ergangen, wenn ich mir nicht in der Angst noch Erlaubnis erbeten hätte, noch einmal nach allen Seiten zu sehen, ob nirgends hülfe; der Kommandant könne inzwischen sein Messer wetzen. Wie ich noch kaum die vierte Weltgegend überschaut hatte, verkündigte ein Schuss vom Ufer die Anwesenheit von Menschen. Gleich signalierten wir uns. Bald sahen wir viele Menschen am andern Ufer mit der Verfertigung eines grossen Flosses beschäftigt. – Wie kann ich die Freude unsrer armen Hungerleider schildern und meine eigne, dass ich noch nicht verzehrt worden! Nach den Monturen schienen es keine Freunde, sie waren pomeranzenfarbig gekleidet, auch machten sie viele Vorsichtsanstalten, warfen Batterien auf und fingen an uns zu bombardieren. Da sie aber mit der Pulverladung knauserten und es überhaupt zu breit war, so fielen die Bomben in grosser Entfernung vor uns schon ins wasser, weshalb unsre Husarinnen sie Plumphechte nannten. Wir steckten an allen Ecken weisse Fahnen aus, die aus den Schnupftüchern der Garnison zusammengeschneidert waren: in die Mitte hatten wir, um unsern Hunger anzuzeigen, ein Brot gemalt. Diesen Flecken in den Fahnen sahen unsere Belagerer für Löcher an, wo ihre Kugeln durchgeschlagen; in der guten Absicht, uns recht demütig zur Unterhandlung zu machen und überhaupt einen bestimmten Effekt hervor zu bringen, dass es doch hiesse, wir hätten uns hitzig gewehrt, aber ihr Heldenmut habe uns doch endlich bezwungen, fuhren sie noch ein paar Stunden im regelmässigen Schiessen fort und verloren wohl funfzig Mann durch das Springen ihres erhitzten Geschützes. Die rotgeschwänzten Bomben durchzogen die Luft, die Kugeln sausten, ohne unsern Schaden, und es wäre ein prächtiges Schauspiel gewesen, hätten wir nicht so arg dabei hungern müssen; doch wurden einige erschossene Fische an die Festung getrieben, die wenigstens für den Moment uns erfrischten. Abends endlich begab sich die ganze feindliche Macht, die stärker an Geschütz als an Menschen war, aufs Floss. Es waren nämlich Reichsexekutionstruppen, und der Fürst, dem die Exekution gegen den sonderbaren Grafen aufgetragen war, hielt sich nichts als Artillerie, weil er diese für die furchtbarste Waffe hielt; vor jedem seiner Zimmer standen zwei Achtpfünder, und eine halbe Batterie reitender Artillerie hatte alle Nacht die Wache vor seinem Schlafzimmer. Was er nicht hatte, konnte er nicht senden; er sendete seinen Artilleriepark in das Wacholderbeerland und dies war der schnelle glorreiche Effekt des ersten Unternehmens: sie hatten mit Zwischenräumen nur achtundvierzig Stunden geschossen und wir waren schon zur Übergabe der Hauptfestung des Landes genötigt; aber freilich hatte die Wasserblockade schon drei Wochen an uns gezehrt. Das bewaffnete Floss näherte sich mit aller Vorsicht und brennenden Lunten, ob sie gleich wegen der Schwere kein Geschütz hatten darauf setzen dürfen. Mit welcher sehnsucht schlug unser Herz jedem Ruderschlage entgegen; der schönste Tanz war uns der ernste Marsch, den die Hautboisten auf dem Flosse spielten, und die Musik war stark besetzt, denn jeder Soldat war auch Hautboist. Das Schiff war nahe, die Nacht dunkel, da öffneten unsre Husarinnen mit solchem Heisshunger das Tor und liessen die brücke nieder, dass die Feinde auf den Argwohn verfielen, wir wollten einen Ausfall machen; sie hielten ihr Schiff an und wollten umkehren. Da fühlte ich noch so viel Kraft in mir, ihnen durch ein Sprachrohr entgegen zu rufen, sie möchten um Gottes Barmherzigkeit willen die Festung einnehmen, oder wir schössen sie alle nieder. Die kanonierenden Reichsexekutionstruppen nahmen als Generalsalve einen Schnaps, dessen Geruch uns Tränen der sehnsucht ins Auge lockte; dann entschlossen sie sich zu dem Wagestücke, die Festung einzunehmen; doch machten sie es sprachröhrlich sich zur Bedingung, so viele von ihnen in die Festung stiegen, doppelt so viele sollten von der Besatzung ins Schiff hinausspringen. Ich war keiner der letzten; jede Husarin nahm einen Invaliden auf den Arm, und so waren wir bald alle in dem Schiffe, als noch nicht die Hälfte der Feinde in der Festung waren; wiederum fürchteten sie Betrug, und als die Frösche jenseit der Festung anfingen zu quaken, meinten sie, dass ihre eingelassenen Brüder ermordet würden. Endlich war das schwierige Geschäft beendigt, sie lachten uns aus, als sie oben waren, und schworen, eine so vollendete Festung hätten sie eine Ewigkeit verteidigen wollen; da machten wir uns über ihren im Flosse zurückgelassenen Proviant her und sprachen auch wieder kein Wort; die Kinnbacken knarrten aber, als wenn Knaster geschnitten würde; endlich bekamen sie Argwohn über dieses Wesen bei uns, auch weil wir nicht fortruderten, und droheten, uns in den Grund zu bohren; wir wussten am besten, dass wir das bisschen Pulver der Festung zu Signalschüssen und als Salz an den speisen verbraucht hatten; also fuhren wir nach unsrer Bequemlichkeit ans Ufer, wo wir uns aller zurückgelassenen Kanonen, Munitionen und Pferde des Feindes bemächtigten, dessen hungerndes Angstgeschrei wir jetzt schon vernahmen. In einem kleinen Tagemarsche kam unser kleines Korps in die Hauptstadt des Grafen, der von allen den Ereignissen noch gar nichts erfahren hatte, da er eben mit der Ausführung eines seiner Lieblingsgedanken beschäftigt war, sein Reich mit gemalten Soldaten, die zwischen Fuchsfallen verteilt, die Schlachtlinien bilden, zu verteidigen. Gleich eilte er mit seinen gemalten Soldaten und dem dazu gehörigen adligen Offizierkorps dahin, seine Festung wieder zu erobern; unserm Korps wurden aber wegen der Übergabe alle Feldzeichen abgeschnitten. Nachdem aber das Kriegegericht die Schnupftücher untersucht hatte, ob sie in der tasche gebrannt und die Stücken des darauf gemalten Brotes fand, das die Notfahne bezeichnet hatte, die aus Schnupftüchern zusammengenäht worden, und sie für Brandflecken erklärte,