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trübe Zeit dem Grafen mit Andacht geheiligt hatte, trat der Fremde, den wir als Prinzen von Palagonien kennen lernten, zu ihm; es war das erste Unternehmen des unentschlossenen Prinzen, als er ihm seine Freundschaft so offen, so gutmütig antrug, dass der Graf sich ihm ganz erschlossen fühlte. Die beiden unglücklichen Freunde erheiterten einander mit der Erzählung ihrer Schicksale; der ruhigere Prinz mässigte die heftigen Ausbrüche des Schmerzes im Grafen, die rastlose Tätigkeit des Grafen zerstreute den von aller Welt zurückgezognen Prinzen durch wiederkehrende Berührung mit derselben. Oft glaubte der Graf, seine Dolores habe ihm aus dem Himmel diesen edlen Freund zugesendet, er schien ihm eine einsame Insel, die aus einem wilden Meere, das ihm alles entrissen, hervorgegangen, ihn freundlich aufgenommen und erhalten hatte. Lange verweilte der Minister bei der frommen Herzogin. Der Anblick seiner sterbenden Dolores hatte ihn tief gerührt, aber die Erinnerung war ihm nicht fürchterlich; dagegen liess ihm das Andenken an die Fürstin in Träumen keine Ruhe, oft erschien sie ihm auf einem glühenden Trone und flehte ihn an, dass er für sie beten möge. Er lebte vom Troste der Herzogin und konnte sich lange nicht zur Abreise entschliessen. Der Kammerjunker musste in Aufträgen von ihm den Erbprinzen aufsuchen; die Erzählung des furchtbaren Ereignisses wirkte auf den leichtsinnigen jungen Mann, er entschloss sich von dem gewohnten Leben abzugehen. Seine Kameraden staunten und frohlockten über seine Verwandlung in einen Fürsten, jeder hoffte durch ihn seinen Vorteil, nur Furiosa, die sich durchaus in seine neuen Gesellschaften nicht finden konnte verliess ihn. Der Leichnam seiner Mutter, der Fürstin, wurde in einem halben Jahre von den morgenländischen Balsamen, womit ihn die Ärzte gegen Verwesung schützten, hinlänglich durchdrungen, um die warme Luft ertragen zu können. Die sorge für diese geehrten Überbleibsel verpflichtete den Minister endlich zur Abreise nach Deutschland, der Abschied von seiner Tochter, von seinen Enkeln wurde ihm sehr schwer. Er selbst setzte sich in den Wagen, der den Sarg verschloss, und von allen Kirchen traurig bewillkommt wurde. Die Dichterin folgte ihm in einem anderen Wagen, sorgsam beschäftigt mit seiner Pflege; er erkannte es, denn er war weich und milde geworden durch die harten Stösse des Geschicks. Als sie so durch die Pontinischen Sümpfe zogen, gedachte sie mit Leidwesen, wie die Wahrheit alles Schauerliche ihrer Dichtung vom Hylas übertroffen. Nachdem die Fürstin in der Gruft ihrer Väter beigesetzt worden, traf der Erbprinz in der Hauptstadt ein, er wusste von dem land nichts, hatte aber Kenntnis der Zeit, er überliess die meisten Geschäfte dem Minister, der aus Liebe zu ihm und zum land alles wieder übernommen hatte. Tage und Nächte voll sehnsucht nach dem stillen land, das alles Verlorne wiederzugeben verspricht, vergingen dem Grafen leichter, seit ihm sein Freund, der Prinz, den Gedanken eines Denkmales auf die geliebte Dolores mitgeteilt hatte. Unablässig betrieb er die Arbeit, sie beschäftigte die geschicktesten Bildhauer, und ehe ein Jahr vergangen, erblickten die Seefahrer mit frommem Danke die übergrosse Bildsäule der Gräfin, wie sie mit der einen aufgehobenen Hand warnend, mit der andern ausgestreckten segnend, von ihren zwölf Kindern umringt, auf der Spitze einer gefährlichen Klippenreihe, die bis dahin der Untergang mancher Hoffnung und manches Lebens geworden, milde aus dem Himmel herableuchtend ihnen erscheint. Ihre Augen und ihre gräfliche Krone, und die Augen und Kronen ihrer Kinder werden jede Nacht durch eine kunstreiche Einrichtung wie ein neues wunderbares Sternbild erleuchtet, das noch hell glänzt, während alle am Himmel hinter Wolken erloschen; die Seeleute nennen diesen Leuchtturm "Das heilige Feuer der Gräfin" oder auch "Das heilige Feuer der Mutter". So oft der Graf dieses Denkmal beschaute, musste er des Verlobungsringes gedenken, welcher in der Meerfahrt verloren gegangen; mit wunderbarer sehnsucht wünschte er ihn zurück, der Ring hatte ihn an das Meer gebannt; tagelang stand er traurend am Ufer, und suchte nach ihm im Sande. Vergebens waren alle versprochenen Belohnungen, den Ring aus der Tiefe zu hohen, die Stelle, wo er hinein gefallen, war unergründlich. Was keinem anderen möglich, gelang dem Freunde, der Prinz brachte ihn an einem heiteren Morgen freudig unserem Grafen zurück; wie er ihn erhalten, bleibt ein Geheimnis.

Alle Liebe, die der Graf mit diesem Ringe der Verstorbenen geschenkt hatte, wandte er nun zu dem ewigen göttlichen Vorbilde aller Leidenden, den dieser Ring in dem Kreise der Apostel darstellte, auch fühlte er sich durch den Anblick desselben wieder erfrischt, das Leben zu ertragen und es in allen seinen übrigen Wirkungskreisen zu vollenden, er fühlte sich gestärkt, bei dem Rufe seines bedrängten Vaterlandes, sich von dem grab seiner Dolores loszureissen, den Deutschen mit Rat und Tat, in Treue und Wahrheit bis an sein Lebensende zu dienen; ihm folgten seine Söhne mit jugendlicher Kraft.

Fussnoten

1 Hölderlin siehe Tröst-Einsamkeit S. 73. 2 Dieselbe geschichte in Briefen ist erschienen Göttingen 1802; in diesem erzählenden Auszuge habe ich erhalten, was noch belehrend schien. 3 Die ganze Trauungsrede ist zu finden in dem braven buch von Sailer: An Heggelins Freunde, München, Lentner, 1803. 4 Viele einzelne Äusserungen dieser Briefe finden sich in einer schönen alten Sammlung christlicher Ermahnungen, die ich in einem Pergamentkodex besitze. 5 Vgl. Anhang zum ersten Bande des "Wunderhorns", S. 438. 6 Chymische Hochzeit Christiani Rosenkranz, Strassburg 1616. 7 Für Unkundige wird bemerkt, dass echte Diamanten vor dem Brennspiegel verbrennen, Quarze dagegen bestehen.