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dass wir auf unserm Ritt durch die vielen kleinen Fürstentümer, in das Gebiet eines gewissen Grafen geraten, dessen Sonderbarkeiten damals allgemein beredet wurden. So war auch diese Festung lange der allgemeinen Unterhaltung preis gegeben; sie ist ein kostbares Werk, auf einer, durch eingesenkte Steinmassen an einer flachen Stelle in der Mitte des Sees regelmässig erbaueten, eckigen Insel, von gehauenen Steinen nach den strengsten Regeln der Kunst befestigt; Bomben vom Ufer konnten fast nicht bis zu ihr hin und selbst dagegen war sie sehr ordentlich kasemattiert. Der Fährmann erzählte uns auf dem Wege, dass die Besatzung aus einer Kompanie der ältesten Invaliden bestehe, da aber diesen bejahrten alten Männern das Wachen unmöglich geworden, seien die verrufensten Lustdirnen der Stadt aufgegriffen, in rote Husarenmontur gesteckt und nach der Festung zur Besserung geschickt worden, wo sie exerziert mit den Invaliden abwechselnd den Dienst täten. Um ihr Entlaufen zu hindern, seien alle Fahrzeuge, diese eine Fähre ausgenommen, versenkt; aus Mangel an Liebhabern wären die meisten zu guten Töchtern geworden und liebkosten die alten Männer, wie Lot von seinen Töchtern geliebkost worden. Wir waren auf diese Garnison ungemein neugierig. Bei unsrer Ankunft, nach mehreren Signalen des Fährmanns, wurde das Tor geöffnet, wo uns die Kuriosa, die Rittmeisterin dieser unberittenen Husarinnen, mit dem schönsten militärischen Anstande nach Namen und Charakter fragte; ihres Feuers Fülle glühte in ihren vorstechenden schwarzen Augen. 'Herr Kamerad', sagte sie zum Erbprinzen, der Uniform trug, 'nichts Neues vom Kriege; wenn uns der Teufel nur einmal von dem verfluchten Gamaschendienste frei machen wollte, meinetwegen möchte er mich holen.' – Ich war allzusehr in Erstaunen, auch etwas ermüdet, um den Eindruck zu bemerken, den die Rittmeisterin auf den Erbprinzen gemacht hatte; leider lernte ich diesen erst aus der wirkung kennen, als es zu spät war. Wie erstaunte ich, als am Morgen der Erbprinz, die Rittmeisterin und die Fähre vermisst wurden und der Kommandant der Festung mit sehr groben Schimpfreden mir erzählte, der Erbprinz müsse den Fährmann mit Gelde gewonnen haben, ihn und die Rittmeisterin ohne seine Erlaubnis überzusetzen; sie hatte in der Nacht die Torwache und so wurde ihr diese Kühnheit erleichtert. Erst später habe ich erfahren, dass der Fährmann, nachdem er die Fähre versenkt, mit beiden nach Frankreich geflüchtet ist, wo mein lieber Prinz noch jetzt mit tausend anderm liederlichen Gesindel ganz unbemerkt hauset. Ich weine eine Träne seinem Schicksale; ich bin dadurch um meine Versorgung gekommen, bin landesflüchtig geworden, doch in den nächsten Tagen drängte mich damals noch nähere Not. Erst wurden dem Fährmann alle Signale gemacht, bis man sich überzeugte, seine Hütte sei ganz leer; da verwandelten sich diese Signale in Notschüsse, welche die Hirten in der öden Gegend für Freudenschüsse hielten wegen irgend einer Feierlichkeit. Nun lernten wir erst unsre Not kennen, daran der Prinz bei seiner unbesonnenen Flucht wahrscheinlich ganz und gar nicht gedacht hatte; die Festung hatte sonst monatlich nach der nächsten Stadt gesendet, um ihre Vorräte zu empfangen; der monat war im Ablaufen. Wir hatten, trotz der kleinen Portionen, auf die wir zurück gesetzt wurden, bald nichts mehr zu leben; die Festung war von dem wasser im strengsten Sinne blockiert und wir weinten oft, dass wir keinen Feind hatten, dem wir uns ergeben konnten. Ich wollte angeln und richtete mir dazu eine Haarnadel als Angelhaken ein, die ich spitz angeschliffen; die Schnur nahm ich von dem Besatze eines Kleides. Da aber die Festung ganz aus Stein gebaut war und aus Reinlichkeit keine Erde darauf geduldet wurde, so war kein Regenwurm zu finden. An Saat und Ernte war also durchaus dort nicht zu denken; etwas Kressensamen wurde über das Bild des Landesherrn gesäet, das aus schlechtem Gips geformt war; aber der Kommandant ass sie alle in einer Nacht auf. Mäuse und Ratten waren nie auf die Insel gekommen und die Vögel hatten längst eine Scheu vor den roten Husaren, die wie Vogelscheuchen an allen Ecken der Festung auf der Wache standen. Ich hatte in meinem Reisesacke Gessners 'ersten Schiffer'; ich ergötzte mich an der Erfindung und suchte nach Holz sie nachzumachen; aber da es Sommer war, so hatte die Garnison nichts als Wacholderreiser zum Kochen; die Gebäude waren alle ohne Dach über der Wölbung mit flachen Steinen gedeckt; ein paar Tische, ein paar Tonnen, zehn Invalidenbeine, waren alles Holzgeschirr; daraus wäre es auch dem feurigsten Liebhaber unmöglich gewesen, ein Schiff zu bauen; zum Überschwimmen war aber die Entfernung zu gross. Unter solchen vergeblichen Rettungsversuchen nahte der Schreckenstag, wo nach der sparsamen Aufzehrung aller Lebensmittel, durch das Los entschieden werden sollte, wer sein Leben zum Unterhalt der andern hergeben müsse. Die Invaliden behaupteten kühn, sie hätten ihr Leben so oft gewagt, sie wären alt, ein ehrenvoller Tod für alle käme ihnen zu. Die Husarinnen im Gegenteil behaupteten, sie könnten keinen Invaliden verzehren, teils aus Zartgefühl, teils auch darum, weil so einer allzu zähe und knöcherig, meist auch kraftlos sei. Der Kommandant wies endlich auf mich, weil meine Nachlässigkeit der Grund des ganzen Unglücks gewesen; alle stimmten ein; ich sagte aber, dass so bereit ich zu der Aufopferung wäre, so notwendig fände ich es nach meinem Gewissen, meinem Landesfürsten einen untertänigen Bericht über meine Erziehungsmetode und über die Fortschritte des Erbprinzen zu machen. – 'Fort ist er', riefen die Leute, 'fort mit dir!' – Wahrscheinlich wäre es mir schlimm