ihm die Hand und sagte: "Mein teurer Vater, wie müssen wir uns wiedersehen! Gehen Sie nicht weiter, im nächsten Zimmer liegt Ihre sterbende Tochter Dolores, die ich vor wenigen Stunden gesund verlassen; sie ringt mit fürchterlichen unerklärlichen Träumen, die in einander sich vermehren und keiner mehr beschwichtigen kann. Ich habe mich einen Augenblick entfernt, denn meine ganze Seele ist zerrissen, und selbst dem himmlischen Troste ist mein erschüttertes Herz geschlossen." – Bei diesen Worten sank sie schluchzend in des Vaters arme. Die Sonne sank unter und das Geheimnis umschloss noch alle, da kam der geistliche Sohn Johannes, den eine Botschaft aus dem schloss hinberufen, und trat an seiner Mutter Bett. Bei seinem Anblicke kam ihr die klarheit des Geistes wieder. O dieser schönen letzten klarheit; sie war so ganz bei sich, als sollte sie noch eine Ewigkeit unter den teuren Seelen leben, die sie so bald verlassen sollte, die sie aber wohl noch als ein allgegenwärtiger liebevoller Schutzgeist umwohnen mag. Die ersten Äusserungen ihres erwachten Bewusstseins waren Grossmut und Aufopferung, sie sagte dem Grafen, dass sie nach ihrem tod keine Frau wüsste, die ihm tröstlicher sein könnte, die ihm und ihren Kindern mehr zugetan wäre, als die Fürstin; Deutschland würde ihn freudig empfangen. Der Graf hielt diese Äusserung noch für bewusstlose Schwärmerei und bat alle umher, von dem tod der unseligen Fürstin zu schweigen; die Gräfin aber hatte dies vernommen und erfragte allmählich die traurige Begebenheit, sie betrauerte der Fürstin Leiden und erfreute sich der unwandelbaren Liebe ihres Karls. Das Geheimnis seiner Reise, der Planetenring, den er ihr zum Ersatz des verlornen Verlobungsringes an den Finger steckte, durchdrang sie mit dem Vergnügen ihres ganzen Lebens, es war ein neuer Bund mit dem Geliebten und die Scheidende schien ihm noch so schön, wie in den ersten Stunden seiner Liebe. Nie fühlte sie sich ihm so nahe, ihre Fehler waren ihr ein fremdes abgelegtes Kleid, wie ihr Körper, sie fühlte sich durch ihre Busse ihrem mann und der Welt versöhnt, sie scheute sich nicht eine Ewigkeit zu bleiben, wie sie in den Augenblicken geworden und ein Rückblick in das veränderliche sterbliche Leben machte ihr Schmerz. Noch gedachte sie ihres Vaters mit sehnsucht und auch dieser Wunsch war ihr durch seine Nähe schnell gewährt. Sie fühlte sich sehr schwach und begehrte die letzte Ölung aus den Händen ihres Sohnes Johannes, der sie ihr mit Würde und Heiligung erteilte; die fackeln erhellten das stille Zimmer, in welchem nur das Schluchzen ihrer Lieben zuweilen die fromme Segnung unterbrach, draussen hatte Sturm die Himmelsfackeln ausgelöscht und die Schiffe wurden entmastet vorübergetrieben. Dolores betete mit Erhebung und segnete die Ihren, sie gedachte der am Morgen aufgefundenen Worte Christi: "Wahrlich ich sage dir, heute wirst du mit mir im Paradiese sein"; da füllte ein Blutstrom den betenden Mund, ihr Tod war kein Kampf mehr wie ihr Leben, sondern der Anfang des Friedens. Sie starb den vierzehnten Juli, an demselben Tage, in derselben Mitternachtstunde, in welcher sie vor vierzehn Jahren die heilige Treue gegen Gott und ihren Mann gebrochen.
Ewige Gerechtigkeit, warum musste sie sterben? Dass dir schaudre Mensch, vor der Gewalt der göttlichen leidenschaft, der allmächtigen Liebe, welche von der Jugend so oft in törichtem Leichtsinne aufgesucht und ausgefordert wird; – dass dir nicht graue vor dem tod, sterblicher Mensch, denn er ist dir gewiss; dass du gedenkest in ihm deines Lebens und dessen unerschöpflich reicher Erfahrung. Der Zukunft gehört alle Welterfahrung, möge keinem ihre gute Lehre zu spät kommen; wer sich nicht verschliesst, dem ist sie nicht verschlossen, in ihr lebt alles Vergangene ein vollkommenes Leben. Der Mensch steht aufgerichtet in der Welt, dass er sich umschaue mit offenen Augen; oft will er sich begnügen mit seinem Kreise, aber die Not treibt ihn gewaltsam auf die Höhen, die seinen blick erst beschränkten; da strahlt ihm das Licht der Welt, sie liegt unter ihm, die dunkle Erde scheint leuchtend, oben umschliesst ihn das ewige Blau. Zu dem Lichte möchte der Mensch dann aufsteigen, da beweist ihm die irdische Schwere schwindelnd in ihm ihre letzte Macht: Er fühlt, dass sie ihn stürzen kann, und er betet zu allem, was ihn erhoben, dass es ihn nicht zuschanden werden lasse. Da scheidet sich sein Wesen, das Blut aus tiefem irdischen Triebe aufwallend zur höheren reinen Luft füllt den betenden dürstenden Mund, der Mensch stürzt nieder, sein Göttliches steigt empor – dies ist der Tod auf den Höhen der Welt, so beschreiben ihn die Reisenden, die hohe Berge besteigen. Der Graf, die Herzogin, die Kinder, niemand wollte von der Sterbenden weichen; Johannes stand allen bei mit heiliger Kraft, als die Verzweiflung über den unglücklichen Verlust sie beim Leichenbegängnisse ergriff. Die Nachricht ihres Todes verbreitete sich durch die Sterbeglocke der Schlosskapelle durch die ganze Insel, die Glocken läuteten, wie bei einem Erdbeben, alle fromme Seelen beteten für sie, viele dankbar für empfangene Wohltaten. Dem Grafen blieb nach dem unendlichen Verluste viel, seine Trauer und zwölf schöne Kinder, seiner Dolores Abbilder im Spiegel Gottes und eine liebende Mutter für alle, die Herzogin. Die Welt wünschte bald wegen der Kinder die Vermählung des Grafen mit der Herzogin; aber es ziemte nicht dem Schmerze beider, nicht der Gewohnheit ihres Lebens, auch bedurften sie keiner anderen Vertraulichkeit miteinander, ihr Sinn und ihr Herz waren im Denken wie im Handeln eins. Nachdem Johannes die erste