dass seine Seele wie in einem Glashause dachte, wo jedermann zuschauen konnte, ohne dass er etwas davon ahndete. Darum sahen die Mädchen meist nieder, wenn er sie anblickte, und die älteren Frauen in ungefährlichen Jahren lachten ihm alle freundlich entgegen; er hatte sein teil erwählt, er gab wenig auf sie acht und mich zerstreute bald die mannigfaltige Pracht des Hofes und der Frauen, die farbig unter den farbigen Zelten wie unter hohen Blumen sassen, die sie geboren, und mit ihnen an den hohen Bäumen noch zu schweben schienen. Auch mich ergriff der allgemeine Verkehr, auch ich sah ihn nicht wieder in dem allgemeinen jubel, der sich immer nach dem hof drängte und von ihm zurück strömte. Der König fragte mit Weisheit nach den Bedürfnissen der Stadt und der Universität, rühmte das zarte Ehrgefühl, die gute freie Lebensart der Studenten, ihre Begeisterung für Kunst, Wissenschaft und Vaterland. Die Früchte des Landes und die fremden Früchte des Gartens, Ananas, Melonen und Feigen wetteiferten in Fülle, Süsse und Saftigkeit; der Wein wurde reichlich geschenkt, dass selbst der Boden von seinem Opfer duftete; doch vor allem war herrlich der Gesang wackerer Jünglinge und Mädchen, deren Chöre abwechselnd, die Luft einander zuschmeichelnd, sie mit Wollust erfüllten. In diesem jubel sah ich Hollin zum letztenmal; der Hof zog fort und die Stadt schien mir ausgestorben; alle junge Leute hatten sich in die zwei Hofdamen verliebt und das Unbedeutendste, was sie gesagt, wie sie sich getragen, wiederholten wir einander."
Unterdessen hatte der Graf alle Papiere in Ordnung gebracht, und er begann die geschichte ohne alle Umständlichkeit, indem er ihr gleich einen Titel gab.
Neuntes Kapitel
Hollins Liebeleben
2 "Hollin und Odoardo kamen denselben Tag auf eine Schule, gewannen einander sogleich lieb und veranlassten dadurch, dass ihnen der Rektor ein gemeinschaftliches Zimmer anwies, das sie auch bis zu ihrem Abgange nach der Universität mit einander bewohnten. Jener war dem letzteren an Alter, Vermögen und Talent überlegen; diese Überlegenheit war alte Gewohnheit und machte keinen Riss durch ihre Freundschaft. Sie versuchten sich mit einander in allem, was das Schulleben mit sich führt; sie präparierten sich miteinander, brateten heimlich einander Kartoffeln, schlugen gemeinschaftlich ihre Feinde auf andern schulen, hielten sich zusammen heimlich einen Renommistenanzug, in welchem sie abwechselnd Kömodie und Kaffeehaus besuchten; sie waren auf der ganzen Schule unter dem Namen Kastor und Pollux bekannt; Odoardo, der früher schlimme Jahre bei seinem armen Vater zugebracht hatte, welcher Doktor in G. war, hatte mehr Bewusstsein dadurch, mehr Vorsicht und Klugheit gewonnen, war dadurch eine Art wohltätiger Hofmeister Hollins, der ihn von tausend Unbesonnenheiten zurückhielt; in allem übrigen lebten sie so in einander über, dass die Lehrer Mühe hatten ihre Handschriften zu unterscheiden. Die Vormünder schickten Hollin nach H., der Vater berief Odoardo nach G.; beides war ihren vereinigten Bemühungen unabänderlich, weil jeder vom andern die Abänderung erwartet hatte; sie trennten sich mit tausend Schmerzen und fühlten doch erst nachher, was sie an einander verloren hatten. Als sie von einander Abschied nahmen, sagte Odoardo: 'Dies ist ein Augenblick, wo wir uns trennen, vielleicht kommt ein Augenblick, wo wir uns wiedersehen, gewiss aber einer, wo wir uns hinlegen und nicht wieder aufstehen'; und erinnerte seinen Freund daran in seinem ersten Briefe und an manches andre Traurige: wie ihre kleine Schulwelt hinter ihnen bis auf die Namen, die sie in ihre Bänke eingeschnitten, bald vernichtet sein werde; dabei erinnerte er sich, wie er als Kind fest geglaubt, er werde ewig leben, bis sein liebster Spielkamerad, ein Hund, sich in der Morgensonne aufgestreckt, still geworden und gestorben sei; – von der Universität schrieb er nichts. Ganz anders beschrieb Hollin seine Gedanken bei dem Anblicke der Universität: 'Himmel, welch ein Gefühl, als ich die ersten Spitzen der Türme und immer mehr, endlich die ganze herrliche Freistatt der Jugend aus der Ebene hervortreten sah. Noch ist er nicht verhallt in mir, der innere Ruf nach Freiheit, der mich als Kind schon zum kühnen Spiele auftrieb. Ringt nicht jedes Wesen nach Licht und Freiheit, Keime, Blüten, Vogelbrut, selbst die stummen Fische verlassen im Sonnenscheine ihr Element und schlagen sich empor und rauschen über seine Fläche hin. Und wir, frei aufgerichtet zur Mittagssonne, die wir unsre Erde in Luft und wasser umkreisen und durchstreifen dürfen, sollten die Fülle der schwellenden Kraft und Freude im trägen Kleinmute des Bürgerlebens eindämmen. Der Wagen schien mir unerträglich langsam fortzuschleichen, wie die Zeit auf unsern Schulbänken. Bald kam eine Schar in ritterlicher Kleidung mit Helm und Schwert, bewillkommte uns zutraulich, ohne uns zu kennen, lud uns gastfrei zum Mahle ein und verbrüderte sich mit uns: verbrüdert uns nicht alle menschliche Gestalt, ist nicht die Liebe frei und ist es nicht der innerste Drang des Menschen, alles liebevoll zu umfassen und in sich aufzunehmen.' – Im nächsten Briefe erzählte er seinem Freunde, dass er in eine Landsmannschaft aufgenommen, einer der besten Fechter geworden sei; dass er sich bemühe ihnen dagegen seinen Sinn für alles Tiefe in der Philosophie mitzuteilen. Warnend schreibt Odoardo von seiner Universität: 'Mir ist alles hier