Hochmute sich über einen würdigen häuslichen Kreis hinaussetze, dessen ernste Pflichten zu erfüllen sie weder Mut noch Geschick habe, dessen Unterhaltung zu verstehen ihr Kenntnis alles einzelnen ländlicher Haushaltung abgehe. Der Fremde war ernst und wenig beredt; er sprach einiges mit dem Grafen von der Universitätszeit, die ihm noch mit jugendlichem Reize vorschwebte, und fragte nach einem Studenten Hollin, der nach seiner Zeit eines gewaltsamen Todes gestorben. – Der Graf sagte ihm, dass er selbst dabei gegenwärtig gewesen und gar lange in tiefe Betrübnis dadurch versetzt worden sei, ob er ihm gleich nicht näher bekannt gewesen; von einem seiner Freunde, der wahnsinnig im Kloster gestorben, habe er dessen Papiere erhalten, die er noch wie ein Heiligtum bewahre. – Der Prediger bat um die Mitteilung; denn er nehme recht herzlichen Anteil an dem jungen mann. – Die Gräfin fragte neugierig nach der geschichte. – DER GRAF: "Sie ist sehr lang, nach Tische will ich sie ausführlich aus den Papieren erzählen, die in meinem Zimmer liegen; kurz gesagt, sein Unglück war Folge der Eifersucht und ich habe mir seit der Zeit zugeschworen nie eifersüchtig zu sein." – DIE GRÄFIN: "Das ist nicht artig, keine leidenschaft ist uns Frauen so schmeichelhaft wie die Eifersucht." – DER PREDIGER: "Bei einem Liebhaber geb ich es zu, bei einem mann ist es aber sehr schmerzlich." – DER GRAF: " ... Mehr aber war Hollins Schicksal durch ein Hinaussetzen über bürgerliche und religiöse Verhältnisse in der Liebe zerrüttet." – DIE GRÄFIN: "Bürgerliche Verhältnisse in der Liebe?" – DER PREDIGER: "Steht nicht in der Bibel: Gott ist die Liebe, und wer in der Liebe lebt, der lebt in Gott?" – DER GRAF: "Ich kenne und ehre den Sinn, in welchem dir, liebe Dolores, die Allgewalt und Oberherrschaft der Liebe deutlich geworden ist, sie hat ohne Anstoss unser Glück begründet; aber, lieber Herr Prediger, Gottes Liebe ist nicht des Menschen Liebe zum Menschen." – DER PREDIGER: "Sie bestreiten eine Hauptstütze meines Systems, das Durchdringen der göttlichen Liebe in der menschlichen." – DER GRAF: "Nicht gegen die Möglichkeit dieses Durchdringens streite ich, aber nur das eine weiss ich gewiss, dass dieses Göttliche darin selten rein von menschlich irdischer Beimischung ist, die täuschend das himmlische Feuer nachzuahmen weiss, besonders in unsrer Zeit." – DIE GRÄFIN: "Hast du an mir diese Erfahrungen gemacht, so beleidigst du mich, hast du das an andern gefunden, so kann ich eifersüchtig werden und warum bist du böse auf unsere Zeit, leben wir nicht alle darin?" – DER GRAF: "Sei nicht eifersüchtig auf die Toten, sie sind nicht zu beneiden, so lange uns das Leben grünt; ich habe dir so oft gesagt, dass ich wenig selbst erfahren und das meiste der Offenherzigkeit andrer danke. Auch bin ich nicht frech, unsre Zeit schlimmer zu nennen als jede andre; aber das weiss ich, sie trägt der Vorzeit schwere Sünde, und diese abzubüssen ist ihr hohes Verdienst." – DER PREDIGER: "Und eben darum ist ihr die Liebe zum Troste gegeben, aber leider vertraut sie ihr nicht." – DIE GRÄFIN: "Wie kann sie ihr auch vertrauen, da gleich drei Leute, die hier beisammen, so verschieden von ihr denken." – Aus den Betrachtungen, die nun von allen Seiten eintrafen, setzen wir hier eine Übersicht zusammen:
Von der Liebe in unserer Zeit
Wie arm ist unsere Zeit in der Liebe, denn sie ist ihrer selbst ungewiss.
Der einzelne achtet sich reicher an Vertrauen, als seine Zeit und achtet sich gross, sich ihr zu entziehen.
Aber keiner vermag es, seiner Zeit zu entfliehen, wie noch keiner seine Mutter verleugnen konnte, ehe er geboren.
Was bleibt dem stolzen einsamen Flüchtling zwischen Himmel und Erde; bleibt er sich selbst?
Die Jugend eilt und bald folgen ihr die stolzen Erinnerungen. Mit den Gesängen seines Übermutes erhält der Jüngling die Blumen eines empfundenen Frühlings; aber das Lied verhallt und die Zeugen seines Glückes verwelken.
Was ist fest in dir, dauernd, ruhig?
Der Freude Schmerz, der Hoffnung Sehnen ermüden endlich doch in dem abwechselnden Tanze deiner Träume, wenn die Musik noch lange nachklingt.
Was bleibt dir, müde Seele? wo ist der Glanz der Augen, die Fülle der Gedanken, die nahe Freude, die Hoffnung der Ferne?
Dir bleibt Entsagung, Erinnerung, aber du selbst bleibst dir nicht.
Darum sind alle Gebüsche, die mit uns gross wurden, ihr vertrauter Schatten von girrenden Tauben durchflattert, dem verständigen mann nicht deswegen allein heilig, weil sie Erinnerung der unbemerkt verschwebenden Jugend sind; der holde Traum will ihm wieder kehren und er möchte den Glanz des Frühlings in der drückenden Glut des Sommers wieder erkennen. Er fühlt wohl: So ist der Frühling und so ist er auch nicht. – Und erwacht ihm im schönen Herbste der Fruchtbaum, dessen Frucht er schon genossen, zu neuer Blüte, und spinnt der blinkende Reif ihn noch blütenreicher ein, dann fühlt er wohl in Augenblicken, der Tod sei die reichste Blüte, denn er sei gewiss: sei Frühling, Sommer, Herbst; aus ihm komme alles.
Wenn dich der eingewurzelte Baum so trösten konnte, du einsamer Mensch, warum sind die freien Menschen dir nur zur Qual, zum Vorwurf; fürchte dich