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"Wie können Sie sich unterstehen", rief der Graf, "wieder mein Haus zu betreten?" – "Darum bin ich auch auf dem hof geblieben", antwortete der Baron. – Ein ganz unerwarteter Einfall, der einem Zorne begegnet, setzt oft in Verlegenheit, nimmt die Besonnenheit, gut darauf zu antworten, aber der Zorn gestattet nicht das Schweigen, und so antwortet man leicht das Dummste. "Ich habe keinen Hof", antwortete der Graf, "und hätte ich einen, so wären Sie der letzte, den ich darauf anstellte." – Kaltblütig erwiderte der Baron: "Wenn Sie keinen Hof haben, so ist dies auch nicht Ihr Hof, worauf ich stehe, und Sie können mich also nicht verweisen." – Die Gräfin legte sich ins Mittel, küsste ihren Mann und sagte, der Baron hätte ihr demütige Abbitte getan, er wolle sich ganz bessern, nur möchten sie ihn nicht aus ihrer Gesellschaft verstossen. – "Wenn es meine Frau wünscht", sagte der Graf, "so kommen Sie herauf, mir sind Sie nicht hinderlicher, als viele andre Menschen, erst aber ziehen Sie sich anständig an." – Der Baron liess sein Hemde fallen und stand da in gewöhnlicher Kleidung und sagte: "Ich komme gleich, zieht Euch nur erst ruhig an; ich habe noch ein paar Bekannte zu Euch geladen, die werden Euch sehr wohl gefallen; es sind gerade Menschen wie ich, etwas geradezu, aber ehrlich und können lustige Historien erzählen; ich will heute alles wieder gut machen." – "Das schwör ich Euch", rief noch der Graf, "führt Ihr Euch heute nicht ganz gut auf, so endet es nicht gut." – Die Gräfin freute sich auf die neue Unterhaltung.

Nach zwei Stunden kam der hässliche Baron mit seinen beiden Freunden, so beliebte er sie wenigstens zu nennen; der eine, ein knochiger alter Mann mit dikkem, zwischen den Schultern eingezogenen kopf, hatte die dauerhafteste Kleidung an seinem Körper hängen: streifig geschnittenen grünen Plüsch zu Rock und Weste, schwarzen Plüsch zu Hosen, Stiefelmanschetten und Schmierstiefel; sein Gesicht war ein Ausdruck plumper Spasshaftigkeit. Der andre sah durchaus bedenklich über seine lange schmale Nase; ein altes hofmässiges Kleid, ein schlechter stählerner Degen, Schuhe mit grossen Schnallen, ein Haarbeutel, zeigten den früheren Bewohner einer grossen Stadt. Der Baron stellte jenen als den Kommerzienrat Nudelhuber, berühmten Maler und Bilderhändler aus der Schweiz, diesen als den Prinzenhofmeister Kirre vor; jener war gleich vertraut, griff nach den Händen zum Küssen, machte es sich bequem; dieser belächelte sehr fein seine Ungeschicklichkeit, wollte ihn auch verspotten, wovon aber jener so wenig merkte als ein grosser Metzgerhund, wenn ein kleiner Bologneser mit ihm spielen will; ganz zufällig kniff er dagegen den Prinzenhofmeister ganz jämmerlich mit plumpen Einfällen über seinen leichten Anzug. – Der Baron fragte die Gräfin, als die Unterhaltung beim Frühstücke etwas stockte: "Nun, wie gefallen Ihnen meine Freunde, sind es nicht gerade solche Lumpenkerls wie ich? Gleich müssen sie aber auch ihre Kunststücke machen; hört", sprach er zu den beiden, "damit sie hier wissen, was an euch, erzählt einmal die Geschichten, wo ich so lachen mussteja nicht Eure ganze Lebensgeschichte, da könnt ihr nie ein Ende finden. Fang du an, Prinzenhofmeister, lass alle deine feinen Hofgeschichten weg, wie du jedem scharfe Antworten gegeben; wir wollen nichts wissen, als die unglückliche Affäre, wie der Erbprinz dir abhanden gekommen." – "Welcher Erbprinz?" fragte die Gräfin. – "Euer ehemaliger gnädiger Herr", antwortete der Baron. – Die Gräfin sagte: "Daran nehme ich Anteil, er ist mir aus früheren Jahren noch sehr wert; fast möchte ich sagen, wir waren in einander verliebt, so wie Kinder es sind."

Sechstes Kapitel

Der verlorene Erbprinz

Hierauf begann der Prinzenhofmeister mit verschränkten Beinen ruhig sitzend seine wohlüberlegte Erzählung.

"Da ich nach dem freundschaftlichen Wunsche des lieben baron von allen frühern Ereignissen schweigen soll, die meiner Führung des mir anvertrauten jungen hoffnungsvollen Erbprinzen alle Ehre machten, und bloss von dem schmerzlichen Tage reden muss, der alle meine guten Lehren vernichtete, so kann ich es mir zur Genugtuung wenigstens nicht versagen, die Grundsätze zu entwickeln, denen ich in der Erziehung gefolgt bin, und denen ich auch auf der Reise treu geblieben, welche die Erziehung des Prinzen beendigen sollte."

"Nicht so breit und steif", sagte der Baron, "reden Sie wie gewöhnlich, sonst werden Sie nimmermehr fertig; kurz will ich erzählen, Sie reisten mit dem Erbprinzen nach haus und auf einem Seitenwege kamen Sie an einen See ..."

DER PRINZENHOFMEISTER: "Sehr gut gesagt. Ich ritt mit meinem Erbprinzen ganz allein durch einen tiefen Hohlweg; die Baumwurzeln hingen über uns in der Luft, der Weg war frisch aufgerissen, der Boden noch nass, aber der Regensturz hatte sich in einem Bache verlaufen, der uns an das Ufer eines grossen Sees brachte, das so weit man sehen konnte nichts als Wacholderbeersträuche hervorbrachte. Wir fanden ein kleines Haus und dabei eine Fähre; der Fährmann, der aus dem haus trat, fragte uns, ob wir nach der Festung übersetzen wollten, die wir jetzt wie eine Perle auf einem grossen blauen Türkis in der Mitte des Sees liegen sahen. Wir nahmen das Erbieten mit Vergnügen an; wir bemerkten wohl,