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selber, sonst hast du nichts zu fürchten; denn es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei. Die Lilie erhebt ihr hohes weisses Haupt, aber des Menschen Haupt, das unter ihr ruhet, erhebt sich nicht wieder; jede Lilie scheint aber der andern gleich, die im vorigen Jahre abblühte, ist es gleich eine andere; denn sie deuten auf einander und leben durch einander fort: so der fromme Mensch, der in der Gesinnung seines Volkes und mit ihm fort lebt, treu seinen Vätern in Tat und Glauben; er kennt den Tod nicht und braucht ihn nicht unter Blüten zu verstecken.

Vertraue deinem volk in der Liebe und im tod: das ist der Glaube, das wird zur Tat.

Wer seines Volkes Glauben im Glücke leichtsinnig vergisst, in der Not verlässt, den wird Gott in seiner letzten Not vergessen und in seinem Glücke verloren gehen lassen.

Hat unsre Zeit, hat unser Volk einen Glauben? wehe ihnen! wenn sie keinen haben; aber sie erkennen noch heilige Schriften und heilige Gebräuche. Da stehet geschrieben, die Ehe soll ehrlich gehalten werden, die Übertreter richtet Gott und schlägt sie in ihrer Blüte darnieder, dass sie nicht Frucht bringen des Verderbens. Sage keiner, dass ihn Gott versuche, dass er allein sei; wo zweie in seinem Namen versammelt sind, da ist er mitten unter ihnen. Ein jeglicher wird versucht, wenn er von seiner eignen Lust gelocket wird; darnach, wenn die Lust empfangen hat, gebieret sie die Sünde, die Sünde aber, wenn sie vollendet ist, gebieret sie den Tod.

Irret nicht, lieben Brüder.

Frank, der am meisten dabei geredet und am wenigsten gesagt hatte, fuhr fort: "Sie werden meine lange Rede mit meinem Alter und meinem stand entschuldigen; ich lehrte schon an der Schule, als Sie, Herr Graf auf die Universität kamen, wenigstens zwölf Jahre sind wir unterschieden." –"Doch sind Sie noch unverändert jugendlich in Farbe und Bewegung; ich würde Sie für jünger halten", meinte der Graf. – "Bei uns regelmässig Beschäftigten greifen die Lebensalter nicht voraus in einander", meinte der Prediger, "meist nach bestimmten Perioden, die auch wohl durch eine Krankheit bezeichnet sind, treten wir die grossen Stufen hinunter; durch gleiche Ordnung hört manches Mühsame auf, beschwerlich zu sein; wir kennen auf dem land wenig Anstrengungen, die alle unsre Kräfte forderten, und darum werden Sie auch bei Kriegen und andern Ereignissen, die den gewohnten Verkehr stören, dort eine Menge unerklärlicher Krankheiten und Sterbefälle finden; ja ich muss gestehen, dass selbst die Einführung der Wechselwirtschaft in unserer Gegend, an der ich eifrig arbeite, manchen alten Landwirt dahingerafft hat; mich beruhigt dabei, dass er in seinem Berufe gestorben." – Die Gräfin machte ihm Vorwürfe darüber, ob es wohl eines Menschenlebens wert sei, dass etwas gehackte Früchte mehr gebaut worden; er lehnte dies ab, indem er bewies, dass eben dadurch viel mehr Menschen künftig gut leben könnten. Der Tisch wurde inzwischen aufgehoben, der Graf führte seine Frau und seinen Freund in eine angenehme Weinlaube hinter dem schloss, die als ein grosses grünes Dach von wenigen Säulen unterstützt, an welchen der Weinstock aufrankte, ein eigenes Sommerhaus bildete, in welches die Sonne durch die zackigen Blätter gar angenehm auf die kleinen Trauben blickte. Bequeme Sitze, Birkwasser, Rheinwein und Zucker wurde von den Bedienten gebracht; der Graf zeigte dem Prediger in der Gegend umher einzelne Denkmale und erzählte deren geschichte. Die Gräfin trat mit Berichtigungen dazwischen; sie hatte alles durch die Ilse schon genauer kennen gelernt, als der Graf, ungeachtet er dort aufgezogen war und vieles geschaffen hatte. Der Graf schwieg und der Prediger bat ihn, nicht länger die Erzählung vorzuentalten, die er bei Tische versprochen. Der Graf entfernte sich einige Augenblicke, dann kam er mit einem grossen Paket von mancherlei Papieren zurück; ehe er diese geordnet, füllte der Prediger die Stille mit einer patetischen Anrede, die er irgend einmal auswendig gelernt zu haben schien.

PREDIGER: "Ihr geliebten hochgefeierten Musensitze, wie goldene Luftschlösser scheint ihr zuweilen in mein dunkles einsames Pfarrzimmer, und meine Augen gehen unter in dem Glanze. Aber hier von der Höhe eines freien reichen altritterlichen Schlosses, darf ich schon zu euch hinblicken, ihr goldenen Berge, auf denen die Musen rings auf Apollos Leier horchen, jede ihr Eigenes dabei denkend in sich; alles scheint mir hier so nahe an der Seite des Musenfreundes, an der Seite der Schönheit. Wie glänzet der Rossquell in den Abendstrahlen, es wiehert das Flügelross ..." (Wirklich wieherte in diesem Augenblicke des Grafen Rappe, der in der grünen Koppel alle Anstrengungen des vorigen Tages vergessen hatte.) "Nur ein Trunk alter Lust, nur ein Jubelgesang alter Stimmung, und ich bin wieder derselbe, dem die Zeit, wie ein Vogel in höchster heller Luftöhe mit gleichen Flügeln schwebend, stille zu stehen schien. Dieses Glas trinke ich dir zu, Mutter aller Musen, Erinnerung, du wunderbare Schicksalsgöttin alles inneren Lebens, aller Gedanken; denn wer die Töchter gewinnen will, der muss es mit der Mutter halten. Wie so ganz gegenwärtig wird mir die erste Bekanntschaft mit Hollin in H.; wie zeichnete er sich als Redner der Studenten bei dem glänzenden Morgenfeste aus, das von der Universität in dem Botanischen Garten zur Feier des ersten Besuches unsres Königs und der schönen Königin gegeben wurde; sein Anstand,