1810_Arnim_005_3.txt

Umstände genau übersah, lebte in gleicher Sorglosigkeit und guter Gesundheit, den fröhlichen Tagen, die jede Altersschwäche noch lange von ihm ab zu halten schienen; mit verkehrter Zuversicht rechnete er auf Umstände, die nicht zu berechnen waren, auf den Tod einiger Lehnsverwandten, die statt zu sterben, sich verheirateten und Söhne zeugten, zuletzt auf die Lotterie. Als ihm zuerst deutlich wurde, dass er nicht gut noch einen monat seinen gewohnten Aufwand bestreiten könne, träumte ihm, nachdem er spät zu Bette gekommen, seiner Frau und Kinder Alter, als die Zahlen, in denen sein Glück begründet. Statt diesen Traum moralisch zu deuten, meinte er ihn unmittelbar zu bewähren und besetzte die drei Zahlen mit einer bedeutenden Summe in allen Lotterien; er war seiner Sache so gewiss, meinte es eine so bestimmte, himmlische Offenbarung, damit er sein angenehmes Leben fortsetzen könne, dass er mehrere Schuldner auf den Tag bestimmte, wo er alle Nachrichten von den Ziehungen erhalten. Der Tag kam schnell heran, er öffnete mit Zuversicht die Briefe, keine seiner Zahlen war heraus gekommen. Er war leichtsinnig genug über sich selbst zu lachen, und ohne den Seinen etwas von seinen Absichten zu vertrauen, nahm er Abschied, als wollte er eine kleine Reise machen, um neue Gäste zu holen, da die letzten eben abgereist; und so fuhr er ohne Unterbrechung mit dem Reste seines baren Geldes bis zu einem deutschen Seehafen, und schrieb erst in dem Augenblick den Seinen eine kurze Nachricht von seiner Lage und seinem Entschlusse in die weite Welt zu gehen, als eben ein günstiger Wind einen Ostindienfahrer, auf dem er sich eingeschifft, zum Absegeln anblies.

Drittes Kapitel

Tod der Gräfin P ... Armut ihrer Töchter.

Kriegsvorfälle

Ehe dieser Brief anlangte, waren in seinem schloss manche ängstliche herzzerreissende Ereignisse Schlag auf Schlag über die armen Unschuldigen eingebrochen. Einige Kaufleute, die seinem Vermögen schon lange heimlich nachgespürt hatten, waren mit ihrer verzögerten Zahlung dringend geworden, die Gräfin hatte sie mit Lächeln erst abweisen lassen, aber die Leute kamen den andern Tag gleich wieder und wollten etwas Bestimmtes über die Rückkehr des Grafen wissen. Die Gräfin wurde dabei von einer sonderbaren Angst ergriffen, insbesondre da ihr die längere Abwesenheit ihres Mannes befremdend schien; sie sandte ihm Stafetten nach an mehrere Orte, wo sie ihn vermutete; die jungen Gräfinnen befürchteten, ihm sei ein Unglück begegnet, Klelia betete und Dolores blieb beinahe einen ganzen Tag im Bette liegen. Ein alter Bediente, der sie einst auf den Armen getragen und dem Hauswesen mit grosser Treue vorstand, drückte ihnen die hände und sagte bedeutend: sie möchten sich nur fassen, es sei nicht alles, wie es sein sollte, er habe schon seit einiger Zeit so was bemerkt, wenn er den Herrn rasiert; er habe zwar wohl ausgesehen, aber das Fleisch sei doch nicht fest gewesen, auch habe er wie im Traume gesessen; sicher sei er krank geworden. Der Brief des Grafen löste endlich alle bangen Zweifel und erhellte wie ein Wetterstrahl den Abgrund, vor dem sie standen. Die Gräfin hatte sich bis zu der Zeit bei dem fröhlichen Leben im Wetteifer mit ihren beiden schönen Töchtern, jugendlich frisch erhalten; der Graf hatte sie aus mehr als blosser Gewohnheit unverändert wie in den ersten Jahren ihrer Ehe geliebt; seine Abwesenheit allein, die sorge für ihn hätte sie unabhängig von den übrigen Sorgen elend gemacht; sie alterte schnell und starb zu ihrem Glücke sehr bald; die Demütigung, bei der Fürstin, der sie es sonst in allem zuvortun wollte, um einen Indult vergebens nachzusuchen, gab ihr den Todesstoss. Die liebenswürdigen beiden Töchter blieben mit ihrer Trauer, die sie äusserlich aus Armut nicht einmal anlegen konnten, einsam in dem weiten schloss zurück; ein Leid bekämpfte das andre und so viel sie geweint hatten, als sie ihre erste Kammerjungfern entlassen und die gewohnten Besuche abweisen mussten, so gleichgültig sahen sie die kostbaren Hausgeräte, Betten, Silberzeug in öffentlicher Versteigerung den Meistbietenden zuschlagen. Ihr alter Bedienter wütete gegen die harterzige Schändlichkeit der Kaufleute, die durch des Grafen Unterstützung ihren Handel angefangen, durch unverschämten Betrug sich an ihm bereichert, und nun wegen einiger unbedeutender Schulden den Seinen das Letzte entrissen; er schwor, es könne ihnen nie wohlgehen, aber was half das den Gräfinnen, denen es nun recht ernstlich übel ging. Die männlichen Lehen fielen in Administration, auch aus dem haus wären die armen schönen Kinder vertrieben, trotz allen Schmeichelungen, die sie an die harten Schuldner verschwendeten, denen es zugesprochen, hätte nicht der Krieg das Städtlein durchzogen, der den fürstlichen Hof für immer aus dem schloss seiner Vorfahren entfernte und die Grundstücke im Werte so rasch herabsetzte, dass ein Haus von dieser Grösse viel mehr Last als Einkommen brachte; darum zögerten die Leute weislich mit der Besitznahme. Die Gräfinnen hatten zu dem schloss eine so natürliche Neigung, sie kannten jedes Winkelchen darin; statt dem Rate des alten Bedienten zu folgen, in seinem Häuschen ein Zimmer anzunehmen, zogen sie sich auf ein kleines Stüblein ihrer Kammerjungfern zurück und kamen nun fremde Soldaten zur Einquartierung, so schlossen sie drei- und vierfach alle Türen rings. Mehrmals drangen die müden Soldaten mit Gewalt in das Haus, und liessen sich, da sie niemand fanden, ihr Essen von der Stadt dahin bringen, tranken die Nächte durch, lärmten im haus und die armen geängsteten Mädchen horchten bange, wie sich der wilde Zug ihnen nahe. Einmal drang sogar ein raubgieriger Haufen durch alle Türen bis zu ihnen