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Abscheulich", rief der Graf, "die muss eine Hexe werden, die ist es schon." – "Ei nicht doch", sagte die Gräfin, "du sollst sie gleich sehen, sie sieht nicht hässlich aus, hat klare Augen und, lieber Mann, ich habe sie zu meiner zweiten Kammerjungfer gemacht; du musst sie schon ertragen lernen." – "liebes Kind", antwortete der Graf, "du weisst, dein Wille ist der meine; aber gedenk daran, dass es eine schlechte Aufmunterung für brave Mädchen ist, wenn so ein freches verwogenes Weibsbild ihr Glück macht; nirgend muss das Geld mit mehrerer Schonung und Billigkeit wieder verteilt werden, als da, wo es im mühsamen Gewerbe gewonnen wird; manche Verschwendung ist uns in der Stadt erlaubt, wo keiner weiss, mit welcher Anstrengung es zu kleinen Hauszinsen gesammelt worden, und es fällt doch den armen Leuten auf, zwei Mädchen bei dir müssig zu sehen, die nur eines bei meiner Mutter gewohnt waren, aber wie viel mehr, so ein nichtsnutziges Mädchen in dem staat zu sehen, nach welchem die Besten umsonst trachten." – Die Frau schmeichelte und der Mann schwieg. "Wie du nun bist", sagte sie, "da habe ich den ganzen Tag allein gesessen, du lässt mich ganz allein, und habe in Angst geschauet aus dem Fenster, ob du kämest; habe dazwischen vor dem Spiegel mit mir getanzt, bis es dunkel wurde, und du gönnst mir nicht die kleine Unterhaltung mit dem wunderlichen Mädchen, mit der Ilse." – "Ach ist das die Ilse", sagte der Graf, "mit der habe ich oft auch Spass gehabt, sie hatte schon als Kind eine unverschämte Art zu antworten. Wenn sie dir gefällt, behalt sie; mir muss sie aber aus dem Wege gehen, das sage ihr." – So endete sich das Gespräch, in welchem der Graf tausend neue Beweise von der Liebe und Ergebenheit seiner Frau zu entdecken meinte; die Wahrheit ist, dass dieses verschmitzte Mädchen, die tolle Ilse, die Gräfin mit ihrem Geschwätze ganz umstrickt hatte; sie schmeichelte ihr so geschickt, kniete vor ihr, betete sie an, er zählte so viele fatale Geschichten aus der Gegend von heimlichen Liebeshändeln und Abenteuern, dass dieser Tag der vergnügteste gewesen, den die Gräfin auf dem land zugebracht hatte; der Graf und sein Zweikampf war ihr dabei fast entfallen, als ihr Ilse sagte, dass er über das Feld jage, und sie ihm entgegen winkte. Der Graf stand am nächsten Morgen früh auf, und noch voll von den Gefühlen des vorigen Tages, dachte er sich ganz in die Stimmung seiner Frau; da sass er still lächelnd und redete vor sich, wie sie gestern in seiner Abwesenheit wohl hätte träumen können. Es ist so süss sich etwas liebes und Freundliches aus der Seele eines andern zu denken, dem wir ergeben; wir versichern uns seiner in uns, und so dachte er, wie sie in allen schönen Nachgedanken über Augenblicke, die ihm wert, nach seiner Art in träumender Unterhaltung sich befunden; wie sie plötzlich erfreut, in der Meinung er komme, den Zusammenhang des Gedankens vergesse und nicht wieder auf die Vorstellung kommen könne, die sie so innerlich erfüllt hatte, und wie sie da so sehnlich ausrufe:

Sie zu haus

Was füllte mein träumendes herz?

Vergessener Schein!

Schwer trifft sich ein liebendes herz

So ledig allein.

Die Schatten sind niedergezogen,

Ich ahndet es nicht,

Die schönen Geschichten verflogen,

Mein Wundergesicht.

Wie Abend die Seen erreget

Mit fröhlichem Hauch,

So nur ein Gedanke beweget,

Bewegte mich auch.

Ich sinne und suche und springe

So hin und zurück,

Und locke zum Käfig ihn, singe,

blick einmal zurück.

Nicht mehr in dem Spiegel ich sehe

Mein lieblich Gestalt

Und wende mich abwärts und flöhe

Gern tief in den Wald.

Wie wird's ach im wald so helle,

Am Himmel, am Himmel so klar,

Es kehret zurück der Geselle,

Und alles und alles wird wahr.

Er nach haus eilend sang darauf, als spornte er in die Gitarre mit raschen Griffen:

Mein Auge treu,

Mein Ohr so wach,

Die Liebe neu

Vieltausendfach.

Was siehst du fern,

Was siehst du gern?

Auf Wäldern hoch

Das weisse Schloss,

Und rascher flog

Mein schwarzes Ross,

Die Brust, so heiss,

Beschäumt sich weiss.

Mein Auge treu,

Mein Ohr so wach,

Die Liebe neu

Vieltausendfach.

Was hörst du fern,

Was ist dein Stern?

Das Tüchlein winkt,

Das Waldhorn schallt.

Die Sonne sinkt,

Mein Herz hoch wallt;

Das Tor weit auf

Durchhallt im Lauf.

Fünftes Kapitel

Kommerzienrat Nudelhuber und der

Prinzenhofmeister Kirre

Der Graf musizierte die Lieder, und als er sie ganz in der Kehle und Hand hatte, ging er nach dem Schlafzimmer, seine Frau damit zu erwecken. Verwundert hörte er da eine Unterredung mit einem mann; an der stimme, die schnarrend und laut, erkannte er den Baron. Er trat hinein und sah, dass seine Frau am Fenster stand, ganz wie sie aus dem Bette gesprungen; der Wind spielte mit ihrem Hemdlein und zitterte in ihrem leichten Nachtäubchen; als sie den Grafen bemerkte, winkte sie ihm näher zu treten; er sah aus dem Fenster den hässlichen Baron in einem Armensünderhemde mit unbedecktem haupt, wie Kaiser Heinrich vor dem Papste und dessen Geliebten, doch fehlte hier der Schnee.