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da wurden wir alle mit einer Ehrenerklärung dem Gerichte entlassen. Der Fürst traf die besten Anstalten zur Belagerung der Festung; das Land wurde rings vermessen, eine Parallele nach der andern eröffnet, und so laut die Belagerten die ersten Tage geschrien, so still wurden sie nachher. Der Fürst schickte Nachts einen sichern Spion herüber und der erzählte, die Festung sei ganz leer; wirklich hatten die Exekutionstruppen in der Hungersnot ein Unternehmen exekutiert, das selbst in der alten Welt, wo Troja so lange belagert wurde, Erstaunen erregt hätte. Nach dem Geschrei der Frösche entdeckten sie einen seichten Strich des Sees, wo sie ohne weiter als bis an die Kniee nass zu werden, glücklich ans Land und bald in ihre Heimat kamen. Da ihr Fürst den Verlust der metallenen Kanonen nicht so schnell ersetzen konnte, so liess er hölzerne machen, woraus statt der Kartätschen mit Erbsen geschossen wurde; man merkte im Effekte auf der Parade keinen Unterschied, und so ist die wesentlichste militärische Verbesserung im land einem blossen Zufalle zuzuschreiben. Fast hätte ich vergessen, dass ich mich nach meinem Erbprinzen ganz ergebenst erkundigt; vergebens liess ich ihn in allen Zeitungen zitieren, ihm solle sein Fehler verziehen sein und er solle ungestört regieren; er blieb fort und ich musste, ohne Versorgung, mit einer grossen Nase abziehen."

"Ja die Nase sehen wir", sagte der Baron, "nun wie gefällt Ihnen der Wetterkerl?"

Die Gräfin rühmte ihn und dankte dem Baron, ihr die Bekanntschaft eines so ausgezeichneten Prinzenhofmeisters verschafft zu haben; sie machte noch allerlei neugierige fragen über die Montur der Husarinnen, die dem Grafen missfielen. Solches Missfallen über seine Frau drückte sich aber nie geradezu aus, sondern es warf sich auf eine Nebensache; er fand es sehr unrecht, in einer Zeit, wie die jetzige, die vom Soldatenwesen ganz zerfleischt, so leichtsinnig darüber zu reden, aber ganz verrucht sei es von einem Hofmeister, über den Verlust eines so hoffnungsvollen Prinzen, den er doch mit veranlasst, in so spasshaften Übertreibungen reden zu wollen.

"Lieber Karl", rief die Gräfin, "kannst du dich denn nie in die höhere Ansicht des Lebens versetzen, wo alles Scherz wird?" Der Graf antwortete sehr ernst: "Nein, nimmermehr, selbst dir zu Gefallen nicht." – "Vergessen wir das", meinte der Baron zwischentretend, "Spass muss sein, sagt Eulenspiegel; gefällt Euch jener nicht ganz, so denkt, dass er mir gar langweilig ist, da ich ihn zum hundertstenmal höre; aber hier ist noch ein andrer viel knolligerer Spassmacher; Herr Kommerzienrat, Er hat lange genug die Butterbrote mit Fleisch aufgetürmt, nun ist Er dran; erzähl Er einmal Seine geschichte von der Prinzessin Wenda."

Siebentes Kapitel

geschichte der verlornen Erbprinzessin Wenda

Nudelhuber begann im Biedermannstone: "Ich bin ein guter, ehrlicher Schweizer, und Sie sind lauter liebe, liebe Leute, ich kann lange denken und weiss viel zu erzählen, aber ein Glas Wein muss ich mir ausbitten; wir ehrlichen Schweizer müssen unsern Wein haben, sonst wird uns das Maul trocken. Nun ja, ich soll Ihnen von der Prinzessin Wenda erzählen. Als ich mit meinem kleinen Bilderkram nach Warschau zur Messe gekommen, so warteten alle auf den Einzug der siegreichen Polacken. Es war ein heisser Sommer, das Bier war alles sauer geworden, weil die Polen keine Korkpfropfen, sondern ein Stücklein Lehm auf die Flasche stecken. Lauter liebe Leute, ausgenommen, was das Bier, das Ungeziefer und die Höflichkeit angeht. Um Gottes willen durfte ich mich bei der Prinzess Casimire und bei der Prinzess Torixene nicht sehen lassen, sie hätten mich sonst nicht wieder losgelassen; ich kenne das schon an Höfen, da kommt man des Morgens zum Frühstück und muss zum Mittag bleiben, und nach Tische spricht man so lange mit den kleinen Prinzen, dass sie einen doch auf den Abend nicht ungespeist nach haus schicken können, und so schlägt man den ganzen Tag um nichts und wieder nichts um die Ohren. Ich musste mich aber alle die Tage recht an die Arbeit halten, meine Bilder noch einmal zu firnissen; die Polen lieben das und schlagen alle Tage ein Weisses vom Ei über jedes Gemälde, was sie haben, dass es nach ein paar Jahren wie durch eine dicke Glasscheibe durchsieht. Auch musste ich meinen Kirschgeist auspacken; mit Polacken kommt ein Handelchen immer am ersten bei einem Glase zu stand; das Volk schreit dabei und kann nichts vertragen; ich aber werde niemals besoffen, ich habe einen ausgepichten Magen.

Es war gut Wetter zum Einzuge, viele Kaufleute hatten ihre Buden geschlossen, um selbst zu sehen; ich dachte, vom Sehen wird einem der Magen nicht voll, packte meinen lustigsten Kupferstichkram vor der Bude aus; aber die verfluchten Stadtnonnen teilten den Tag von ihren verfluchten getippelten, scheckigen, glänzenden Papierheiligen umsonst aus, dass ich wenig verkaufte."

Die Gräfin sah bei diesen Worten den Grafen an und sagte: "Hör nur, der Herr Kommerzienrat hält auch nicht viel auf das Bilderzeug der Nonnen; weisst du noch, wie du so böse warst, als ich den Heiligen Schnurrbärte gemacht; nicht wahr, jetzt siehst du doch ein, dass du unrecht hattest?" – Es gibt ein ganz fatales Gedächtnis, das zur unrechten Zeit meine ich; es gibt eine dumme Listigkeit, die zur unrechten Zeit verstehe ich. Der Graf erschrak in sich, wie sie so leichtsinnig an eine Zeit denken und